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Jeschurun · 1885-08-06 · Heft 32 (6.8.1885) · p. 503

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 32 (6.8.1885)
Article
Reb Mausche
Date
1885-08-06
Page
503 (sequence 2)
Language
German
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503 mich reif, unt in die Freu,de gehen zn können und ich lag also meinem Onkel in den Ohren, mich in die Ieschiba zu schicken. Er willigte bald ein, denn nachdem ich solche glänzende Zeugnisse meines ernsten Strcbens abgelegt hatte, war eö meinem Olikel nur angenehm, daß ich in die eigentliche Sphäre treten wollte, die zur Vervollkommnung in dem gewählten Berufe fuhrt. Meine gute Tante staffirte mich mit wahrer mutterlicher Fürsorge aus, und mein Onkel führte mich persönlich nach einer von unserent Dorfe einige Meilen entfernten Stadt, in welcher eine im besten Rufe stehende Ieschiba sich befand. Von zu Hause hatte ich mitgenommen: ein von den edlen Lehren und vom Beispiele meines Onkels tief durchdrungenes Gemüth und eine von den glänzendsten Plänen und Hoffnungen geschwellte Seele. Was ich werden wollte? — Genau wußte ich es selbst nicht, aber auch dunkel fühlte ich, daß cs etwas recht Großes und Erhabenes sein müsse. Etwa ein großer, von dem Weihrauche der gesammten intelligenten Welt umdnfteter Dichter oder Philosoph; ein gewaltiger Redner, der das Wort wie Donnerkeile gegen die Feinde des Guten zn schmettern vermag, wie etwa — Demosthenes einer gewesen, ich hatte ja in meiner Biographiensammlnng auch den Lebensgang Demosthenes' gelesen! — Und Gott weiß, was ich noch Alles zu werden hoffte — vielleicht gar ein siegreicher Feldherr oder der mächtige Lenker eines Staates! — Ich weiß, meine lieben Freunde, daß Ihr Mühe haben werdet, ein Lächeln zu unterdrücken, wenn Ihr meine Figur mit dem Begriffe eines Schlachtengewinners in Verbindung bringen werdet; denn wie Ihr wohl ganz richtig vermuthet, war ich zu siebenzehn Jahren auch nicht größer als ich jetzt bin und mein jetziges Höhenmaß dürste kaum für einen gewöhnlichen Soldaten hinreichen, geschweige denn für einen Feldherrn. Ja, ich hatte eben mit den jungen Brauseköpfen unter vielen anderen Fehlern auch denjenigen gemein, daß ich beim Spinnen meiner Hoffnungen den bestehenden Verhältnissen der Wirklichkeit keine Rechnung trug. Hätte ich das gcthan, dann hätte ich ja auch dem Wunsche Dichter zu werden entsagen müssen. Da ja: - poeta non fit, sed nascitur, — der Dichter geboren werden muß." Als Ncb Mansche in einigen Gesichtern die Zeichen der Ueberraschung wahrnahm, die der lateinische Satz hervorrief, sagte er lächelnd: ^Jhr staunt, wie der lateinische Satz in meinen Mund kommt? — Ich staune auch — daß mir von meiner ganzen, ziemlich umfassenden Kenntniß des Lateinischen nur dieser armselige Brocken übrig geblieben ist. — Aber gleich die ersten Tag^, die ich in der Fremde zubrachte, wirkten auf mich wie eine grausam ernüchternde Oouche, mein hochfliegcnder Idealismus stieß in der Wirklichkeit auf jeden Schritt an ein Hindcrniß. Das rosige Licht, in welchem ich mir die Fremde stets vorgestcllt hatte, war nirgendsichtbar, eine düstere, ncbclgetrübte Atmosphäre umgab mich von allen Seiten und lähmte meine Sehkraft derart, daß ich meine Ideale nicht nur nicht deutlicher mir vorschwebcn sah, sondern ganz auS den Augen verlor. Ich hatte eS nicht anders erwartet, als daß gleich im ersten Augenblick hundert dienstbereite Freunde mir liebreich rathcnd und wegweisend zur Seite stehen werden, und nun sah ich, daß ich in der volkreichen Stadt viel isolirtcr war, als in meinem kleinen Dorfe daheim. Die große Welt, in welcher ich die zur Höhe führenden Wege vermnthete, blieb für mich nach wie vor ein unzugängliches und in einem um so begehren-- wcrthern Lichte erscheinendes Eldorado, ich war ausschließlich auf den kleinen Kreis meiner Verussgenossen angewiesen, welcher mir aber durch die traurigen Erfahrnngen, die ich in ihm machte, gründlich verleidet wurde. In diesem Kreise widerfuhr mir daS Herbste, was einem empfänglichen, selbstbewußten Gemüthe widerfahren kann: ich sah meine Ideale in den Koth gezerrt und mußte mir sagen lassen, daß ich an die Stelle, welche den heiligsten Gütern der menschlichen Seele gebührt, verwerfliche, fluchwürdige Astergebilde erhoben habe! In diesem Kreise hörte ich es, entsetzt und verwirrt zugleich, das erste Mal, daß ein geistiges Streben, welches über die Grenzen des theologischen Verufsstudiums sich erstreckt, mißfällig in den Augen Gottes sei. — Dieser Gedanke erschütterte mich in meinen Grundprinzipien und die Furcht, ntich gegen meinen Glauben zn vergehen, machte mich schwanken. Ich war ein unerfahrener Knabe und unter meinen Kollegen befanden sich bärtige, bemooste Häupter, mußten sie nicht besser wissen als ich, was recht und waunrecht sei? Ich neigte mich schon, um dem Einflüsse meiner Umgebung nachzngcben, als mein besseres Bewußtscin in mir crw.ichte und mich noch rechtzeitig von einem moralischen Selbstmord rettete. -- Der große Philosoph Maimonides, die unsterblichen Sänger Ichudah Halewi. Aben ESra und Alcharisi, der Staatsmann Abarbanel, Iehudah Hamakbi, dieser jüdische LeonidaS — waren die etwa Irrgläubige?! Und ich ging weiter zurück zum klassischen Alterthum der jüdischen Schriftgelehrsamkeit, zu den ehrwürdigen Gestalten der Tanaiten nnd Amanten, welche den gigantischen Monnmentalbau des Talmud anfgcführt haben. Wäre es nicht der krasseste Unverstand, gegen diese berufensten Männer auf dem Gebiete der Religion und ihrer Wissenschaft, auch nur das leiseste Mißtrauen gellend zu machen? Und begegnen wir nicht an ihren Pfaden auf Schritt und Tritt den Zeugen großer Vorgeschrittenheit in allen Zweigen ciutr Kultur, welche die zwerghaften Epigonen mit dem Beiworte ״profan" als da-

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