Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1885)
- Article
- Aberglaube
- Date
- 1885-08-20
- Page
- 530 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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530 Was das Leben uns bringt, was wir mit unserem Leben sollen, ist unauflöslich mit Gott verknüpft. Der allmächtige, ewige, Alles gestaltende und jeden Moment mit seiner allliebenden Wallung umfassende Gott ist der einzige ׳'dorr und Gebieter über unser Geschick; Alles, was wir sind und haben, ist seiner Latcrhnld freies Geschenk. Er ist auch der einzige Herr und Gebieter über unser Handeln, Genießen und Denken; mit seinem geofsenbarlen Willen unser ganzes Thun und Lassen in Einklang zu bringen — darin erschöpft sich unser ganzer Menschen beruf. Unser Geschick wissen wir in Gottes Hand, unser Schassen und Wirken soll nach Gottes Gebot sich vollziehen. תעבה, Trübung deö reinen erhabenen Menschenberuss, Trübung des reinen erhabenen Gottesbewußtsein, von Gott verabschcut, dem sittlichen Mcnschenwcsen widerstrebend, sind alle Bcranstaltungen, welche von wahnerfüllten Menschen angcstrcbt werden, um aus irgend einem andern Wege, als durch die Erfüllung des göttlichen Willens, das Heil auf Erden zu begründen und hierfür die Geschicke sich günstig zu stimmen und den Schleier vor der dem menschlichen Auge verhüllten Zukunft zu lüften. Cs giebt keine SchicksalSgöttin, um deren Gunst der Mensch zu buhlen hätte, keine neidischen Götter, von welchen durch die Hinopferung eines Thcils seiner Güter der Schutz für den übrigen zu sichern wäre (העברת מזרעו להולך). Es giebt keinen mit hoher übermenschlicher Kraft ausgerüsteten Magier, welcher die vermeintliche ungünstige Konstellation dcS Geschickes zu meistern im Stande wäre (O2si>), keinen unglücklichen Tag und keine glückliche Stunde, die wir zu ergründen hätten, um Dieses oder Jenes zu unternchnlcn oder zu unterlassen — für das Gott Wohlgefällige ist jeder Augenblick gut, für das Ihm Mißfällige niemals ein Moment vorhanden — (עוגן), es giebt keine gute oder üble Vorbedeutung (ניחוש), wir haben keine spiritistischen Künste zu treiben, Medien zur Vcrnuttclnng mit der Gcistcrwelt zu suchen, Klopfgcister zu beschwören (דרישת אל המתים אוב וידעגי). Aus Gottes Stimme haben wir zu hören und sein Gebot zu vollführcu, das ist unsere einzige Weisheit, unsere einzige Pfliä-t - תמים תהית עם אלריך. Geben wir uns der Erfüllung unserer Pflicht ganz hin, dann haben wir vollauf das Unserige gethan, dann wendet uns Gott seine Gnade zu. Dann haben wir keine anscheinend unglückliche Konstellation der Verhältnisse zu fürchten. Wir wissen uns zu jeder Zeit, in jeder Lage getragen, von dem Fittig Seines allmächtigen Schutzes und hochgehoben über jeden Wandel des irdischen Geschickes. - Wenn kein MenschcnkreiS sich dem Wahne des Aberglaubens hingebcn soll, so am wenigsten der Kreis, dem Gott {ein Gesetz am Sinai offenbart, die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs, die Er wunderbar geführt hat von dem ersten Anbeginn ihres Auftretens in der Geschichte an bis zu dieser Stunde. Keinem ist also das Auge geöffnet wie Israel, welches, das GotteSgesetz der Menschheit vorantragend, von Gottes Liebe sicher geleitet wird durch alle Gefahren hindurch, die oft scheinbar unüberwindlich sich ihm entgegenthürmen. Ei!! HtMstWer Zeitrsg zur Mlarsns des AntjsemtisMS. Von Sn. Hh. Ein deutscher Geschichtsschreiber hat von den Juden gesagt, daß sie ein seltsames Volk, das Räthsel der Geschichte seien, seltsam in ihrem Auftreten in der Geschichte, seltsam in ihren Gesetzen, Sitten und in ihrer durch dieselben stets beeinflußten Lebensweise, vor Allem seltsam in ihrer Existenz, d. h. seltsam dadurch, daß sie überhaupt noch existirten, und nicht, wie die Völker und Staaten, deren Blüthe in die Zeit der Selbstständigkeit des jüdischen Volkes siel, gänzlich zu Gründe gegangen seien. Diese Anschauung jenes Historikers theilte und theilt noch heute ein großer Theil des deutschen Volkes. Ja, etwas Seltsames, Rätselhaftes, Unerklärliches glaubt!nan in dem Volke zu finden, das gerade am wenigsten oder nichts Dunkles bietet, dessen Leben von Anfang seines Bestehens als ein Dolkskörper klar und deutlich vor den Augen der Welt liegt — nur des guten Willens bedürfend, verstanden zu werden von der denkenden Wett, begriffen zu werden in seiner Existenz, die eben durch die Art und Weise seines ersten Auftretens die Erklärung findet. Sie haben den Juden nicht verstanden und verstehen ihn heute noch nicht. Sie nennen das jüdische Volk seltsam — nein, wenn ein Ausdruck zur Charakteristik des Volkes passen würde, so könnte man cs ein außerordentliches nennen. Es ist ein außerordentliches Volk durch die Aufgabe, für welche es zum Leben erschaffen wurde, und zwar durch Gott. Daher seine Gesetze, daher seine Sitten, daher seine Lebensweise, daher die Ewigkeit seiner Existenz, da es alles dieses für die göttliche Aufgabe, Gottes Namen in der Welt zu verkünden, in den Dienst Gottes stellt. Wenn man vor dem Juden eine gewisse Scheu empfand wegen etwas Mystischen, Dämonischen in -h-n, wie sie glaubten, so verkannten und verkennen sie das, was den Juden ihnen eben als ״seltsam" erscheinen ließ — seine göttliche Aufgabe — sie verstehen den Juden nicht. Darum schrieben sic den Juden im Mittelalter alle jene Greuel zu, darum mußten die Juden, die Brunnen vergiftet,