Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1885)
- Article
- Reb Mausche
- Date
- 1885-07-16
- Page
- 455 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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455 zugecignct hätte. Und zwar wäre eS dann eines der wcrthvollsten Stücke der Nernbrandtsanunlungen gewesen; denn der Meister hatte sich hier augenscheinlich in seiner klassischen Eigenart selbst übcrtroffen, indem er das so charakteristische dämmernde Halbdunkel eines FrühlingSabcnds zu einer stockfinftern Dezembernacht verstärkte. Dies ist auch die Ursache, warum ich nicht angcben kann, was das Bild eigentlich darstellte. — ,4.:״, XrtC. kJ״. tt>/141t .1.1? S1.1״ TO,*fS״ u.v.unyv.1.v 1׳uuu;1v ״׳1 ,;*״.״p v.c ^1uu;1 ״״[ OCH. AL?liöC nicht so sehr dem Malerpinsel, als vielmehr dem Einflüsse der Zeit ihr Entstehen zn verdanken hatte, und wer weiß, ob die Schwärze des Alters nicht ein wirkliches Meisterwerk verhüllte. — Von den Bildern glitt mein Blick auf ein in meiner Nachbarschaft stehendes Tischchen, welches mit mehr oder minder bedeutenden Kuriositäten bedeckt war. Da stand ein abgebrochener, kleiner Obelisk aus einem selten schön geädertem Marmor, ein wahres Prachtstück in seiner Art, welcher, wie ich später erfuhr, gleich den meisten Kunstsachen in Reb Manschet Salon, ans einem Trödlerladen hierhergelangt war; dort stand eine antike Schale mit alten Münzen gefüllt, an einer dritten Stelle wieder bemerkte ich ein schön geformtes Tintenfaß ans der steinigen Erde des heiligen Landes, doch — ich müßte ermüden in der Herzählung all der interessanten Sachen, die das kleine Tischchen schmückten. Neben dem kleinen Tische stand ein großer schmuckloser Bücherkasten, aus welchem mir die ehrwürdigen Folianten des Talmud und seiner Erklärer entgegenblickten. Im zweiten Fache des Kasten waren die Bücher der heiligen Literatur, und viele hagadische und rcligionsphilosophische Werke ans der Vlüthezcit der arabisch-jüdischen Gelehrsamkeit untergebracht, — aber dort im dritten und letzten Fache, welches zum Theile von dem Holzrahmen der Glasscheiben verdeckt war, bemerkte ich Bücher, deren goldgepreßte Einbanddecken verriethen, daß sie nicht zum anspruchslosen Geschlechte ihrer theologischen Kollegen gehören. Neugierig bückte ich nüch und ent- Offerte die goldstrahlenden Namen: Goethe, Schiller, Shakespeare, Lessing, Börne u. s. w. Bisher war es noch gut gegangen, aber eS sollte anders kommen: Mendelssohn, Leibnitz, Wolf, — Kant, Carte—sius -Spi—nv—za! — — Ich fuhr jäh in die Höhe, und mein Blick richtete sich unwillkürlich auf das glatte Gesicht des Greises, der eben mit der Peinlichsten Behutsamkeit aus einer Papierdüte den Thee in das aufschäumende Wasser schüttete und dann sofort den Schnellsieder von der Flamme nahm. Konnte man es dieser unbedeutenden schmalen Stirn ansehen, daß sich ihr Besitzer je hinauSgcwagt hat in das, von den Zweifeln an die heiligsten Dinge fürchterlich aufgepeitschte Gedankenmeer philosophischer Spekulation? Wäre es nicht Wahnwitz gewesen zu vermnthcn, daß diese kleinen Angen, welche den Werdeprozcß eines Gebräus mit derselben Spannung verfolgten, als ob cs eine sich vor ihnen entwickelnde Staatsaktion wäre — daß diese Augen, sage ich, je in der Begeisterung für den hehren Schwung eines Schiller'schcn Genius Heller anflenchletcn? Unterdessen war der Thee fertig geworden, und Reb Mansche schenkte einem Jeden eigenhändig sein Glas voll. Nachdem der Thee unter heiteren Scherzen und Plaudern ausgeschlürft war, erhob sich derjenige ans der Gesellschaft, an welchem heute die Reihe war, die Funktionen des FamnluS zn versehen, stellte die Gläser und Tassen weg und holte einige Bücher herbei, welche er vor unserm Nestor auf die Tischplatte legte. Wie durch ein Zauberwort verschwand plötzlich jede Spur von Scherz und Muthwillen, und alle Gesichter drückten mit einem Male einen erwartungsvollen Ernst aus. Und wer Augen hatte, der konnte es sehen, daß dieser Ernst kein gezwungener war, daß vieltnehr die jugendlichen Gemüther überall sich ihm bereitwilligst anschlossen und sich von ihn!׳ durchdringen ließen. Ein letztes Räuspern, ein Zurechtrücken, imb es entstand die lautloseste Stille. Ich war von allen heute Abend empfangenen, unvermnthcten Eindrücken in eine eigenthümlichc GemüthSstimmnng versetzt worden; die abe1ttcncrlid)ftcn Gedanken begannen mir im Kopfe zu rumoren. Ich dachte an die alten Philosophen und ihren patriarchalisch ein« fachen Verkehr mit ihren Schülern, und trotzdem ich mich mannhaft gegen ein Ausarteu meiner Aufregung in eine Halluzination wehrte, konnte ichs doch nicht verhindern, daß in mir immer von Neuem die Vorstcllung erwachte, jener freundliche Greis dort sei kein anderer als Sokrates in eigener Person, und die jungen Leute, die gespannt an seinen Lippen hingen, seien lauter PhädonS, Kritons und Echekratese. Anfänglich dachte ich, daß diese hartnäckige Einbildung einer der unerforschlichen, willkürlichen Launen der Idecnassoziation entspringe, als ich aber der Sache tiefer ans den Grund forschte, entdeckte ich glücklich die logische Brücke, welche meine Gedanken von jüdischen Semiten zun! griechischen Iafetitcn hinüberleiteten. Hat nicht auch Sokrates seine Schüler von den Gassen und offenen Märkten aufgegriffen? — Das warS! Der Klang einer an!mdj gerichteten Ansprache verscheuchte die lästigen Gedcinkcnschwärme auö meinem Kopfe. ״Mein lieber R.," sagte Ncb Mansche zu mir, ״wollten Sie nicht die Güte haben, als der einzige Gelehrte — nun, Sie müssen sich nicht so Widerspruchsvoll räuspern, ich weiß, daß Sie über alle Maßen bescheiden sind — also meinethalben als der einzige Studircnde unter uns laienhaften Kaufleuten, uns etwas zum Besten geben? Etwa eine schöne Erklärung