Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1885)
- Article
- Prozeß Stöcker gegen die Freie Zeitung
- Date
- 1885-07-16
- Page
- 460 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933130-2961764--19236-2961810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
460 das Wort ״Doppelzüngigkeit" und der Herr Hofprediger weiß: qchts nicht glatt vorbei, jo muß man auch hier und da kleine Schramme mit in den Kauf nehmen, und ich denke, daran wird'« ihm in diesem Falle nicht gefehlt haben. Herr Stöcker ist ein ״christlich milder" Mann und deshalb bedient er sich ehemaliger Zuchthäusler, um sie zur (Erziehung des Volkes in literarischer Beziehung;u verwenden, oder er entdeckt in braven Portiers plötzlich solche Talente, daß er sie zur Redaktion seines LeiborgauS für fähig halt. Das ist doch geradezu eine Verhöhnung alles dessen, was mau sonst auch im allgemeinen journalistischen Leben für anständig hält. Den Anforderungen de» politischen Anstandes im Abgeordnetenhaus: zeigte er sich nicht gewachsen, aber auch die Anforderungen der redlichen, ehrlichen Gefchästsjühruug hat er nicht erfüllt, denn die Sache mit den durch einen Schuldschein ersetzten 2000 Mk. entspricht diesen Anforderungen nicht ganz. Wa» würde wohl der Herr Staatsanwalt sagen, wenn ein Kasscnvcrwalter, der zu bestimmtem Zweck eine Summe Geldes erhält, dieselbe einfach für sich verwendet und der Revisor dann an Stelle des Geldes später einen Schuldschein des Kassenverwalters vorsindet. Wenn somit der Nachweis klipp und klar erbracht ist, daß der Hofprediger Stöcker nicht blos gegen die gewöhnlichen Anstaudspflichten, sondern auch gegen die AnstandSpflichtcn einer ehrlichen und redlichen Gefch'äftSführung sich vergangen hat, so verschwindet diese Feststellung doch gegen die Tharsache, daß — was bei einem religiös so hoch veranlagten Menschen doppelt schwer ins Gewicht fällt — er sich auch vergangen hat gegen die Eidespflicht, über welche er so schöne Worte gesprochen hat, daß er diesen Eid nicht so rcspcktirt, wie es jeder einfache und harmlose Mensch sonst für seine Pflicht zu halten Pflegt. ES ist nachgewicsen worden, das; Herr Vtöckcr, er mag sich drehen und wenden wie er wolle, einen falschen Eid geleistet hat; daß er sich herausredcn würde, war vorauSznschen, daß er das Herausreden versteht, ist zur Genüge bekannt. Gin Umstand könnte für Herrn Stöcker mildernd in die Waage fallen. Der Herr Staatsanwalt hatte schon die Güte, als die Affaire mit der Esther Solymossi erörtert tvnrde, daß Herr Stöcker einige wesentliche Unterschiede in dem, wie er dies ausgesaßt hat, nicht zu begreifen scheine. In der That scheint er Manches nicht zu begreifen, waö für jeden verständigen Menschen leicht begreiflich erscheint. Es ist dies für mich eine recht niederschmetternde Wahrnehmung; denn wenn ich auch sonst dem Hosprrdiger Stöcker noch niemals allzu viel zugeiraul habt — so hatte ich bisher an seinem Begriffsvermögen eigentlich noch niemals zu zweifeln gewagt. Ich denke: Soweit der Artikel Thatsachcn enthält, sind sie Punkt für Punkt scstgestrllt und müssen als erwiesen gelten. Ich bitte aber dringcnd, noch Folgendes zu erwägen: Die Artikel sind geschrieben aus einem ehrlichen Gefühl heraus, ans dem Abscheu über das Treiben dieses Mannes, aus der GewiffenSpflicht. diesem Manne