Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1885)
- Article
- Reb Mausche
- Date
- 1885-07-09
- Page
- 439 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933129-2961677--19171-2961729- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
taugt die Geschichte nicht. Bleiben Sie also in Gottes Namen zu Hanse, und verzeihen Sie mir, daß ich Sie belästigt habe." Damit wandte er sich wieder zum Gehen, ich aber faßte ihn an der Hand. ״Ans Ihrer ablehnenden Haltung ersehe ich leider, daß Sie mir noch nicht meine Unbesonnenheit verziehen haben. Ich bitte Sie, legen Sie mir eine noch so schwere Sühne aus, ich werde ■ sie bereitwilligt entgegcnnehmen — aber verzeihen müssen Sie mir, eß kostet mich sonst die Ruhe meines GemntheS." Der alte Mann schaute mir mit einem warmen, innigen Blick ins Angesicht. ״Gütiger Himmel, wie soll ich Sie jetzt von dem heiligen Ernste meiner Gesinnung überzengen?" ״Dadurch, daß Sie mich nicht abweisen und mir den Zutritt in ihren Kreis gestatten." ״Ei, ei, daß Sie immer noch nicht begreifen wollen! Sie sind mir ja jederzeit herzlich willkommen, aber ich sage Ihnen, Sie sind zu gut für uns — bei mir kommen lauter brave, aber nur einfache junge Leute zusammen, deren eigentlicher Beruf die Erwerbsthätigkeit ist. — Aber gut — da Sie's wünschen — ei nun, so kommen Sie. Ja, komnren Sie, wcnn's Ihnen zu bunt wird, denk' ich, werden Sie schon von selbst wieder fortbleibcn. Aber jetzt muß ich fort, bald wird es Abend sein, und bis dahin muß ich mir noch einige Gesellschafter auftreibcn. Leben Sie wohl, auf Wiedersehen heute Abend." Er theilte mir noch seine Adresse mit und eilte davon. Ich aber setzte seltsam bewegt meinen Weg fort.- Der Abend, der auf diesen mürrischen Novembertag folgte, war womöglich noch unwirscher und rauher. Es war stockfinster, und ein feiner Regen fiel herab, den der noch inuner brausende Wind in die Richtung seines Laufes peitschte. Da ich gegen., den Wind ging, fiel mir der Regen wie Salven von spitzen Nadeln ins Gesicht. Ich zog daher meinen Mantel bis nahe zu den Augen hinauf, drückte den Hut recht tief in die Stirn, so daß mir nur eine schmale Ritze zum Durchblicken blieb; in dieser Vermummung watete ich durch den Schmutz in der Richtung der mir angegebenen Adresse. Ich hatte einen geraden, genau bekannten Weg vor mir, den ich mit zugebundcnen Augen hätte zurücklegen können. So wie ein Fuhrmann, dem der Schlaf in allen Gliedern steckt, wenn er auf die glatte offene Heerstraße hinausgelangt, ein letztes: Hü-Ho! auöstößt, seinem Klepper einen ausgiebigen Peitschenhieb versetzt und ihn dann, wie man zu sagen Pflegt, ״gerade nach der Nase" forttraben läßt, während er sich im Wagen hinstrcckt und zu schnarchen anfängt, so ließ auch ich mich achtlos forttrcibcn, lenkte meine Aufmerksamkeit von mir ab und überließ mich ganz meinen Gedanken, deren Gegenstand und Mittelpunkt das sonderbare Männlein von heute Nachmittag bildete. Alles an ihm kan: mir sonderbar, unbegreiflich vor. Erstens die Heiterkeit, die ans seinen kleinen, ehrlichen Augen herauslcuchtcte. In unserer pessimistisch gefärbten Zeit ist schon ein wirklich heiterer und vergnügter Mensch an und für sich ein blaues Wunder, wie erst wenn dieser Mensch ein Greis mit schneeweißen Haaren ist, der gewiß oft an Grab und Tod sich erinnert! — Wie kann ein so aller Mann nur so lebensfreudig sein, daß er der Veranstaltung von Abendgesellschaften mit demselben Ernst und Eifer obliegt, als ob eS der Er« reichung eines wichtigen Lebenszieles gelte? — Zweitens diese seltene Herzensgute, welcher die Begriffe von Haß, Rache, Erbitterung selbst den Namen nach unbekannt zu sein schienen. Jst's möglich, daß man im Verkehre mit dieser nichtsnutzigen Welt ein Greis werden kann, ohne daß sich um das Herz eine Rinde gebildet, ohne daß in der Seele ein reicher Vorrath von bitten: und verbitternden Erfahrungen sich angesanunelt haben sollte? Ist das nlöglich, wenn es mit rechten Dingen zugehen soll? Augenscheinlich nein. Ich schloß daher, daß eS bei dem Alten wirklich nicht mit rechten Dingen zugehc, daß er im obcrn Stockwerk einen Sparren zu viel haben müsse.-Mißmnthig über diesen Gedanken, beschloß ich, dem Spintisiren ein Ende zu machen und mich lieber nach meinem Klepper umznschauen und nach der Gegend, in welche er mich hineingctrabt hatte. In Gemäßheit dieses Gedankens ließ ich erst einen Blick an mich selbst hinnntergleiten und suchte mich dann in den Häusergrnppcn znrechtznfinden, zwischen denen-ich mich just befand. Da machte ich nun die Wahrnehmung, daß ich mich nur noch einige Häuser weit von meinem Ziele befand. Ich griff etwas rascher aus und war nach einigen Sekunden vor dem detreffenden Gebäude. Ich schüttelte den Regen von meinem Mantel und zog am Glockenzuge. Die Gassen- Pforte wurde geöffnet, und als ich in den matt erleuchteten Korridor trat, begrüßte mich eine behäbige alte Matrone mit einem unendlich freundlichen Lächeln. Es war, wie ich später in Erfahrung brachte, Channa, die alte Wirthschafterin des Bewohners dieser Räume. Sie hatte sehr viele gemeinsame Züge mit ihrem Prinzipal. Dieselbe von keinem Schatten eines unerfüllt gebliebenen Wunsches getrübte Heiterkeit, dieselbe aus jedem Blick heraustenchtende Herzensgute und dasselbe herzgewinnende Lächeln in den Mienen. Nur in zwei Beziehungen unterschieden diese zwei seltenen antiken Menschenkinder sich auffallend von einander. Weder von der prickelnden Beweglichkeit deS Herrn, noch von der blühenden Farbe und Glätte seines Angesichts war eine Spur an der Dienerin. Altmütterliche Behäbigkeit sprach aus jeder ihrer Bewegungen, und