Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1885)
- Article
- Reb Mausche
- Date
- 1885-07-02
- Page
- 422 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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422 (sin jüdisches Charcrlterbild von Samncl VcrNzold Rosncr. . (Nachdruck v7׳׳borcn. " Nrbcrfty»jl;;-..rcck>t vorbctzaNe׳׳.) tauchet .׳och einmal auf vor meinet* Seele, verbloffcubc Bilder der Vergangenheit und tröstet mich in den unbewachten Momenten, da mein Herz betrübt sich abwendet non der traurigen Gegenwart. — Wenn mein Blick theilnahmloS über die mich umgebenden, freudlos kahlen Stoppelfelder binaleitet, dann entsteigen den Schatten vergangener Tage glorreiches, sonnen- Helles Gefilde, auf welchem die Heroen einstiger Zeilen wandelten — mein Auge wird dir freudig entgegenblitzen, mein Herz bei deinem Anblicke höher schlagen! -Es wäre sehr spaßhaft, die Miene eines unserer allwissenden Modelöwen zu beobachten in dem Momente, da ich das Männlein, an welches ich eben denke, aus seinem ewigen Schlafe wecken und als einen ״Heros der einstigen Zeit" vorstcllen würde. Das ein Heros? -- Kein gewaltiger Körperbau läßt aus Thaten schließen, die sich unauslöschlich in die Geschichtstaseln der Nationen eingraben, keine majestätisch hohe, orakelhaft gefurchte Stirn kennzeichnet eine Brutstätte von Gedanken, deren jeder eine neue Epoche im geistigen Fortschritte der Menschheit schuf —, — an der ganzen Figur ist uichts von alledem, was auch nur in! Entferntesten ans Große und Heroische gemahnen könnte, und doch-? Jawohl und doch war er ein Heros — ein Heros der Liebe, der Gottesfurcht und der makellosesten Herzensrein heit. Er hatte keine Fonds, deren Vergrößerung ihn zum Sparen veranlaßt hätten, und darum verschenkte er jeden Kreuzer, den ihm seine einfachen Vedürsuisse entbehrlich machten; er hatte keine Eltern und Geschwister, lein Weib und keine Kinder, mit einem Wort, keine Familie, die er hätte lieben können, darum umfaßte er die ganze, große Welt mit allen ihren guten und schlechten Kreaturen, mit den absichtslosesten Gefühlen seines sanften, treuen, immer heiteren Herzens. ES war ein trüber, rauher Novembertag, ein Tag, an welchem die Natur, die bald verschwundene Herrlichkeit des Frühlings und Sommers betrauernd, sich rückhaltSlos ihren! uüflcrn Schmerze zu überlassen scheint. Regenwolken bedeckten den Himmel und wurden gejagt und Zerzaust von einem naßkalten Herbstwinde. Ich schritt gedankenlos über die Gasse und horchte auf das Brausen des Windes und auf das unangenehme Krächzen der Naben, die eben als die Quartiermacher des Winters ins Land gezogen kamen. Aber doch — ich war doch nicht ss ganz gedankenlos. Ich dachte au die Lieblosigkeit der Menschen in der Fremde, die beinahe so kalt ist wie der Nordwind, der mich von allen Seiten umwehte, dachte ferner daran, wie es jetzt ss schön wäre daheim in der freundlichen Familienstube am Kamin. — Ich war nämlich erst ein Neuling in der Fremde, war vor nicht langer Zeit erst ans der sichern Gemarkung des Elternhauses, das alles Unangenehme von mir fern hielt, in die offene Steppe der Fremde hiuausgetreten, in welcher es nur so wimmelt von den vielen Widerwärtigkeiten und Belästignngen. Wie ich so fürbaß dahinschrcite, fühle ich mich plötzlich am Rockärmel festgehalten. Ich war just Ln keiner anakrrontisch heitern Laune, in welcher man geneigt ist, selbst dem blasirtcsten Scherze ein wohlwollendes Lächeln zu widmen, ich wandte mich daher mit einem echten Wchrwolfgesichte um, in der löblichen Absicht, den Störenfried, und wem! eS auch mein bester Kollege sein sollte, mit einem derben Wischer abznfertigen. Doch die geharnischten Kraftausdrücke, die ich mir zurecht gelegt hatte, blieben mir in der Kehle stecken — vor mir stand ein ehrwürdig aussehcndes, kleines Männlein mit einem vergnügten, blühend rothen Gesichte, von welchen! der schneeweiße, kurz geschorene Bottbart eigeuthümlich grell abstach. Unter dem linken Arm hielt die sonderbare Erscheinung eine zierliche Kassette. ״Verzeihen Sic, mein Herr," begann das beweglichc Männlein hastig, ״daß ich so dreist bin, Sie aus offener Gasse anzuhalten — aber die Abende sind jetzt schon erschrecklich laug, und da ist cS eine wahrhastige Wohl! hat, die trägen Stunden in einem angenehmen Zirkel verplaudern zu können. Meinen Sie nicht auch?" Das Ding sing an mich zu ainüsiren. ״Ei ja," sagte ich, einen erbaulichen Stoßseufzer vom Stapel lassend, ״das ist eine solche Wahrheit, über welche gleich vom Anbeginne unter den Menschen eine auffallende Uebcreiuftimmung geherrscht hat. Bon den alten Griechen angefangen bis herab auf die modernen Korpsstudenten, von den gracchenerziehenden Kornelien bis auf unsere faffceivinfenbeit Barbara's und Ursula's könnte man wahrscheinlich, wenn die hieraus bezüglichen archäologischen Daten nicht spurlos verloren gegangen wären, zahllose Beweise dafür anführen, wie hoch man zu jeder Zeit den Werth geselliger Zusammenkünfte an langen Winterabenden anznschlagen gewußt hat." Das Männlein neigte den Kops ein wenig auf die Seite tmb lugte heitern Blicks zu mir empor. Es war eine ziemlich große Strecke von seinen Augen zu meinem Angesichte hinauf. Dann nickte er vergnügt lächelnd mit dem Kopfe. ״Nun gut also — wenn Sic mir in diesem Punkte Recht geben, werden Sie hoffentlich auch mein Bestreben nach Gebühr würdigen, jeden Abend um mich her eine kleine Gesellschaft zu versammeln, zumal ich ein alter Junggeselle bin und mir die kahlen Wände