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Jeschurun · 1885-07-09 · Heft 28 (9.7.1885) · p. 442

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 28 (9.7.1885)
Article
Prozeß Stöcker gegen die Freie Zeitung
Date
1885-07-09
Page
442 (sequence 2)
Language
German
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442 Von vornherein möchte ich den Werth des Zeugnisses des Herrn Hosprediger Stöcker beleuchten- Denn allerdings ist ein Thcil der tlittinata probanda ausschließlich durch fein Zeugniß hier erhärtet worden, und ich sehe ja voraus, daß die Vertheidigung die Glaubwürdigkeit dieses Zeugen wesentlich bemangeln wird. Ich habe die Auffassung, dag leine Thalsachen zur Erörterung gekommen sind, welche die Glaubwürdigkeit irgendwie in Zweifel bringen. Und ich nehme hier gleich, um damit anszurüumeu, weil es die schwerste Beleidigung ist, welche ihm zu Theil wurde, die Beleidigung vorweg, welche in der Form des Einwandcs gegen die Wahrheit einer behaupteten Thatsache, daß der Herr Hofprcdiger Stöcker am 2-k. Januar d. I. in Sachen Ewald und Genossen wider Berndt einen Meineid geleistet habe, wissentlich oder fahrlässig, gegen ihn geschleudert wurde. Meine Herren! Ich möchte den Richter sehen, der aus Grund der vorgebrachten Thalsachen den Hosprediger Stöcker wegen wissentlichen Meineids bestrafen könnte. Herr Stöcker hat nach dem Protololl beschworen: ״Ich sehe den Ewald heute zum ersten Mal!" während ihm nun nachgewiesen ist. daß er mindestens zwei Mal mit Ewald Auge in Auge verkehrt hat. Die Aussage des Zeugen Stöcker in jenem Prozeß ist ohne Zweifel falsch, es gicbt aber falsche Eide, welche nicht strafbar sind und dazu gehört dieser. Der Ausdruck: ״Ich sehe den Ewald heute zürn ersten Mal!" ist höchst unglücklich gewählt, denn in jenem Prozeß handelte rS sich darum, ob Herr Stöcker jemals mit Ewald ״in Unterhandlungen" gestanden habe und man hätte die Bcdcnrnng seiner Aussage dem Hosprediger auseinandersetzen müssen. Derartige Begegnungen in öffentlichen Versammlnngcn vrägcn sich ja im Allgemeinen dem Gedächtnisse ein, man müsse aber doch erwägen, daß der Herr Hosprediger seit Jahren der Leiter einer großen Bewegung sei, daß er im Jahre Hunderte und Tausende von Reden halte, mit Hunderten und Tausenden von Leuten dabei in Berührung komme und daß Ewald kein so berühmter Mann ist, um sich seinem Gedachtniffc so fest cinzriprägen. Die inkriminirten Artikel enthalten einerseits zahlreiche, fast unglaubliche Beleidigungen in der Form, indem sie fast in jeder Zeile behaupten, daß Hosprediger Stöcker ein Lügner im Talar sei und daß cs als eine Schmach betrachtet werden müsse, daß ein solcher Mann noch in seiner Stellung im Dienste Sr. Majestät des Königs verbleibe. Andererseits kommen Beleidigungen vor, welche nicht ertvcislich wahre Thatsachen von Herrn Hosprediger Stöcker behaupten. Dazu gehören in erster Reihe die Vorgänge aus der Eisenacher Kirchmlonscrenz. Ich habe die Empfindung, daß die Mehrzahl der logisch denkenden Menschen darin übcrcinstimmen wird, daß Herr Hosprediger Stöcker sich in der Thal daselbst an der ״Diskussion" nicht bcthciligt hat. Er hat zwar aus direkte Auf׳ svrderung des Leiters jener Konferenz seine Meinung durch die Worte ansgedrückt: ״Wir fordern in Jena nur unser Recht!" von einer Theilnahrne an der ״Diskussion" kann aber nicht die .Rede sein. Ebenso liegt die Sache bezüglich der Unterschrift unter die Antisemitcnpeiition. Thatsache ist es, das; er diese Vetitiou unterschrieben hat׳, Thalsache ist aber auch, daß er dieselbe eigentlich nicht unterschrieben hat; er hatte alles Beides sagen können und im Drange der Jnterpellatiou hat er sich nur inkorrekt anSgedrückt. Solche Unrichtigkeiten werden wohl Manchem von uns passiren, ohne daß daraus der Vorwurf der bewußten Unwahrheit sich rechtfertigt. Falsch ist die Behauptung, daß Professor Beyschlag Herrn Stöcker eine Unwahrheit nachgewiesen ha», falsch ist die