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Jeschurun · 1885-07-23 · Heft 30 (23.7.1885) · p. 472

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 30 (23.7.1885)
Article
Reb Mausche
Date
1885-07-23
Page
472 (sequence 3)
Language
German
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/ 472 Die Tage, Wochen und Monate verstrichen, ich hatte seit dem ersten Abende noch kein einziges Mal verfehlt, bei den Abendgesellschaften Reb Mansche'- anwesend rn sein, und jedes Mal steigerte sich meine Verehrung für den außergewöhnlichen Menschen. Ich ließ eS mir besonders angelegen sein, in die Mysterien seines Lebenswandels cinzndringen, denn wahrhastig — er hatte auch Mysterien, dieser kleine, unscheinbare, fröhliche Greis, die er mit dem ganzen Aufgebot seines immensen Scharfsinnes vor den Augen der Welt zu verhüllen bestrebt war. Aber ich habe feinen Scharfsinn auSgespürt und durchblickte seine Mysterien. Derjenige, welcher geneigt wäre zu vermuthen, daß Reb Mansche zu mitternächtlicher Zeit kabbalistischen Studien oblag, würde weit fehlen. Seine Geheimnisse waren ganz anderer Natur — et nun. sie bestanden in einer fort- Laufenden Kette hochherziger, humaner Handlungen. Er hatte eine gute Spürnase, der alte rastlose Geselle, er schnüffelte jeden Ort auf, wo Menschen Noth litten und der Hülfe bedurften, unb wenn einmal mehr oder minder geholfen war, dann wußte er mit einem bewnnderungswerthen Raffinement jede Fährte hinter sich zu vertilgen. Was Wunder also, daß ich schon nach wenigen Wochen ein begeisterter Verehrer, ein Anbeter deS Mannes wurde! Aber, höre ich nianchen geneigten Leser ungeduldig fragen, was ist denn dieser Reb Mausche eigentlich gewesen, denn, wie er selber sagte, ״Etwas muß doch Jedermann sein." War er vielleicht einer jener glück- Lichen Krebse in Menschengestalt, die nur ihre Scheere, mit welcher sie die gütige Vorsehung bescheert hat, in Bewegung zu setzen brauchen, auf daß ihnen der Segen dieser Welt in Gestalt von schmalen Papierstreifen in den Schooß falle — war er Rentier? Oder war er ein armer Lamdon vom Fach, welchen die Hülfe seiner Glaubensgenossen von den Nahrungssorgen befreite und ihm die Uebnng seiner absonderlichen Passionen ermöglichte? Es ist mir leid, sehr geehrter Leser, Leide Hypothesen als nicht nur unzutreffend, sondern gar als an einer Unmöglichkeit vom logischen Standpunkt leidend, bezeichnen zu müssen. Um mich der korrekten analytischen Demonstrationöart zu bedienen, muß ich mit Bezug auf die erste Vermnthung bemerken, daß zu dem Begriffe eines kuponschneidenden Rentiers der Begriff von Wertpapieren hinzugedacht werden muß, eigentlich istS mit dem Denken allein noch nicht gethan — die Wertpapiere müssen sich in der Reihe der wirklich exisLircnden Dinge befinden. Nun haben wir für. ünsern Fall zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen: entweder war Reb Mausche Rentier, ohne Werthpapiere zll besitzm, was aber ein Absmdum, eine Undcnkbarkeit wäre, oder er war Rentier mit Werthpapieren, W6S beinahe noch weniger denkbar ist, weil er wirklich keine hatte — und weil, wenn er auch welche gehabt hatte, er sie gewiß augenblicklich zu Geld gemacht und deren Erlös auch allsobald verschenkt haben würde. Es bleibt uns daher nur noch der dritte Fall, daß er nichts weniger gewesen, denn ein Rentier. Aber auch das Andere war er nicht, denn eher kann ich mir einen Chinesen ohne Zopf vorstellen als daß Reb Mausche, so wie ich ihn kannte, von Jemandem etwas angenommen haben könnte. Sondern er war ein Mensch, der sich seinen Lebensunterhalt durch redliche, fleißige Arbeit verdiente, kurzum er war — ein Haustrer! Wie ich wahrnehme, will das einigen Herrchen in Zilinder und mit blendend weißen und brettharten Manschetten und Hemdkragen wieder recht komisch erscheinen, so daß sie sich vor lauter Kichern gar das Bäuchlein halten müssen. ״Haben wir'S nicht gleich gesagt, daß es mit dem Heroismus nicht weit her sein wird?" Wohlan, meine Herren, lachen Sie gütigst so lange es Ihrem ehrbaren Zwerchfell nur immer belieben mag, ich aber sage Ihnen nur so viel: und er war dennoch ein Heros! So wie er aber in intellektueller Beziehung nur dem Reinen und Edlen geneigt war, so hatte er auch, insoweit ihn die Einrichtung dieser Welt zwang, dem Materialismus Rechnung zu tragen, sich einem idealen Gegenstände zugewendet: er handelte mit Gold und Edelsteinen. Sein ganzes Waarenlager und Vermögen befand sich in einer kleinen Kassette, mit welcher unter dem Arm man ihn oft in dem einem oder andern großen Hotel sehen konnte, wo er hauptsächlich seine Geschäfte machte. Auch befaßte er sich mit dem Putzen alter Gold- und Silbergegenstände, was er meisterhaf toerstand. Ich hatte mich bald in den Kreis der guten und edlen Menschen, welche die Tafelrunde Reb wräusche's ausmachten, hineingelebt und die Prinzipien, die das Bilrgerthum der Republik aller, braven Leute zusammenhalten, verbanden auch uns junge Leute unter einander, und uns Alle wieder mit unserem angebeteten Meister. Nur in Einem konnte ich mich nicht entschließen, dem Verlangen Reb Manschet zu willfahren, darin nämlich, daß ich mich von ihm sollte ״mürbe" machen laffen. Auch wenn er mich noch so inständig darum bat, ließ ich mich nicht bewegen, ihn einmal im Vortrage abzulösen; eine geheime Scheu hielt mich ab, jenen Platz emznnkhmen, den meiner Ueberzeugnng nach Niemand so gut ausfüllen konnte wie er. So waren wir bis mitten in den Winter hineingerathen. Der Kalender sagtewohl, eS sei erst der Anfang der rauhen Jahreszeit^ die Witterung aber, welche ich in diesem Punkte für' eine maßgebendere Kapazität halte, war anderer Meinung. Sie bescheerte diesmal schon zu Anfang Januar so -viel Schnee und Kälte wie sonst kaum zu Ende dieses׳ MouaLS.' (Fortsetzung folgt.)

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