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Jeschurun · 1885-07-23 · Heft 30 (23.7.1885) · p. 471

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 30 (23.7.1885)
Article
Reb Mausche
Date
1885-07-23
Page
471 (sequence 2)
Language
German
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471 folgte einer aus dem Pentateuch. Auch auf dem Gebiete der Bibeierklärung mutzte ich die seltene Geistesschärfe und Genialität des kleinen Männleins staunend anerkennen. Er wußte die herrlichsten Gedankenschatze aus der Tiefe des GottcswortS heraufznholen und die Fundamentalsätze des Judenthums so triftig und überzeugend zu definiren, daß die nachhaltige Wirkung deutlich auf den Gesichtern der empfänglichen Zuhörer sich abspiegelte. Als Neb Mansche die Bibel zumachte und ich mich von dem Banne, den der wunderbare Mensch auf mich auöübte, theilweise befreit hatte, war der erste Gedanke, der in mir auftauchte: und ich habe doch Recht, daß er einen Sparren zu viel hat! Oder, gehört etwa nicht ein mächtig großer Ouerbalken dazu, sich heutzutage auch noch um etwas Anderes zu kümmern als darum, auf welche Weise die möglich größten Summen zu erschwingen seien? Muß man etwa den nicht für verrückt erklären, der auf die Gefahr hin verlacht und bemitleidet zu werden, junge Leute von der Gasse aufliest, nur um sie durch Beispiel und Belehrung von den Abgründen fern zu halten, an denen die blumenbedeckten Abwege der Jugend vorüberführen? Der mit regem Kunstsinn Gemälde und Antiquitäten sammelt, der eine sorgfältig gewählte, reichhaltige Bibliothek besitzt, der Klassiker, atheistische und polytheistische Philosophen gelesen hat ohne ein Verräther der geoffenbarten Religion zu werden, sondern bei Alledem einer ihrer begeistertsten Anhänger bleibt? — Ja, es ist klar, der Mensch ist wahnsinnig, aber bei Gott! —. es verlohnt sich, um eines solchen Wahnstnns halber sich die Narrenkappe und Zwangsjacke aussetzen zu taffen. Die Stunden waren unbemerkt verflogen und die Nacht war schon ziemlich vorgerückt^, als einer aus unserer Mitte auf die Uhr blickend sich erhob und uns zum Gehen aufforderte, damit der verehrte Meister zur gewohnten >jeit zu Bett gehen könne. Die Hausfreunde ältern Datums wußten nämlich, daß Neb Mansche von Natur sehr schwächlich und zu Krankheiten inklinirt sei, und daß nur eine mit äußerster Pünktlichkeit innegehaltene Regelmäßigkeit der Lebens» weise ihn bei seinem blühenden Aussehen und seinem muntern Wesen erhalte. Er ging zur festgesetzten Minute zur Ruhe, und ebenso genau hielt er die Zeit des Aufstehens ein. Auf seinen Tisch kamen jeden Tag gleichmäßig dieselben Speisen und sogar die Quantitäten derselben mußten sich immer gleich bleiben. Wir erhoben uns, und da sich Alle zusantmendrängten, um dem alten Freunde zum Abschied die Hand zu drücken, so benützte ich die günstige Gelegenheit, um die mich umgebenden Gesichter näher in Allgenschein zu nehmen. Und da mußte ich anerkennen, daß Neb Mausche nicht nur ein gründlicher Denker, sondern auch ein großer Phisiognomiker war. Er sah es dem Menschen vom Gesichte an, wie es mit ihrem Innern beschaffen sei. Das waren lauter offene, biedere Gesichter, die den Stempel eines für das Edle und Schöne empfänglichen Geistes auf der Stirn trugen. Ja, das waren Elemente, deren Rettung und Erhaltung werth war, daß man sich für sie der Gesahr des AuSgelachtwcrdens aussetzte. Als ich mich mit den Andern zum Weggehen anschickte, bat ich den Greis um die Erlaubniß, zu den regelmäßigen Besuchern seines Hauses gehören zu dürfen. Er sah mir mit einem erstaunten Blick ins Angesicht und niurmelte: ״Noch nicht satt?" Dann ergriff er hastig meine Hand, drückte sie fest — so fest eS seine schwachen Finger vermochten und sagte: ״Kommen Sie, kommen Sie recht, recht oft." Eine kleine Strecke hielt der gemeinsame Weg die ganze Gesellschaft beisammen, und da hörte ich, wie der junge Mensch, der heute so ״famoS" geneckt wurde, zu seinem ihm zur Seite gehenden Nachbar sagte: ״Weißt Du, Heinrich, wo ich vorige Woche um diese Stunde gewesen bin? Wir waren eine lustige Gesellschaft im Restaurant L. beisammen und zechten bis nach Mitternacht. Als ich nach Hause kam, war mir der Kopf so wüst, daß ich erst gegen Morgen cinschlafen konnte, wo es daun freilich bald wieder hieß: aufstchen und ins Geschäft gehen. Ich war den ganzen Tag und zu Nichts recht tauglich, so daß sich mein Chef gezwungen sah, mir einige Verweise zu ertheilen. Die Zeit ist mir heute gerade so schnell verflossen, und das Bewußtsein, sie in einer geläuterten geistigen Sphäre verbracht zu haben,, erfüllt mich mit einer süßen Zufriedenheit mit mir selbst. Ich erkenne erst jetzt, was für ein großer Schatz die Selbstbefriedigung ist, sie erhellt einen das ganze Gemüth. Du — wenn mein guter Vater, der um meine Religiosität und Moralität so besorgt ist, wüßte, in was für gute Hände ich gerathen bin!" In einer.andern Gruppe hörte ich wieder die Bemerkung: ״Ich hätte mir nie träumen lassen, was für einen edlen und sinnigen Kern das scheinbar unverständliche Gebot der Tefillin birgt. Ich werde nach den heutigen Erörterungen unseres weisen Freundes immer mit doppelter Andacht die Ge.betricmen anlegen." So faßten die von dem edlen Menschen ausgestreuten guten Keime in den jugendlichen Gemüthern Wurzel und schossen zur segensreichen Saat auf. Diese Wahrnehmungbildete, wie mir Reb Mausche später einmal mittheilte, die Hauptauette seiner dauernden Heiterkeit. Daß' aber seine Lehren bei seinen. Schülern einen so nachhaltigen Eindruck machten, wußte er daher, weil er das Privatleben seiner jungen Freunde, einer geheimen und sehr angelegentlichen Ueberwachung: unterzog. •7 ־ ׳ ■.,׳

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