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Jeschurun · 1885-07-09 · Heft 28 (9.7.1885) · p. 440

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 28 (9.7.1885)
Article
Reb Mausche
Date
1885-07-09
Page
440 (sequence 3)
Language
German
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440 ihr Gesicht war welk und faltig. Vom Korridor gelangte ich zunächst in ein nnerlenchlcteS Vorzimmer, in welches durch eine weiß verhängte Glasthür aus dem Nebengemach ein matter Lichtschein fiel. So viel ich durch einen flüchtigen Blick und bei dem zweifelhaften Lichte unterscheiden konnte, war bei der Einrichtung dieses Zimmers die nothdürstigste Einfachheit beobachtet worden. Altmodische, hochlchuige Stühle mit gebogenen Füßen und mit allerhand Schnörkeleim aufgeputzt, umstanden einen Tisch, welcher dieselbe Geschmacksrichtnng verricth. Ein abgenütztes Kanapee, eine Kommode mit Schubfächern, deren Oberfläche mit Nippfachen. Glas- und Porzcllangcschirr bedeckt war und ein über derselben an der Wand hängender Spiegel in Goldrahmen bildeten die Ergänzung des Mobiliars. So schlicht aber auch alles in diesem Zimmer war, so schwebte doch über dem Ganzen eine harmonische Uebercinstimmung. Man glaubte auf den ersten Blick überzeugt zu sein, daß ein jedes Stück des ärmlichen Möbels nur an seinem Platze, den es jetzt einnahm, und nicht anderswo stehen könne und dürfe, und alles war so blank, daß selbst das matte Licht, welches in diesem Raume herrschte, aus den Flüchen der Möbelstücke einen blassen Widerschein erweckte. Ich schritt rasch vorwärts auf die Glasthüre zu, klopfte an und öffnete. Ein leises: ״Ah" der angenehmen Ueberraschung entflog meinen Lippen und wie gebannt blieb ich auf der Schwelle stehen, das anmuthige, malerische Bild betrachtend, welches sich mir darbot. Auf dem runden, niedern Tische brannte eine hohe Tischlampe, deren Licht von einem milchweißen Porzellanschirm auf einen kleinen Kreis konzentrirt wurde. In dem übrigen Theile des Raumes herrschte ein angenehmes, von rosenfarbigem Licht gesättigtes Halbdunkel. Eine behagliche Wärme durchschwebte die Räumlichkeit. Am Tische, in den Lichtkreis gerückt, saß!nein Bekannter von heute Nachmittag. Im Hellen Lampenschcin schien sein Gesicht noch blühender, sein Haar noch weißer und blendender zu sein. Vor ihm aus dem Tische brodelte und dampfte ein märchenhaft großer Schnellfiedcr, umzüngelt von blauen und rothcn Spiritusflämmchcn. In weitem Umkreis um den Tisch herum saßen etwa zwanzig junge Leute in Fauteuils zurückgelehnt und plauderten in gedampftem Tone mit einander, während der Meister mit der heiligen Andacht eines goldmachenden Alchimisten in die vor ihm kochende Flüssigkeit hineinblickte. Als ich eintrat, streckte mir der Hausherr freudig die Hand entgegen und rief: ״Willkommen bei uns, mein Lieber!" Ich war mit einer bänglichen Veklomnteuheit über die Schwelle getreten, der reine Herzton aber, in welchem ich begrüßt wurde und in welchem nicht der leiseste Nachklang jenes Zwischenfalles, den ich so tief bedauerte, zu entdecken war, beschwichtigte auch meine letzte Befürchtnng, und ich hatte mich bald in die Situation gefunden. Nachdem ich mich neben dem alten Manne in einen noch freien Fauteuil niedergelassen hatte, fuhr er fort: ״Sie haben sich also den langen Weg hierher nicht verdrießen lassen, das ist mir leid — um Jhretwillen. Sehen Sie, das sind die braven, jungen Menschen, die sich eines von aller Welt verlassenen Junggesellen erbarmen und mit ihm die Einsamkeit seiner stillen Klause theilcn." ״Ei, Reb Mansche," rief einer vom entgegengesetzten Ende dazwischen, ״wir sind ja auf dem besten Wege, das Problem der Quadratur des Zirkels zu lösen. Eine schöne Einsamkeit, wo zwanzig frohe Gesellen beisammen sind." ״Aber, Reb Mansche," begann jetzt ein stattlicher Jüngling, der in der Nähe des Hausherrn saß. ״Sie müssen mir verzeihen — aber das ist wahrlich nicht Recht, daß Sie uns zu Liebe den Thatbestand verkehrt darstellen. Damit Sie cs wissen, mein Herr," wandte sich der Sprecher jetzt zu mir, ״eS hat mit dem geraden Gegcnthcil seine Nichtigkeit. Unser guter Reb Mansche ist es, der sich unser erbarmt, uns den Eintritt in sein behagliches Heim gestattet, uns vor dem völligen Versinken im Materialismus der Erwerbsthätigkcit bewahrt, uns im Glauben und im Sitteugefuhl kräftigt." ״Gemach, gemach," wehrte Reb Mansche ab, seine väterlich milde Miene sehr drollig in eine zürnende umwandelnd, ״ich wußte es gar nicht, was für einen Geist des Widerspruchs ich mir mit Ihnen ins HauS genommen habe. Gleich schweigen Sie, oder Sie müssen znr Strafe dafür zwei Gläser Thee leeren, welcher heute besonders famos zu werden verspricht." Der launige Alle hatte das Wort ״famos״ mit einer nachdrücklichen Betonung gesprochen, was die ganze Gesellschaft znr Abgabe einer Lachsalve veraulaßte, in welche der geneckte Jüngling herzlich mit einstimmte, indem sein schönes offenes Gesicht eine leichte Rothe überflog. Der junge Mann nämlich, der gleich mir ein Novize war, hegte eine ausgesprochene Antipathie gegen das sonderbare Gebräu des Reb Mansche, welches er am ersten Abend ״ganz famos" genannt hatte. Dieses Wort brachte ihm nun viele wohlgemeinte Neckereien ein, die er aber mit lammfrommer Gutmüthigkeit über sich ergehen ließ. Als das Lachen verklungen war, wandte sich der Alte wieder zu.mir: ״Da Sie nun einmal da sind, so machen Sie sich'L in unserer Mitte so . bequem wie möglich." (Fortsetzung folgt.)

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