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Jeschurun · 1885-07-30 · Heft 31 (30.7.1885) · p. 488

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 31 (30.7.1885)
Article
Reb Mausche
Date
1885-07-30
Page
488 (sequence 3)
Language
German
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488 Faktoren waren cS hauptsächlich, die nrich als Kind! schon einem schwarzen, aber durchaus nicht kindischen; Pessimismus in die Arme jagten: die armseligen äußeren Verhältnisse meines Aufenthaltsortes und die Energie- : losigkcit und Uncrsahrcnhei! meines Onkels. Bei aller i Herzensgute und Frömmigkeit nämlich war mein Onkel in allen weltlichen Dingen so undcholscn und uuerfahren wie ein Kind. Aus diesen Ursachen beging er häufig die verhängnißvottsten Mißgriffe, und ein ähnlicher großer Mißgriff war das Erziehungssystcm, welches er bei mir befolgte. Mein Onkel stellte an mich als achtjähriges .Kind beinahe dieselben Anfordcrnngcn, denen er selbst zu entsprechen gewohnt war. Wenn auch nicht so früh wie er, aber doch geraume Zeit vor Tagesanbruch schon mußte ich mir den süßen Schlaf aus den brennenden Augen wischen, und dann stand ich den ganzen lieben Tag bis spät nach Sonnen- . untergärig an seiner Seite imb hörte, ober besser gesagt, sollte hören, was er aus den großen Folianten heraustas. ES waren fremde Ideen, die ich zu hören bekam, ohne daß sie mir näher gebracht worden waren durch eine der verschiedenen Arten, womit heutzutage die Pädagogen Kinder so erfolgreich in nackte Wissenschaften einznführen verstehen. Und diese ewige nnnnterbrochenc Monotonie! Eine klaffende Ocde entstand, in meinem Geiste und in nicinem Herzen, ich wurde durch nichts angeregt, und cs gab nichts, was mein Herz höher hätte schlagen machen. Ich liebte nichts auf der weiten Welt, und selbst der gute Mann, welchem ich anjänglich als meinen Wohlthätcr dankbar zngethan war, wurde mir verleidet durch die vielen traurigen Eindrücke, die er absichtslos in mir wachricf. Wenn mein Onkel ein praktischer Mann gewesen wäre, dann hätte :nein Lebensweg eine andere Richtung genommen, und ich wäre dann wahrscheinlich etwas Besseres geworden als ein Hansircr. — Wieder wie am ersten Abend meiner Anwesenheit, als er mir seine Ansichten von der Philosophie mittheilte, hielt er inne, ließ den Kopf ein wenig tiefer hangen, und wie damals war auch jetzt ein trüber Schatten über sein Antlitz geflogen. Nur war an die Stelle der starren Düsterheit von damals jetzt ein Zug wchmüthiger Melancholie getreten. Doch cs dauerte auch jetzt nur einige Augenblicke — dann erhob er den Kopf wieder und fuhr fort. So aber, während mein Onkel in der Meinung, daß ich genau auspasic, ganze Seiten hcrablaS, oder oft gar vergessend, daß ich an seiner Seite stehe, stundenlang im Labyrinthe verworrener Gcdankengänge ver- ׳ weilte, schweiften meine Gedanken zu der Wiese hinüber, wo ich.meine Genossen im fröhlichen Spiele wußte, oder, aber ich nahm noch einen größern Anlauf und vertiefte mich in der Ausmalung der Zustände in überseeischen Märchenländern. Wie denn auch nicht — ich mußte doch die langen Zeiträume mit etwas ausfüllen! So gewann ich den Hang zum Träumen lieb, welcher mir später viel kostbare Zeit entzog, die ich nützlichen Dingen׳ hätte zuwcnden sotten. — Wenn dann mein Onkel, aus seiner Gedankenvertiefung erwachend, sich wieder an meine Existenz erinnerte und mich anrief, verrieth ich gewöhnlich durch ein erschrockenes Zusammenzucken und durch meine völlige Unkenntniß dcö in Rede stehenden Themas, wie weit meine Gebunten von den! Talmudfoliantcn entfernt waren. Mein Onkel zürnte mir hierauf, pflegte mich manchmal auch dafür zu schelten. Es that mir sehr wehe, den guten Mann erzürnen zu müssen und von ihm geschölten zu werden, ich beruhigte mich aber an dem Gedanken, daß er selbst mehr Schuld daran trüge als ich. Warum peinigte er mich auch, indem er mich den ganzen Tag an seine Seite schmiedete? Was hatte ich davon, daß er mich derartig nutzlos quälte? — Zu dieser inncrn Oede gesellte sich noch die Armscligkeit jener Eindrücke, die mir von außen zukamen, um nieinen Zustand zu einem möglichst trostlosen zu machen. So erreichte ich das zwölfte Jahr. Eines Tages mußte mein Onkel in irgend einer Angelegenheit sich in die nächste Stadt begeben. Bevor er fortfnhr, bestimmte er mir ein Pensum, welches ich bis zu seiner Nückkunst gründlich wissen sollte und ermahnte mich in eindringlichen Worten, doch ja die thenere Zeit auf die beste Art zu benutzen. Es ist natürlich, daß ich das Veste und Schönste versprach, aber ebenso natürlich auch, daß ich, sobald sich die Thürc hinter meinem Onkel geschlossen hatte, das Buch zuwarf und zu einem!!!einer Kameraden lies. Dieser hatte mir nämlich sehr überschwängliche Schilderung von einer Bücher- und Bilderlollektion gemacht, die sein Vater aus der Stadt heimgebracht haben sollte. Damals vermochte Alles, was nur in! geringsten eine Ausnahme anS der mich!!!!!gebenden Eintönigkeit machte,!nein Interesse in besonderen! Maße zu erwecken. Da ich nun für Bilder und Bücher von Natur aus eine große Vorliebe besaß, so beschwor ich meinen Freund, mich die Kunstschätze seines VatcrS sehen zu lassen. Nach vielem Bitten ward mir endlich Erhörung und der Kamerad führte mich mit gcheimnißvoller Miene in einen kleinen dunklen Raum, welcher zum Aufbewahren allerhand Gerümpels benutzt wurde. Das mysteriöse Halbdunkel, welches ln der Kammer herrschte, spannte meine Begierde noch höher, und nur dieser künstlich, obwohl, unwillkürlich entstandenen Spannung ist eS znzuschreibcn. daß ich die Dinge durch das Vergrößerungsglas meiner Aufregung schaute und. so von dem ״Kunstgenuß", der sich mir bot, vollkoinmen befriedigt war. (Fortsetzung folgt.)

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