Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1885)
- Article
- Bemerkungen zu den Verhandlungen und Beschlüssen der Rabbinerversammlung zu Berlin
- Date
- 1885-08-20
- Page
- 532 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933135-2962131--19490-2962178- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
532 in [ein Gegentheil verwandeln. Gestern, bet der Ge- »!eraldebatte, war dieses nicht so sehr zu befürchten, wie heute bet der Spezialdebatte. Gestern mochte die Phrase ihre Herrschaft behaupten, heute aber, wo man praktische Vorschläge zu machen gewillt war, lag die Gefahr sehr nahe, daß doch ein Heißsporn oder ein Harmloser, jener in Ucbercilnng, dieser in treuherziger Beschränktheit, die satale religiöse Frage in diese Lcrsaw.mtnng von Rabbinern hincintragcn möchte. Und dann wäre der Liebe Mühen völlig umsonst und die Welt um die Erfahrung reicher gewesen, daß die vielgepriesene Emmülhigkcit in Wahrheit gar nicht vor- Händen sei. Wir haben bereits bei der gestrigen Sitzung der dialeltischen Kunst des Herrn Dr. Joel unsere Anerkennung bezeigt, wir finden in dem Meisterstück der die heutige Sitzung einleitenden Rede neue Veranlassung zur Erhöhung derselben. ES ntüssen an dem ersten Tage, — vielleicht während der allgemeinen Lcrhandhuigcn, ober in der Sitzung der fleißigen achtglicdrigcn Kommission, oder bei der gemüthlichen Zusammenkunft der Kollegen im Restaurant Elkan am gestrigen Abend, oder gar bei allen diesen Anlässen — Symptome zu Tage getreten sein, welche es im höchsten Grade dedeutlich machten, die achtundsechzig frommen Herren länger mit einander tagen zu lassen. Je rascher je lieber die Versammlung zu schließen und darum die Debatte zu kürzen, das muß das dringendste Bedürftüß gewesen sein. Irren wir uns in dieser Annahme, so werden wir uns gern berichtigen lassen. Bei der schon im Anfang unserer Betrachtungen hervorgehobenen bedanerlichen Knappheit und Dürftigkeit des für die Oefsentlichkeit gesichteten Materials ist der wißbegierige Forscher allerdings auf Kombinationen hingcwiesen, um die Situation, die Reden und Beschlüsie in ihrem inneren Wesen sich zum Verständniß zu bringen. Die Rede des Herrn Dr. Joel, mit welcher das umsichtige Verfahren des präsidirenden Herrn Dr. Bamberg er im vollen Einklänge steht, läßt aber leine andere Erklärnug \\\ und erscheint auf Grund einer solchen in ihrer hohen Bedeutsamkeit, in dem vollen Glanze ihrer Pastoralen Feinheit. Obgleich man noch gar nicht in die Tagesordnung eingetreten war. bittet der Redner die ״hochzuvcrehrenden Herren", sein etwas verspätetes Erscheinen ״güligst zu entschuldigen" und ״nimmt sich zugleich die Erlaubniß. bevor man in die Beralhnng dcS zweite;! TheilS unseres Pensums tritt, sie und sich zu erinnern, daß ihnen nur noch dieser Tag bleibt, daß sie noch heute fertig werden müssen." ״Sic sind ja alle treue Arbeiter," ruf! er den hochznverehrendcn Herren zu. ״deren Thätigleit in den Gemeinden vermißt wird. /Der Baal Habbajith drangt/ daß Sie nach H-mft kommen." Wenn mau bedenkt, welche hohe Wichtigkir die Herren ihrer Versammlung beimessen, und daß sie am gestrigen ersten Tage eigentlich nur von 10 bis S'/2 Uhr ״gearbeitet" haben, inclusive der BegrüßungS- und Konstituirnngsformaiitätcn, so hätte man .eher eine Mahnung erwarten sollen, das wclterlösende Werk durch einen recht eingehenden und gründlichen, möglichst alle Seiten des Gegenstandes erschöpfenden Austausch der weisen Gedanken aller achtundsechzig Theilnehmer zu fördern und nicht an einen raschen Abbruch zu denken, weil das Heil der Gemeinden Israels, deren Augen in gespannter Aufmerksamkeit auf diese große Synode in ׳ Berlin gerichtet sind, von den hier gefaßten Beschlüssen für die nächste Zukunft bedingt sei. Wenn nach dem doch sicherlich auf vollster Notorietät beruhenden gestrigen Zeugniß des Herrn Dr. Vogelstein selbst bei einem zufälligen Begegnen von je zwei der versammelten Kollegen wie ans einem Munde die gegenseitige Frage ans besorgten und beküknmcrten scelsorgerischen Herzen ertönt: o sag an, thenrer Bruder, wie hebt man den religiösen Sinn, wie fördert man den Neligionsunterricht, auf daß ich durch Dich Belehrung empfange zum Wähle der meiner geistlichen Führung anvertrauten geliebten Gemeinde — wie hätten die Herren nicht jetzt, wo sie Alle zu einem ernstes feierlichen Konzil versammelt waren, wochenlang diese schwere Frage berathcn sotten? ״Denkt nicht an euer Heim, thellre Brüder," so hätten wir das Mahnwort Dr. Joels erwartet, ״vergesset Weib und Kind, gönnt euren Augen keinen Schlummer, verzichtet auf alle irdischen Genüsse, und lasset uns die kostbare Gelegenheit.unseres BeisammenseinS ans Wochen ausdchnen, um TagS und Nachts zn sinnen über die Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes und des Religionsunterrichts. Wer von Euch einen guten Gedanken hat, — und ein Jeglicher strenge sich an, einen solchen zu finden, — der theile uns solchen in aller Ausführlichkeit mit, auf daß wir das Beste und HeÜsamstc erkennen für die Heileszukunft unserer Gemeinden. Darum ermattet nicht und werdet nicht müde, sondern sinnet und redet und höret und berathet und beschließet, bis jeder von uns den reichen Schatz seiner Erfahrung und Weisheit zum Gemeingut Atter gemacht hat!" So ungefähr hätte Herr Dr. Joel sprechen müssen zur würdigen Einleitung des wich^ tigstcn Gegenstandes. Statt dessen aber diese dringende Mahnung zur Eile! Eine solche findet ausschließlich ihre Erklärung in den vorhin angedeuteten Umständen. Dann aber erscheint sie wahrhaft bedeutend. ״Trachten wir so schnell wie möglich auseinander zu kommen, meine Herren, was wir eigentlich ein Jeder zn sagen hätten, bleibe lieber unausgesprochen im gemeinsamen Interesse des äußern Scheins von Eiumüthigkeit und des Nimbus großer Weisheit; — es könnte sonst Streit unter uns ansbrcchen und unser bischen Weisheit zn