Behauptung, daß Gelder, die zu wohlthätigcn Zwecken bestimmt waren, zu Agitationen verwandt seien, falsch sei auch die bestimmte Behauptung, daß Nobil'mg in der Mitgliederliste der christlich-sozialen Partei gestanden, aber doloser Weise nach dem Attentat aus derselben ansgemerzt worden sei. Richtig ist es ja, daß Löschmann von Herrn Stöcker angestellt worden ist, obgleich die Vorstrafen desselben bekanur waren. Man darf dabei aber nicht vergessen, daß es in dem Beruf des Herrn Stöcker liegt, reumüthigen Sündern den Weg zur Rehabckilirung zn bahnen. Alle die Versuche, Herrn Stöcker als einen politisch nicht intakten Mann, als einen Feind der Wahrheit hinzustellen, sind entschieden mißglückt. Was das Todt'sche Buch betrifft, so ist dasselbe von dem Konsistorium empfohlen-, dasselbe vertritt zwar einen gewissen Radikalismus, erklärt sich aber keineswegs gegen die Monarchie, und wenn ein Mann, der, wie Herr Stöcker seit Jahren für Religion und Monarchie eintritt, solch' ein Buch dem Gruneberg zum Studium empfiehlt, so begreife ich nicht, wie man ihm daraus einen Vorwurf machen kann. Bei der Affaire mit der Notablen- Erklärung und dem ״Tan; ums goldene Kalb" hat sich Herr Hosprediger Stöcker sicher in gutem Glauben gefunden׳, er glaubt noch heute, daß viele der Unterzeichner den Tan; umS goldene Kalb mitgemacht haben, wobei er keineswegs durchaus an Gründer im schlimmen Sinne gedacht haben will. Das Gegentheil ist ihm nicht nächgewiesen. Znzugcben ist, daß Herr Stöcker sich mehrfach geirrt hat, indem er einzelne Personen für Juden erklärte. Er hat diese Jrrthnmcr thcilrveise zugegeben, bewußte Unwahrheiten sind daraus aber nicht zu deduziren. Herr Stöcker hat sich auch in Bezug auf die Unterzeichnung des AuSweisnngsdekrcts durch Cremieux geirrt; er theilt mir aber mit, daß er zu diesem Jrrthum durch Arndt und namentlich durch das Konversationslexikon verleitet sei, denn dort steht in der That, daß die Unterzeichnung des Ausweisungsbefehls am 5. September durch Cremieux stattgefunden hat. — Was die Ausdrücke des Zeugen Stöcker über die liberale Presse betrifft, so sind dieselben vor einigen Jahren allerdings ziemlich starke und ehrenkränkende gewesen und der Vergleich der liberalcn Presse mit einer ״umgekehrten Kanalisation" ist sicher sehr ehrenkränkend, ich halte dieselbe aber doch nur für eine lebhafte, derb-witzige Wendung, um gewisse» Lesern das richtige Vcr. ständniß beizubringen. Ich gestehe zu, daß die Angriffe, welche der Zeuge Stöcker in früheren Jahren gegen die liberale Presse geschleudert hat, in Form und Inhalt geeignet waren/ diese gegnerische Presse zu reizen und ich verkenne gar nicht, daß der Gerichtshof in der Lage sein wird, die Sachlage nach dieser Richtung hin zu prüfen. Anderseits wird die Stellung des Zeugen Stöcker als Geistlicher und Verwalter einer hohen VcrtrauenSsiellung zu erwägen sein und gerade die Zusammenflef. jung des Hospredigers mit dem Lügner ist nach meiner Mernung eine Ehrenkränknng der allcrschlimmsten Art. Ich glaube auch, der Gerichtshof muß erwägen, daß die Artikel geschrieben sind, um die Kandidatur des Zeugen zu Hintertreiben, denn ich glaube, der Gerichtshof har darüber zu wachen, daß derartigen Mitteln, die Wahlen zu beeinträchtigen, entgegen getreten werden muß, damit solche Depravationeu immer seltener werden. Wenn die Kandidaten in solcher weise besudelt Werden dürften, dann würde das Bewußtsein von Ehre und Sitte im Volke noch tiefer sinken, als es bisher schon geschehen ist und eine Wahl bald unmöglich werden. Aus allen diesen Gründen beantrage er eine Gesammtstrafe von 5 Monaten Gefängniß. (Fortsetzung folgt.) KorrcsMdeilzen und Nachrichten. Deutschland. & Hamwver, 8. Juli. Unter hm 3725 Schülern, welche die hier bestehenden drei Gymnasien, zwei Realgymnasien und zwei höhere Bürgerschulen und die bamit verbundenen Vorschulen besuchen, befinden sich

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