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Jeschurun · 1885-08-20 · Heft 34 (20.8.1885) · p. 536

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 34 (20.8.1885)
Article
Reb Mausche
Date
1885-08-20
Page
536 (sequence 3)
Language
German
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536 hatte. Welch ein gedarrten׳, kampf- und strebenrciches Leben hatte dieses Männlein mit den heitern, offenen Augen, dem blühend rothen Gesicht und der unscheiubaren glatten Stirne hinter sich! WaS für eine beispiellose Frömmigkeit, welch geläuterte Lebens- und Weltanschaunng mußte das sein, welche cS möglich macht, nach solchen Zerwürfnissen eine so ungetrübte, harmanische Zufriedenheit zu erreichen! Jetzt war mir nichts räthfelhaft mehr, alle die einzelnen sonderbaren Züge vereinigten sich zu einem vollkommenen Ganzen, welches mir in einer gloricnhaften Beleuchtung, als das Charakterbild dieses unvergleichlichen Menschen vorschwebte. Ich hatte in der Vergangenheit ein Piedestal gewonnen, würdig, daß sich das Standbild dieses Mannes auf demselben erhebe. Ich stand bewegt aus und mit Thränen in den Augen drückte ich dem alten Manne die Hand. Er begleitete seinen Gegendruck mit einem dankbaren, verständnißvollen Blick. Als wir uns der vorgerückten Zeit halber bald darauf entfernten und ich als der Letzte zur Thür hinausschreiten wollte, erfaßte Reb Mansche meine Hand und sagte leise: ״Ich danke Ihnen, mein Freund — Sie haben mich verstanden!" * * * Au einem der letzten Ianuartage schritt ich, fest in meinen Winterrock gehüllt, eilig über die Gasse Der Schnee knirschte laut unter jedem meiner Schritte. Es veisprach ein klarer, bitterkalter Wintertag zu werden. Bitterkalt wars eigentlich schon jetzt, nur die Klarheit war erst für die Mittags- und Nachmi! tagsstunden zu erwarten. Auch der Sonne schient zufrieren. So roth wie eine srostgeröthete Nase stieg sic am östlichen Rande des blauen Himmels, in einen dichten Nebelmantel gehüllt, empor und warf einen grellen Schein aus die schneebedeckten Dächer. Ein dünner Nebel schwebte in den Gassen, Menschen und Thiere bliesen dicke Dampsknäuel aus Mund und Nase. Bon der Thurmnhr klang die zehnte Vormittagsstunde; ich deschleuuigte daher meine Schritte, um noch rechtzeitig beim Beginn des Vortrages im Hörsaale anwesend zn sein. Da kam mir Red Mansche gerade entgegengestürmt. Er stürmte im wahren Sinne des Wortes und sein Angesicht trug die Zeichen höchster Erregtheit. Seine Wangen waren noch gerötheter als sonst. Schweiß bedeckte seine Stirne und 11m den cntblöstcn Hals hing lose das Halstuch herab. Er schien mich zu übersehen und wollte an. mir vorbcirenncn, aber ich stellte mich ihm in den Weg. ״ .׳Um Gottes willen, Neb Mansche," rief ich er-, schrocken, ״was giebt's, daß Sie so aufgeregt sind? Sv׳ knüpfen Sie doch Ihr Halstuch fester und wischen Sir.Sich , den Schweiß von. der Stirne.. Sie' sind ja ganz erhitzt — es ist unvorsichtig von Ihnen, in diesem Zustande sich der grimmigen Kalte auszusctzen." ״Lassen Sic mich, lassen Sie mich," sagte er mit einer Stimme, welche noch von einer hochgradigen Erregung bebte, ״was knmmert'S mich, daß es kalt ist? — I.h sage Ihnen, wenn man sieht, wie erbärmlich schlecht die Menschen sind, so kann man noch auf seine alten Tage die Lust am Leben verlieren!" Dabei gestikulirte er heftig mit den Händen, und eine tiefe Empörung flammte aus seinen kleinen Augen. Es mußte ein ungewöhnlich großer Verdruß sein, der den ruhigen, leidenschaftlosen Mann so auszuregen vermochte; ich hatte ihn, seit ich ihn kannte, noch nicht so empört gesehen. Ich war ernstlich um die Gesundheit Neb Mansche'S besorgt, um so mehr, da ich seine schwache, Physische Widerstandsfähigkeit kannte. Als ich also sah, daß er meine Mahnung ganz überhört hatte, erfaßte ich selber die Enden des Tuches und band es ihm fester um den Hals. ״So erzählen Sie mir Loch, was Ihnen denn so Unangenehmes widerfahren ist." ״Nein, das hätte ich doch nicht gedacht, daß der S. so ein elender, engherziger Mensch ist," sagte er, wie zn sich selbst redend. — ״Denken Sie sich nur, da kommt heute zu mir ein armer, aber sehr braver und ehrbarer Mensch und klagt mir sein großes Elend. Er könne beim besten Willen nichts erwerben, sein Weib liege krank in einem feuchten, ungeheizten Zimmer und er habe keinen Bissen Brod, um ihn seinen weinenden, hungrigen Kindern zu reichen. Und dazu drohe ihm noch sein Micther, er werde ihn ans die Gasse setzen, wenn er ihm nicht den HauSzinS bezahlt, welcher schon vor vier Wochen hätte entrichtet werden sollen. Der Mann weinte mb rang verzweifelnd die Hände. Zum Unglücke habe ich momentan auch nicht einen Kreuzer im Hause, — leider GottcS verdiene ich jetzt kaum so viel, als ich für meine eigenen Bedürfnisse brauche — und dann wäre ja dem Manne mit einer kleinen Gabe ohnehin nicht geholfen. Da denke ich mir, ich probire mein Glück beim S.— was kann dem reichen Manne an der für ihn verschwindend geringen Summe gelegen sein? — Sollte er sie mir aber trotzdem nicht schenken wollen, so werde ich das Geld von ihm auf eine kurze Zeit entleihen. Ich versichere Sie, am Wege zu S.war's mir, als wenn ich Spicßruthen liefe, denn ich wußte schon von früher, daß er nicht zu den edelsten Menschen gehört, was thut man aber nicht alles, um einen leidenden Menschen ans der Noth zu befreien? (Fortsetzung folgt.)

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