der da prätendirte, daß der II. Berliner Wahlkreis der Ehre theilhaftig würde, durch ihn vertreten zu werden und der da meinte, einen Mann wie Birchow verdrängen zu können, die Maske vom Gesicht zu reißen. Die Artikel sind ans dem Gefühl heraus geschrieben, daß der Keuleuschlag endlich einmal niedcrsallen mußte, die Artikel haben dazu Anlaß gegeben und die Verhandlung hat diese Anregung in dankenswerther Weise fortgesetzt. Ich bitte deshalb, soweit der Gerichtshof annimmt, daß ein Verstoß gegen § 185 vorliegt, mit Rücksicht auf das Gute, was der Prozeß gestiftet hat, überall mildernde Umstände walten zu lasten und eine Geldstrafe anSznsprechcn, die der Ehre desjenigen entspricht, der beleidigt worden ist. Die Höhe der Gcldsirasc will ich nicht taxiren, meine Taxe könnte sonst viel- ׳ leicht etwas gar zu niedrig ausfallcn. (Fortsetzung folgt.) KorrespoildcilZtn nnd Nachrichten. Deutschland. 0. Berlin, Juli. Die ״Tgl. Rdsch." schreibt über rückkehrcnde Auswanderer ans Amerika: ״Die Leute, polnische Juden, galizische Arbeiter und dergleichm, waren vielleicht nur einige Monate drüben, wo die Geschäfte schlecht gehen; aber bei der Rückkehr sehen sie seltsam verwandelt aus. Der Kaftan, die Schwächtlocken, die nationalen Trachten, in denen sie auszogen, sind verschwunden; sie waren durch den Gebrauch zerlumpt, und nothgedrnngen mußte der Träger sich bei einem Trödler drüben für einige Schillinge neu einkleiden. Da kommen sie denn zurück in den Resten des Kostüms eines Dandy, in kurzem Jaquct, Pluder- Hosen und Stehkragen, die seltsam absrcchcn gegen Hal^ tung und Gesichtsausdruck Eine ältere Frau lies dieser Tage im Bahnhofe in einem alten Morgenrocke umher, in dem sie die ganze Seereise durchgcmacht hatte. Die Zahl der polnischen Passanten von und nach Amerika ist übrigens so groß, daß mit Rücksicht auf sic im Bahnhofe Friedrichsstraße ein polnisch sprechender Schutzmann ausgestellt ist." H. B. Würzburg, 10. Juli. Bezüglich Ihrer | Korrespondenz ans Erlangen in letzter Nummer möchte! ich berichtigen, daß jetzt nachträglich das Korps ״Onoldia" in Erlangen die Klausel, keine Juden anfzunehmen, wieder hat fallen lassen, da dieselbe unter den Korps- Philistern großen Unwillen erregt hatte. — Was die ״Mönania" in Würzburg betrifft, so möchte ich bemerken, daß dieselbe wohl Juden ausnimmt, daß aber sehr viele der hiesigen übrigen couteurtragenden Studenten- Verbindungen sich den jüdischen Kollegen gegenüber verschließen. Uebrigcns legen die Musensöhne mit diesem ״echten Germancnthume" absolut keine Ehre ein. So hat. als vor einigen Jahren das hiesige Korps ״Rhenania" anfing, die Aufnahme von Israeliten zu verweigern, ein an der hiesigen Universität dozirender Professor der Medizin, welcher dieser Verbindung als alter Herr angchörte, der ״Nhenania" das Korpsband zurückgesendet als Ausdruck des entschiedenen Mißtrauens- Votums, indem er sich so von ihrer Gemeinschaft loSsagte. — Sie sehen, daß die ״Onoldia" in Erlangen durchaus nicht die erste der Studentenverbindungen war, die diesen ״hochwichtigen, kräftig-deutschen Schritt zu Bessern" unternommen, daß vielmehr schon fast gleichzeitig mit Beginn des modernen Antisemitismus die Blüthe Deutschlands, zum Theil wenigstens, demselben ihr vivat, floreat, crescat entgegen jubelte. Antisemitismus und kein Ende!