Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1885)
- Article
- Reb Mausche
- Date
- 1885-08-20
- Page
- 535 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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aufs Angesicht und rczitirte mit thränenerstickter Stimme das große Sündcnbekenntniß, wilde Schläge gegen meine Brust 'führend. Als ich das letzte Wort des Bekenntnisses gesprochen und die Faust das letzte Mal an die Brust geführt hatte, schwanden mir die Sinne und ich fiel leblos zusammen. —-- Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich im Krankenbette, an dessen Kopfende mein Onkel mit besorgter Miene saß. Meine Quartieröleute hatten ihn von meiner Erkrankung benachrichtigt, worauf der gute Mann sofort herbeigeeilt war. Wir befanden uns schon in den Halbfeiertagen des Laubhüttenfestes, über eine Woche hatte ich in den Phantasien eines Nervenfiebers gerast, welches ich mir durch die übermäßige Gemüthserschütterung jenes Tages zugezogen hatte. Das Fieber war nun im Abnehmen, dafür aber machte sich ein stechender Schmerz in der Brust um so fühlbarer. Der Arzt, den ich aus dieses Symptom aufmerksam machte, zog die Stirne in sehr bedenkliche Falten. Es folgten nun für mich trübe Tage, in welchen die unfreiwillige Mäßigkeit, zu welcher ich verdammt war, die physischen Leiden des Siechthums wesentlich steigerte. Gewöhnlich waren meine Schmerzen so groß, daß sie mir selbst das Denken unmöglich machten. In einer der kurzen Pausen jedoch, in welchen die Schmerzen um etwas uachließen, nahm ich den Jdeengang wieder auf, welcher am ״Jom Kippur" durch die Ohnmacht unterbrochen wurde. Nun, da ich die Glückseligkeit des Glaubens und der Gemüthsruhe vollständig wiedererlangt hatte, war jede Leidenschaftlichkeit von mir gewichen. Ich hegte keinen Haß und Ingrimm mehr gegen den Mann, der mir unwillkürlich so viel Betrübniß zugefügt, ich begann vielmehr ihn zu bedauern. Ein tiefes Weh ergriff mich immer, wenn ich des LebenSgangs dieses großen Genies gedachte. Wie viele herbe Erfahrungen mußte dieser arme Mensch durchgekostet haben, bis er sich durch den klaffenden Riß in seiner Seele von dem beseligenden Glauben der Väter geschieden sah! — Wer weiß, wie viel mißliche Umstände sich vereinigt haben, um ihn zur tytanischen Auflehnung gegen die Gottheit zu bewegen, um seinen wahrheitsliebenden Geist durch den Egoismus zu trüben, so daß er über die Verscchtung seines Systems vom Lichtpfad der objektiven Wahrheit abirrte. — Ich empfand cs nicht mehr so schmerzlich, daß dem menschlichen Geiste unübersteigbare Schranken gezogen sind, ich fand es der Natur der hierniedigen Weltordnung entsprechend. Das Wesen und Wirken Gottes ist zu erhaben, als daß der Blick der Staubgebornen es erreichen, geschweige denn erforschen könnte. — Ich war an der Seele genesen, was lag mir daran, daß es um mein leibliches Wohl um so trauriger bestellt sei! Das bedenkliche Stirnfalten des Arztes erwies sich bald als nur zu begründet, denn jener .stechende Schmerz war der Vorbote eines BrustübclS, welches mich an den Nand des Grabes brachte. Ich begann zu husten, warf häufig Blut aus und verlor mit jedem Tage an Kräften. Mein guter Onkel sah ein, daß, wenn es für mich überhaupt noch ein Entkommen giebt, dies nur unter einer so aufopfernden Pflege möglich sei, wie sie mir meine Tante angedeihen lassen würde. Er drang demnach in den Arzt, einzuwilligen, daß ich, bevor die Tage rauher würden, in das nicht sehr entfcrnte Dorf überführt würde. Nach einigem Sträuben willfahrte der Arzt achselzuckcnd, er schien keine große Stücke von meinem Aufkommen zu halten. Ich hatte meine Heimath seit meiner ersten Entfernung von derselben nicht wiedergeschen, als ich nun, in Matratzen und Polstern versunken, bedächtig an den wohlbekannten Häuschen und Weilern vorübergefahren wurde, tauchte unwillkürlich ein Vergleich zwischen damals und jetzt auf. . Der traurige Unterschied wollte mir schier das Herz brechen. Damals geistig und körperlich gesund, mit geschwellter Seele einer hoffnungsreichen Zukunft entgegeneilend, heute ein Krüppel an Geist wie an Körper, mit neunzehn Jahren schon ohne Hoffnung und ohne Zukunft, vor der finstern Todespforte stehend! Mein Onkel hatte Recht gehabt, die Pflege meiner Tante, die sich mit mütterlicher Ausopserung meiner nnnahm, wirkte Wunder. Ich erholte mich so rasch, daß ich nach einigen Wochen schon das Bett verlassen konnte. Als die Eiskruste der Erde aufthaute und die immer mehr erwärmenden Sonnenstrahlen die .Luft milde machten und die aufblühenden Veilchen die ganze Welt mit ihrem süßen Duft schwängerten, schickte mich mein Onkel in einen fernen berühmten Kurort. Dort gcnaß ich so weit, daß mir der Arzt zusicherte, ich könne bei der unverbrüchlich strengen Einhaltung einer vorzuschreibenden Diät ein hohes Alter erreichen. In dieser Diät war auch die Bedingung enthalten, das Studiren aufzugeben. Das war das Härteste, was von mir verlangt wurde, und kostete mich manche Thräne. Schließlich aber unterwarf ich mich dcmüthig dem Rathschluß des Allvaters und trug endgültig meine glänzenden Hoffnungen und Träume zu Grabe. Ich entsagte dem herrlichen Glück, auf den Höhen der Menschheit zu stehen, und nahm mir vor, meinen Idealen in bescheidenem Maße drunten in der Niederung zu huldigen. Und so, Kinder, bin ich das geworden, wofür ihr mich kennt."- Reb Mansche hatte geendet. Aber eine geraume Weile, nachdem sein letztes Wort verklungen war, blieb die lauschige, lautlose Stille aufrecht erhalten, welche während der Erzählung geherrscht hatte. Niemand rührte sich, wir standen noch Alle unter dem mächtigen Eindruck der großartigen Perspektive, die sich uns entrollt.