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Jeschurun · 1885-08-20 · Heft 34 (20.8.1885) · p. 537

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 34 (20.8.1885)
Article
Der Kriegsgefangene
Date
1885-08-20
Page
537 (sequence 1)
Language
German
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M 34. Fefchurmr. 537 er Kriegsgefangene. von Iedidrnh. Es jubelt Rom, da Zion war gesunken, Der stolze Feind im Staub, am Boden lag; Drum feiert hcnt', von! Frc-üLcu'üume'. trunken, Die Rönierjugend frohes Festgetag. — Doch ach! in finstern, dunkeln Kerkern schmachten Die Edelsten ocr heit'gm Gottesschaar, Sie, die das Gotteswort einst treu bewachten, Sind jetzt bewacht vom röm'schcn Legionär. Einst schauten sie den Dienst in Gottes Hallen, Einst!anfdjtcn sie Psalm er!-Melodei, Jetzt hören sie die Götzcnlieder schallen, Zum Sturz des Tempels freudiges Geschrei. I!n tiefsten Kerker, fern von Lust und Sonne, Ein hoher Greis in schweren Ketten liegt, Ein Fürst des Gottesvolkes — Gottes Wonne, Er ist gefesselt, da der Heide siegt. Weiß wallt sein Bart von seinen edlen Wangen, Die hohe Stirn, sein Antlitz bleich, wie todt — Sein Aug' ist hell — als in die Stadt sie drangen. Schaut' er den Sturz des Tempels, Zions Noth. Er stand voran den edlen Gottesstreitern, Mit seinem Wort begeistert' er zur That — Und ihn allein, allein von den Begleitern, Gefangen nahm der römische Soldat. So ruht er nun auf kalter, feuchter Erde, Der hehre GottcSsürst, ohn' Speis' und Trank — Er weiß es nicht, was einst sein Schicksal werde — Doch nur am Körper, nicht am Geiste krank. Er klaget nicht, — nicht rinnen feine Thränen, Er kennt der Zukunft rosiges Hosfnnngsiicht, Mag immerhin der Heide Gort verhöhnen, Es wanket Judah wohl, doch stirbt es nicht. Er denkt des Wortes göttlicher Propheten, Er denkt der Treue, die einst Gott verhieß — Tönt immerhin, ihr römischen Trompeten, Ihn stört cs nicht im finsteren Beriicß. — . Da schreckt ec auf ans seinem tiefen Sinnen, Es öffnet sich des Kerkers schwere Thür, Ein röm'schcr Sklave ruft zu ihn! nach Innen: ״Erheb' Dich, jüdischer Hund, und folge mir!" Er löst dem Greis das Eisen von dem Fuße, Doch werden seine Hände ihm nicht frei — Sie schreiten fort — ob schon zur Todesbuße? Er weiß es nicht, doch sehnt er sie herbei. Zum Siegesfcst im herrlichen Palaste Schwelgt beim Gelag die edle Jngendschaar, — Schon Trunkenheit vom Feuer-Wein sie faßte — Mit Blumenkränzen im gesalbten Haar. Und lauter, immer lauter wird das Toben, Es glüht das Antlitz heiß von Wein und Lust — Da hat ein toller Zecher sich erhoben, Ruft den Genossen zu ans heis'rer Brust: ״Heut' feiern wir ja die verfluchten Juden, Sic sind ja Schnld, daß heut' sich freut das Herz — Wie wär's, wenn wir uns einen hierher luden Zn liufcnu Gastmahl, uns zu frohem Scherz. Dru'.n bring' man einen alten Juden, Brüder — Aus, Sklave, sput' Dich, eil' zum Kerker hin —!״* Der Sklave eilt — die Andern wenden wieder Sich zu der Schwelgerei in trunknem Sinn. Musik ertönet, und die Weine fließen, Die Tänzerinnen schwingen sich im Kreis — Man lacht, man tobt mit Händen und mit Füßen Der Sklave kommt zurück — mit ihm ein Greis. Er staunt, die wilden Zecher dort zu schauen. So sieht nicht ans des TodeS blut'ger Ort — Bestürzt schaut er die leichtgeschürzten Frauen — Er will zurück, aus diesem Jubel fort. ״Hicrbteiben. Jude! Ans, Du sollst uns springen- Mit jenen Dirnen einen lnst'gen Tanz! Sollst uns zum Scherz ein feines Licdlein singen!" Man legt aufs Haupt ihm einen Blumenkranz. ״Du zögerst, Hund? Wir sollen Dich wohl bitten?! Es soll'n die Mädchen wohl noch schöner sein?!" Sic springen ans, sie packen, drängen mitten In loser Dirnen Schaar den Greis hinein. — Da — plötzlich wird es finster in dem Saale — Ein Wolkenschleier hüllt den Himmel ein — Ein Donncrschlag — ein Blitz — und die Pokale. Zur Erde fallen, eS verstummt das Schrei'n. Hoch steht der Greis, die Ketten sind zerrissen, Von seinem Antlitz lenchtet's wunderbar — Ein hehres Gottesbild — zu seinen Füßen Liegt stnmm, entsetzt der wilden Zecher Schaar. ״Das ist die Stimme Gottes, die mir tönet! Hört ihr den Hellen, frohen Schosarton? Ich komme, Gott, — zu Dir mein Herz sich sehnet, Nimm hin zu Dir mich, Jndah'S treuen Sohn! Hört.ihr, ihr feigen Römer, jene Stimme, Hört ihr den Donner, der dort oben rollt? Mir klingt zur Freude er, und -euch im Grimme, Mich Liebt mein Gott, der Euch, ihr Sklaven, grollt?

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