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Jeschurun · 1885-08-06 · Heft 32 (6.8.1885) · p. 504

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 32 (6.8.1885)
Article
Reb Mausche
Date
1885-08-06
Page
504 (sequence 3)
Language
German
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504 Entgegengehre von ״religiös" hinstcllen?! — Diese Erwägungen befreiten mich von der Besangcnheit der Einschüchterung und ließen mich die Dinge in ihrer wahren Gestalt erkennen. Ich überzeugte mich, daß die unvernünftige Tendenz bei meinen Kolkgen theik weise wohlgemeinter, wenn auch beschränkter Pietät, in vielen Fällen aber dem Leichtsinne, der Flachköpfigkeit und der stupiden Gleichgültigkeit entsprang. Ich beschloß also, mich von jeder Beeinflussung zu befreien und meine eigenen Wege zu gehen. Ich zog mich von jeder unnöthigen Berührung mit meiner Umgebung, in welcher ich keinen einzigen Strebe- und Gesinnungsgenossen fand, zurück, ich wollte mir selbst genügen. Das ist aber für ein junges Herz, inmitten einer großen thcilnahmloscn Welt, leichter gesagt als ausgeführt. Es gab Momente, wo das Bedürfniß nach einem treuen FreundcSherzen Plötzlich und mit unwiderstehlicher Sehnsucht in mir erwachte, ich bedurfte eines thcilnehmenden menschlichen Wesens, welchem ich mich mittheilen hatte können — ich fand keins. So oft ich eine Annäherung an einen der scheinbar vertraucnSwürdigern Kollegen versuchte, fand ich frivole Oberflächlichkeit, wo ich einige Gemüthötiefe suchte. So wurde ich durch die Noth in dem Entschluß bekräftigt, den ich freiwillig gefaßt hatte. Aber ich litt unter dieser Abgeschiedenheit unsäglich, und oft war ich nahe daran, schnurstraks hiuzulanfen zu meinem guten Onkel und meiner biedern Tante. Nur das Scham gefühl vermochte mich zurückzuhalten. Mein Himmelan stürmendes Streben nach idealer Vollkommenheit theiltc das Schicksal des kolossalen Elephanten, den ein schmaler, geringfügiger Graben am Vordringen hindern kann, nur daß bei mir die verhüngnißvollc Schranke statt des Mangels an Erdsüllung ein fataler Mangel an Geld bildete. Es mangelte mir an den Mitteln, um mir die nothwendigsten Bücher anschaffen zu können. Ich war diesbezüglich ganz ans den Zufall hingewiesen, was der mir immer von ohngefähr in' den Wurf brachte, das nahm ich in mir auf, wodurch in meinem Kopfe die konträrsten Dinge neben einander zu stehen kamen. — So waren mir unter mannigfachen Enttäuschungen und Seclcnkämpfcn fast zwei Jahre verstrichen. Eine jede moralische und äußerliche Widerwärtigkeit, an denen eS mir selten gebrach, schlug eine Kante meines eigenartig geformten Charakters ab, wodurch er immer mehr dem Nahmen der konventionellen Verhältnisse sich anpaßte. Aber mit dem Verluste meiner Kauten war ich auch ziemlich stumpf geworden. Ich war zur Ueberzeugung gebracht worden, daß solche schwärmerische Träume im Allgemeinen und unter so mißlichen Spezialvcrhältuissen insbesondere, stark ins TollhauS hinübergraviren, und ich ernüchterte allmählig. Die bestehende Weltordnung zwang mir ihre Bedeutung aus, und da ich keine Mittel sah, diese Weltordnung umznstürzeu und durch eine andere, nach meinem Sinne eingerichtete, zu ersetzen, so blieb nur nichts Anderes, übrig, als mich unterzuordnen. Diese Unterordnung beschränkte sich aber darauf, daß ich meinen Schwärmereien entsagte, ohne jedoch der obsiegenden Macht irgend welches moralisches Zugeständnis; zu machen. Meine Träume waren unrealisirbar, aber die Welt war darum um kein Jota besser geworden und ich hielt mich schadlos für meine Entsagung, indem ich mich einem trotzigen, geringschätzcnden Phlegma überließ. Ich wurde ein zweites Mal Pessimist und führte ein liebeleeres, unmuthigcS Vegetationsdascin. Da kam ein Ereigniß dazwischen, welches die Kruste der Gleichgültigkeit von meinem Gcmüthe sprengte und cs bis in seine geheimste Tiefe aufwühlte. Alle Wünsche, Hoffnungen, Visionen und Ideale wurden jäh aus ihrem Schlafe aufgerüttelt und erwachten in wildem, tumultuösem Sturme. Es hatte wenig gefehlt, daß mein besseres Sein in diesem Sturme für alle Zeiten untergegangen wäre. — Doch der Herr, der im endlosen brandenden Wasserschwalle das gebrechliche Brettergefüge des Schiffers beschützt und zusammenhält, er erhielt auch mich mit starker Hand über den Wogen. Ich wurde eine Zeit lang wild herumgeworfen. — Da kam unversehens eine Woge und schleuderte mich ans Ufer. Alle Glieder krachten mir von der Erschütterung des Wurfes, aber — ich war am Port!" Eine andächtige Rührung durchzitterte bei diesen Worten auf einen Moment die Stimme des alten Mannes. Er schüttelte ein wenig den Kopf und lenkte dann wieder in den objektiven Erzählerton ein. ״Dieses Ereigniß war ein Buch. Durch den Zufall gelangte ich in den Besitz jener kleinen Sammhing philosophischer Bücher, welche Ihr noch jetzt in dem untersten Fache meines Bücherkastens sehen könnt und die ich seit jenen vcrhängnißvollen Tagen nicht wieder in die Hand genommen habe. Unter diesen Büchern befanden sich auch die Schriften Spinoza's. Ich sehnte mich schon lange darnach, die Werke dieses großen Pfadfinders kennen zu lernen, zu welchem mich auch der Umstand hinzog, daß er mein Stammesgenösse war und die erste geistige Nahrung an denselben Brüsten sog, wie ich. Ich fühlte mich von dem Wonueschauer einer großen Befriedigung durchrieselt, als ich das Hauptwerk Spinoza's, die Ethik, zu Gesicht bekam und ich konnte kaum die Stunde erwarten, wo es mir gegönnt sein wird, in die weltcrschütternden Ideen, welche in diesem unansehnlichen Buche niedergelegt sind, einzudringen." (Fortsetzung folgt.)

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