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Jeschurun · 1885-08-13 · Heft 33 (13.8.1885) · p. 519

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 33 (13.8.1885)
Article
Reb Mausche
Date
1885-08-13
Page
519 (sequence 2)
Language
German
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519 WM י das ist kein Gott, das kann nicht einmal ein existirendeS Wesen sein — das ist ein Unding, eine Ungeheuerlichkeit, also — eS qicbt keinen--. Daß aber Spinoza doch von einem Gotte spricht, das ist, wie der dem Buche beigedruckte Kommentar bemerkte, offenbar eine Schwäche des Philosophen. Kein Mensch vermag sich ganz dem Einflüsse seiner Zeit zu verschließen und Spinoza lebte im siebenzehnten Jahrhundert, zu einer Zeit, wo die Menschen sich gegenseitig in einem Glaubenskriege zerfleischten. Spinoza hatte Lei aller Kühnheit sich dennoch geschämt mit dem veralteten Schlendrian gründlich aufzuräumen, er behielt den leeren Namen bei, unter dessen Deckmantel sein unentwegt der Wahrheit folgender Geist eine entgegengesetzte Richtung einschlug. Daher der Widerspruch der deistischen Tendenz mit dem atheistischen Geiste in der Philosophie Spinoza's. Es giebt nur ein Naturgesetz und damit — Punktum! Mit einem unnennbaren Weh sah ich alles, was mir auf dieser Welt theucr und werth war, in das öde Nichts der Verwesung sich auflösen. Meine Anverwandten, meine Freunde, ja ich selbst -- was waren wir mehr als die schaumartigen Gebilde eines blinden, vernunstlosen Naturgesetzes, zufällig und absichtslos entstanden, um nach einem kurzen, schmerzreichen Dasein wieder zur tobten, ewigen Materie zurückzukehren. Und diese kolossale, tobte Materie sollte Gott sein! Und alle die gewaltigen Werke, welche Menschen-' kraft und Menschengcist je hcrvorgebracht, sind sie mehr als Kartenhäuser, aufgesührt von den Knochenfiguren markloser Todtengcrippe, die sich für einige Momente bewegen, wie die Puppen in einem Marionettentheater? — Aus jedem Winkel starrte mir der finstere, moderige Geist der Verwesung entgegen. Empfindung, Geist, Gemüth, Tugend, mit einem Worte, das Leben und seine edlen Schätze schien mir nur eine flüchtige, ephämere Erscheinung zu sein, dauernd und wesentlich war nur der grausame, unendliche Tod! Wie verhielt es sich aber mit meinen guten Vornahmen, mit meinem uneinnehmbar vcrbarrikadirten Standpunkt? — So viel ich vermochte, war ich ihrer eingedenk. Ich besuchte so wie früher Morgens und Abends das Vethaus und entsprach auch allen anderen religiösen Ansorderungen gewissenhaft. Aber ich verrichtete Alles gleichgültig, ohne Andacht und Liebe; denn diese können nur solche Handlungen durchwehen, welche der Uebcrzeugung entspringen. — Die Ueberzeugung aber hatte ich vollständig eingebüßt." Reb Mausche holte tief Athen! und strich sich mit der kaum merklich zitternden Hand über die feucht schimmernde Stirne. ״Der Herbst kam und mit ihm der Versöhnungstag. Von der tiefen Weihe, die ich sonst diesem furchtbaren heiligen Tage entgegcnzubringen pflegte, stellte sich bei mir diesmal nicht die geringste Spur ein, er chatte seine Bedeutung für!!!ich verloren. Kalt und thcilnahmlos blickte ich, im Tempel sitzend, auf die mich umgebende, mit weißen Leichenhemden bekleidete Schaar der tief ergriffenen Beter. Während Alles um mich in Andacht versunken war, durchkreuzte meinen Kopf der Gedanke, mit welcher Hingebung hier einem bloßen Wahne gehuldigt wird. Oder kann etwa auch nur der kleinste Funke von Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit an dem Glauben sein, Gott habe einen Tag im Jahre bestinunt, um an ihm den reuigen Sündern Vergebung zu gewähren? — Tag und Gott! Ist das nicht an und für sich ein unversöhnlicher Widerspruch? Besteht ja der Begriff: Tag nur für ein beschränktes, an die Funktion der Gestirne gebundenes Wesen; darf er. aber mit dem vollkommensten über den Sternen thronenden Wesen in Verbindung gebracht werden? Kann Gott Sünden verzeihen, die der Mensch begangen hat? — Jetzt intonirte der Vorbeter die erschütternde Melodie des ״Neßane-Taukef-GebeteS", welche Mancher aus der Gemeinde mit Hellem Schluchzen begleitete. Das ist ein beispielloses thtanischeS Gebet und eine beispiellose, gewaltige Melodie! ES ist grandios, wie die Waltung des Schicksals; ans jedem Worte flammt das über eine ganze Welt gezückte Schwert eines Cherub. Ich weiß nicht, wie mir auf einmal wurde — ich hatte das Gefühl, als ob in meinem Gemüth zwei mächtige Elemente mit einander ringen würden, ich fühlte in der Gegend des Herzens einen schneidenden Schmerz und in meinem Kopfe trieb's, wie ein plötzlich erwachter Wirbelwind die Gedanken chaotisch durch einander. Es wurde trübe vor meinen Augen und ich mußte mich am Betpult festhaltcn, um nicht umzustürzen. Nach einigen Augenblicken aber wurde es mir wieder hell, der Aufruhr legte sich. Ich fühlte mich innerlich erleichtert, etwas unheimlich Finsteres hatte sich von meiner Seele abgelöst. Die Bitterkeit und der Schmerz über den Verlust meiner Seelenruhe und Glückseligkeit, welche bislang von philosophischen Stoizismus niedergehalten wurden, gelangten jetzt mit übermäßiger Heftigkeit zum Ausbruch. Ein kranlpshaftes Schluchzen rang sich mühsam durch meine Kehle, ich bedeckte das Angesicht mit den Händen und ein brennend heißer Thränenstrom rann über meine Wangen. Ich kam mir unendlich elend und bejammeruswerth vor und mit ׳dem weichen, rcsignirt wehmüthigen Gefühle, welches mich überkam, schlich sich auch eine tiefe Neue in mein Herz. Ich war auf dem Wege mich wiederzufinden, ich sollte aber nicht unbestritten zu mir selbst gelangen. ZeneS unheimliche, finstere Etwas, welches ich kaum loS geworden, nahete sich wieder verdunkelnd meiner Seele, י .

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