Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-07-23 · Heft 30 (23.7.1885) · p. 473

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 30 (23.7.1885)
Article
Prozeß Stöcker gegen die Freie Zeitung
Date
1885-07-23
Page
473 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933131-2961836--19285-2961876
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JV« 30. Projef Ztöcker gegen die Freie Zeitung. (Fortsetzung.) Staatsanwalt: Ich habe es bisher immer für die hohe Ausgabe des Staatsanwalts, wie der Vertheidigung gehalten, möglichst die Objektivität walten zu lassen und die Leidenschaften möglichst zu unterdrücken, anstatt sie zu entfesseln. Deshalb habe ich mein Plaidoycr so knapp wie möglich gestaltet, und deshalb habe ich auch die einzelnen Punkte nur so kur; wie möglich berührt. Es hätte mir sonst sehr nahe gelegen, auch ans die KampseSwcise derjenigen Presse, welcher der Angeklagte angchört, näher einzugehen. Ich bedauere, daß die schon so schlechte Atmosphäre in diesem Saale diesmal verschlechtert ist nicht durch den Angeklagten, sondern durch die Art und Weise, wie die Vertheidigung jede Gelegenheit benutzt, um wieder neue Anklagen auf den abwesenden Zeugen Stöcker zu hänfen, An. klagen, die nothwendiger Weise doch wieder zu neuen Erhe. bungen und Erörterungen führen müßten. Ich unterlasse es deshalb, darauf zu antworten. Rechtsanwalt Sachs: Ich erwidere dem Herrn Staalsan- Walt, daß ich nicht gewöhnt bin, Belehrungen von ihm darüber anzunehmen, wie ich mich in meinem Plaidoycr zu verhallen habe, ebensowenig, wie ich ihm Belehrungen dieser Art zu Theil werden lasse. Wenn aber der Staatsanwalt meint, daß die Leidenschaften durch die Vertheidigung entfesselt sind, so weise ich einfach darauf hin, daß der Präsident keinerlei Veranlassung gefunden hatte, mich zu rektifiziren. Was dann das Wort von der Verschlechterung der Atmosphäre betrifft, so ist diese Ausdrucksweise mindestens nicht sehr glücklich gewählt, denn sie erinnert doch einigermaßen an die von uns gerügten Bilder, die sich in Stöckerschen Nedesätzen vorfinden. Nicht unsere Leidenschaft verschlechtert die Atmosphäre, sondern das, was wir aus der Rüstkammer Stöckerscher Journalistik an Schlechtem und Niedrigem hier auszukramen genöthigt waren. Rechtsanwalt Munckel! Ich ersehe aus den Bemerkungen des Herrn Staatsanwalts zu meinem Bedauern, daß sich doch ein leiser Anstug von der Stöcker'schen Kanalisations-Redeweise auch in sein Plaidoycr verirrt hat . . . Vorsitzender (unterbrechend): Ich glaube von mir behaupten zu können, daß ich mich redlich bemüht habe, aus diesen Verhandlungen im allgemeinen Interesse jede persönliche Heftigkeit möglichst fern zu halten und ich glaube, daß, wo hier und da ein hartes Wort aus meinem Munde erklungen sein sollte, dies wohl seine Entschuldigung darin finden kann, daß es, ungemein schwer ist, die Ruhe immer da zu behalten, wo einem das an und für sich schon schwere Amt noch vielfach unnütz schwer gemacht wird.' Ich habe beiden Seiten den weitesten Spielraum gelassen und will dem. zweiten Herrn Vertheidiger nicht verhehlen, daß nach meinem Gefühl der satirische Ton, in welchem er die Vertheidigung führte, nicht immer derjenige war, der dem großen Ernst der Sache immer ganz entsprach. Seine letzte Bemerkung aber muß ich als verletzendentschieden zurückwcisen. Das geht mir über die zulässige Grenze' doch hinaus, und nun bitte ich den Vertheidiger,,in dem Tone des'Anstandes und der Höflich, fett in seinem Plaidoycr förtzufahrcn. Rechtsanwalt Munckel: Sie haben, Herr Präsident, den Ton, welchen ich angeschlagen habe, in einen gewissen Gegensatz gebracht zu dem Ton der Höflichkeit und Anständigkeit. (Der Vorsitzende widerpricht). Ich konstatire, daß Sie es als zulässig erachtethaben, daß mir der Staatsanwalt eine Derschlechterung der Atmosphäre vorwirst. Da Sie diesen Ausdruck zuließen, haben Sie ihn als parlamentarisch anerkannt. Ich habe mich dagegen