Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1885)
- Article
- Kollektiv-Berichte aus Ungarn
- Date
- 1885-08-13
- Page
- 522 (sequence 2)
- Language
- German
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S2L gefordert und an dieser Forderung halten wir auch heute unerschütterlich fest. Wie gesagt, durch die Enunziationen des Herrn Rabbiner Schreiber sahen wir die Verwirklichung unseres Strebezieles in weite Fernen gerückt. Cs nützt einmal nicht, die Wahrheit zu vertuschen, und wahr ist'S, daß nicht bloS die Freunde und Anhänger des Herrn Reich, sondern auch viele seiner Gegner, die gegen ihn gemünzten Angriffe des Herrn Rabbiner Schreiber miß׳ billig ausgenommen*), es tauchten Meinungsdivsrgenzen auf, die man zu Prinzwienfragen ausbauscht, und jetzt, wo die Orthodoxie mit vereinter Kraft die Neorganisation in Angriff nehmen sollte, scharen sich die Glaubens- und GcsinnnngSverwandten um verschiedene Fahnen. (Fortsetzung folgt.) KorccsMdclM und Nachrichten. Deutschland. -a- Berlin, 7. Angust. Ich habe längere Zeit geschwiegen, weil ich müde geworden war des unaufhörlichen, wenig erfreulichen, desto mehr aber traurigen Kampfes, zu welchem wir, die Söhne einer erleuchteten Zeit, gezwungen sind. Und er ist unfruchtbar, dieser Kampf. Das Borurthcil wird nicht mit der Feder besiegt, der Haß streckt vor einer Widerlegung vorgebrachter Verdächtigungen, und wäre sie auch noch so schlagend, nicht die zur Vernichtung des Gehaßten er- ()ebene Mordwaffe. Dennoch aber, so mußte ich mir sagen, dürscn wir nicht erlahmen. Unser Stillschweigen würde mißdeutet werden, würde als Zugest'änduiß unserer Schwäche, unserer Schuld auSgebcutet. Und darum dürfen wir nicht schweigen. Unser hartnäckigster und gefährlichster' Gegner ist die ״Neue Preußische (Kren;-) Zeitung". Sic nimmt in der Tagespresse mit Recht einen hohen Rang ein, und die Partei, als deren Organ sie in der OesfenUichkeit'dasteht, ist die einflußreichste und wichtigste im Staate. Seit dem bekannten und vielbesprochenen ״Stöcker-Prozesse" hat ihre Gegnerschaft an Bitterkeit und Heftigkeit noch mehr zngcnommen, und eS vergeht kein Tag, an welchem sie nicht ihren Warneruf ergehen läßt zum Schutz dcS armen, unmündigen preußischen und deutschen Staats und Volks vor den bösen, verschlagenen, mächtigen Inden. Heute überrascht sie die Welt mit dem Anfang *) Durch dis nnücvTcnnbar rein persönlichen Angriffe hat dis auch von uns anfänglich der Energie und Offenheit des Herrn Schreiber gezollte Anerkennung starke Einbuße erlitten, und wir haben vielen Grund, diese Enttäuschung aufrichtig;!! bedauern. einer Reihe von Artikeln, mit dem Titel ״Einiges zur Judenfrage", und sie kündigt an, daß sie in ״ihren Erwägungen und Forderungen jetzt in mancher Hinsicht einen mehr in die Tiefe gehenden und energischen Charakter anuchmen werde." Sie weist aber von vornherein einen jeden Vorwurf deswegen zurück, sondern schiebt die Schuld ihrer ״Tiefe" und ihres ״energischen Charakters" ihren Gegnern bezw. deren ״Unbesonnenheit und maßlosen Dreistigkeit" zu. Wir werden uns also aus recht bedeutende Angriffe gefaßt machen müssen, deren Gewalt keineswegs zu unterschätzen ist. Wenn die ״Krcuzzeitung" in der Judenfrage noch energischer Giiftretcn will, so kann dieses nur in der Richtung der Beseitigung der Gleichberechtigung der Juden geschchcn. Wir haben alle Ursache, uns vorzuschen. Ihre heutige Kundgebung ist nur als Vorläufer von sehr weitgehenden Forderungen in Betreff einer veränderten Stellung der Inden in Staat und Gesellschaft zu betrachten. Wir haben heute der ״Kreuzzcitnng" gegenüber nur zu erklären, daß ihre ganze Deduktion von der angeblichen Macht der Juden und der sittlichen Inferiorität deS Judcnthums eitele Phrase ist, welche in judenfcindlichen Kreisen allerdings wohl gefallen wird und auch geeignet sein dürfte, Unerfahrene zu täuschen. So lange sie aber nicht wirkliche Lhatsächliche Beweise für ihre horrenden Behauptungen beibringt, wird cs ihr nimmer gelingen, Urtheilsfähige und zu einer nüchternen, vornrtheilSfreien Erwägung Bereite zu blenden. Wir sehen ihren ferneren Kundgebungen vorläufig ״mit verschränkten Armen" entgegen. " B. Berlin, 7. August. Gegen die ..Kreuzzeitung" soll wegen ihres Pamphlets ״II y a des juifs u. s. w.", welches Sie in Ihrem geehrten Blatte einer Besprechung unterzogen, von Seiten der Staatsanwaltschast Klage erhoben worden sein. — Im Prozesse Stöcker contra ״Freie Zeitung" haben beide Parteien ihren Revision-- antrag zurückgezogen. — Am letzten Dienstag .hatte sich das Schöffengericht mit einer Hausfriedensbruchklage zu beschäftigen. Angcklagt war der von der hiesigen Gemeinde bestellte Flcischansseher Moses Abraham, welcher vor mehreren Monaten bei dem hiesigen Fleischer Jakob, der unter der Aufsicht dcS NabbinatS steht, zwei Zungen, an denen das Siege! fehlte, hatte kcmsiszircn wollen. Der Fleischer, der behauptete, das Siegel wäre beim Waschen (!) abgegeben worden, forderte im Laufe deS sich entspinncndcn Wortwechsels den Abraham auf, sich zu entfernen, ließ ihn, da derselbe nicht gehorchte, einfach hinauSwerfeu und denunzirte ihn obendrein. Der Gerichtshof aber war der Ansicht, daß der Angeklagte, wenn er auch nicht als Beamter im eigentlichen Sinne aufznfasscn fei, doch jedenfalls nicht in doloser Absicht der Aufforderung, das Lokal zu verlassen, getrotzt habe, daß er vielmehr der Meinung