Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1885)
- Article
- Reb Mausche
- Date
- 1885-07-30
- Page
- 487 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933132-2961901--19330-2961946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
487 Der so gesprochen, war ein heißblütiger Siebzehnder, das heißt, er war siebzehn Jahre alt. Er war begeistert von seinem Sitz aufgesprungen und machte solche lebhafte oralorische Gesten, daß seine Nachbaren Mühe hatten, ihre Nasen in Sicherheit zu bringen. Sein älterer Nachbar setzte seiner Lebhaftigkeit einen Dämpfer aus, indem er ihn auf seinen Platz niederzog und ihn zärtlich einen Tollkopf schalt. ״Dir scheint noch ein Stück von jener barbarischen Wildheit im Blute zu stecken," sagte er dann, ״mit welcher Dich Ncb Mansche in unsere Mitte gebracht hat. Schämst Du Dich nicht, eine arge Kneiperei anzetteln zu wollen? Ich meinerseits ziehe das würdigere Vergnügen des Schachspiels vor, wenn unser verehrter Meister nichts dagegen hat." ״Gut," ries ein Anderer, den Gedanken aufgreifend, ״theilen wir uns in Gruppen. Ich entscheide mich fürs Kartenspiel, wenn Sie es erlauben, Reb Mansche!" Reb Mausche saß ruhig in diesem Kreuzfeuer vom Hin- und Widerrufen und schien an der Aufgeräumtheit der jungen Schaar seine Freude zu haben. Als nun eine kleine Pause eintrat, benutzte er die Gelegenheit. ״Gemach, Kinder," sagte er, ״in dieser Weise werdet Ihr ja nie zum Ziele gelangen! Ihr wißt, daß ich Euch gerne Alles bei mir erlaube, was sich mit der Wohlauständigkeit verträgt, und da Ihr Nichts verlangt, was deren Grenzen überschreitet, so stellt sich auch diesmal Euren Wünschen von meiner Seile nicht das geringste Hinderniß entgegen. Aber, meine lieben Kinder, Alles will erst überlegt und erwogen werden. Seht, ich besitze unter anderen Kuriositäten auch ein Schachspiel, wohlgemerkt, ein einziges; auch ein abgeschossenes Packet Karten wird sich vielleicht finden, aber — wieder nur eines. Nehmen wir also den Fall, daß das Schachbrett zweien und die Karten dreien von Euch zu einer angenehmen Zerstreuung verhelfen, so ist für fönfc gesorgt — was aber sollen die klebrigen machen? Etwa die Schneeflocken abzählen. die draußen vom Himmel fallen?" Die jungen Leute mußten die Berechtigung der angeführten Argumente anerkennen und sahen einander verblüfft an. Da kam mir der rettende Gedanke. ״Erlaubt mir, meine Freunde," sagte ich, ״daß ich. die Art betreffend, wie wir den heutigen Abend. am angenehmsten und würdigsten zubringen könnten, einen Antrag stelle. Ich schmeichle mir, daß Ihr meinen Antrag einstimmig annehmen werdet, da er den Vortheil besitzt, daß durch seine Verwirklichung uns Allen in gleicher und gleich angenehmer Weise geholfen wäre. Ich meine nämlich, daß wir unfern geliebten Lehrer und Freund ersuchen sollen, er möge uns die gewiß lehrreiche und für uns doppelt wisscnSwerthe Geschichte seines Lebensganges erzählen." Ich hatte meine Worte noch nicht ganz ausgesprochen, als von allen Seiten die lebhaftesten Beifalls« rufe laut wurden. Auch Reb Mausche, welcher anfangs sich sträubte, willigte schließlich ein, und er begann zu erzählen. * Mein Leben enthält, wie dasjenige eines jeden Andern auch, unter manchem Wissenöwerthen viel des Gleichgültigen, und es ist also überflüssig, daß Ihr eS in seinem ganzen Umfänge kennen lernt. Jedoch eine Episode daraus, die besonders für junge Menschen wirklich manches Lehrreiche enthält, will ich Euch mittheilen. — Ich hatte meine Eltern verloren als ich noch ein ganz kleines Kind gewesen, ich hatte sonst Niemanden auf der Welt, welchem mein Schicksal nahe gegangen wäre, als einen einzigen Onkel, diesem blieb also nichts anderes übrig, als mich zu sich ins HauS zu nehmen. Mein Onkel wohnte in einem ganz kleinen, elenden Dorfe und lebte von dem geringen Erträgniß, welches ein kleines Spezcrcigewölbe ihm abwarf. Die Bedienung des kleinen Ladens lag ganz meiner Tante ob, einem Biederweibe im eigentlichsten Begriffe des Wortes, mein Onkel aber widmete seine ganze Zeit ausschließlich dem Talmudstudium. Lange noch bevor die übrige Welt den Schlaf abgeschüttelt hatte, erhob er sich von seinem Lager und begann zu ״lernen" und saß mit wenig Unterbrechung über den Folianten gebeugt bis spät in die Nacht hinein. Ich kann cS ohne Uebertreibung sagen, daß mir Zeit meines ErdenwallenS, welches nun bald rund sechzig Jahre zählen wird, noch kein so wahrhaft frommer und gottcsfürchtiger Mann begegnet ist wie mein Onkel. Er ging vollständig in dem Bestreben auf, sein Leben den Anforderungen der Religion anzupaffen, und vor diesem Bestreben mußten die Interessen seines physischen Wohles zu jeder Zeit in den Hintergrund treten. Er führte eine wahrhaft asketische Lebensweise, er enthielt sich auch an vielen Tagen des Jahres, welche keine gebotenen Fasttage waren, jeder Nahrung, und alle Vorstellungen, daß ähnliche und noch zahllose andere Entbehrungen nothwendig seine ohnehin schwache Gesundheit noch mehr untergraben müßten, blieben erfolglos. Mein Onkel besaß außer seiner beispiellosen Frömmigkeit auch manche andere schöne Tugend. So war er z. B. die Güte selbst, und jedes an ihn gerichtete Ansuchen gewährte er, wenn dies nur in seiner Macht war. Unter der Leitung dieser zwei mustergültigen Personen verlebte ich meine Kindheit, und doch kann ich nicht sagen, daß ich in jener Zeit glücklich gewesen wäre. Nein, eS gab sogar Stunden, in Lenen ich mich bis zum Verzweifeln unglücklich fühlte. Zwei verhängnißvolle