verwahrt, in einer nach meiner Ueberzeugung mindestens ebenso parlamentarischen Art. Wenn ich nun eine 47)_ Zeschrrrrrn. Belehrung darübev empfangen habe, was anständig ist und sich gehört, so kommt mir diese etwas spät: ich weiß die« seit 24 Jahren bereits so gut, wie der Herr Präsident und — ich bin sehr stolz — vielleicht noch etwas besser. Und wenn der Herr Präsident gesunden haben will, daß der von mir angeschlagene Ton dem Ernst der Sache nicht angemessen sei. daun kennen Sie meinen Ton eben nicht. Glauben Sie etwa, ich scherze über einen solchen Mann? O nein, es ist mir bitterer Ernst. Ist cs etwa meine Schuld, daß. ich meine Meinung über den Zeugen Stöcker in seiner Abwesenheit sagen muß? Ich häUe es ihm am liebsten laut ins Ohr gesagt. Nicht die Leidenschaft beherrscht mich. Diese geht aus einem warmen Gefühl hervor, mein Gefühl diesem Manne gegenüber ist aber außerordentlich kalt — das kälteste, was man haben kann. Ich will'- dem Herrn Präsidenten nicht nennen, und wenn der Ton hier miß. verstanden werden sollte, ich glaube: in der Oeffentlichkeit wird man ihn verstehen'. Was ich gesprochen, spreche ich nicht zum Scherz, sondern in tiefer, sittlicher Entrüstung, und das ver׳ trete ich vor diesem und vor jedem anderen Kollegium, wenn mich der Staatsanwalt etwa mit einer Anklage bedenken will. Staatsanwalt: Ich habe zu erklären, daß es mir vollständig fern gelegen hat, mich in so unsauberen Phantasien zu bewegen, wie sie mir die Vertheidigung auf Grund meiner Worte nntcrznlegen scheint. Wenn ich von der Verschlechterung der Atmosphäre gesprochen habe, so war dabei ein rein änßerliches Moment: die große Hitze in diesem Saale, der anregende Faktor. Aber ich erkläre, daß ich es unerträglich finde,' wenn die Vertheidigung dazu benutzt wird, um die Schmähungen noch zu potenzireu. Rechtsanwalt Sachs: Ich bedauere, daß von dem bevorzugten Platz der Staatsanwaltschaft aus hier solche Anklagen gegen die Vertheidigung gerichtet werden. Präsident Lüty versichert nochmals,'daß es sein Bestreben gewesen sei, Licht und Schatten gleichmäßig zu verthcilen, daß er nicht behauptet habe, dap der Ton der Vertheidigung die Grenze des Anstandes überschreite, daß aber der sarkastische Ton des zweiten Verthcidigers eine gewisse Schärfe enhalte, — Rechtsanwalt Munkcl: Dann liegt das jedenfalls in meiner Natur. Präsident: Das mag sein. Jedenfalls weiß ich nicht, weshalb der Vertheidiger sein Gefühl für Höflichkeit und Anstäudigkeit, welches er schon seit 25 Jahren kennt, höher stellen will, als mein eigenes. - Rechtsanwalt Munckel: Der Anstand, den ich seit 25 Jahren kenne, ist derjenige, der in Gcrichtsfällen zu Hanse zu sein pflegt. Sonst ist mir der Anstand schon seit 48 Jahren bekannt. Der Präsident verkündet hierauf eine einstündige Pause. Nach dreistündiger Berathung erscheint der Gerichtshof um 9 Uhr wieder in dem Saal. Der Präsident erklärt: Der Gerichtshof hat in der eingehendsten Weise bis jetzt bcrathen. Bei der Massenhaftigkeit des Materials aber hat sich der Gerichtshof über einzelne Punkte noch nicht schlüssig machen können. Es wäre also.hei dieser Sachlage zweifelsfrei zu erwarten, daß sich die Verhandlung resp. Publikation noch bis Mitternacht hinziehen würde. Mit Rücksicht hieraus und auch mit Rücksicht auf meine persönliche Angegriffenheit hat der Gerichtshof beschlossen, die Verhandlung aus Dienstag früh 9 Uhr zu vertagen.- * * * , Das Erkenntniß in dem ״Prozeß Stöcker" gegen Bäcker ist von dem Vorsitzenden des Gerichtshofes, Landgerichtsdirektor Lüty, in folgender Weise publizirt worden:- ״Ich bitte zunächst um Entschuldigung, wenn sich in Folge einer gewissen körperlichem Indisposition vielleicht nicht so klar und mit so klarer Stimme publizire, wie es sonst meine Art ist und sein kann. Im klebrigen werde ich bemüht sein, in der Publikation einen wesentlichen Ueöerblick der Gründe zu geben, welche den GriW?4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.