Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1885)
- Article
- Die fünf Thatsachen des siebzehnten Tamus
- Date
- 1885-07-02
- Page
- 419 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933128-2961597--19107-2961644- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
419 vielmehr in unserer Mitte leben, muß auö unserem Geiste sich jeden Augenblick in all seiner Strenge neu erzeugen können. Feinde waren es also wiederum, die uns den hohen Werth der Gesctzesforschung gelehrt, Angriffe von außen her, die uns zur eifrigen Durchdringung unserer Lehre von Neuem geführt. Andere Zeiten kamen heran. Mit Aufopferung des eigenen Lebens hielt man an den Lehren und Verbreiten der GesctzeSkenntniß fest; als Chanina den Tcradjon der Flamme übergeben wurde, konnten die Buchstaben nicht mehr von dem fressenden Feuer verzehrt werden, nur das Pergament wurde vernichtet— die Zeichen selbst erhoben sich siegreich, zum Beweise, daß, wenn wir mit Eifer uns der Gesctzeserkenntniß nähern, jede Gefahr für den Geist, den Inhalt der Lehre geschwundcn ist. Nicht umsonst hatte sich an jenem siebzehnten Tamus die Flamme erhoben, sie hat Israel zur Erkenntniß der Thatsache gebracht, daß nur wir Ln unseren Bemühungen Sicherheit der Thora gewähren können, zur Erkenntniß jener andern beschämenden Thatsache, daß wir von Feinden zu unserm Lebensquell erst zurückgcführt werden müssen. Es ist kein Schmcichelwort, welches der siebzehnte TamuS an uns richtet —. er führt uns vielmehr die ernstesten geschichtlichen Wahrheiten vor. Gesetzestafeln und Priester ohne allgemeines gesetzliches Bewußtsein in Israel sind eine eben so hohle Lüge, wie die Reinhaltung des JudenthumS im Tempel allein und ein tägliches Opfer in Zion, ohne den Opfermuth der GesctzcSerfüllung in Israel selbst. Eitel und nichtig sind alle äußeren Kampfcsmitte! für uns, eine Selbsttauschung, das selbstbewußte Kraftgefühl für Israelitenthum auszugeben; nur die Thora ist und bleibt unsere beste Waffe, unser sicherstes Schutzmittel; wir sind, ja gezwungen, in unserem Vcrtheidigungskampfe stets auf die Reinheit des Gesetzes hinzuweisen. Beschämend muß die Thatsache auf uns wirken, daß erst die Flamme des ApostomoS, erst der Angriff, die Schmähung, die von außen kommt, uns zur Thora, zu ihrer Werthschätzung, wie zu ihrer sorgfältigen Beleuchtung führt. Brauchen wir, dieser überdeutlichen Sprache des י״ז תפוז gegenüber noch mehr auzugeben, worin die Forderungen deö Ewigen an uns zur Erhaltung des sinaitischen Wortes, wie der israelischen Gemeinschaft selbst bestehen? ZmerkMW?11 den VerlWdlmM md ZMWm der AMinemch!Ml!mg?11 Deck». (Fortsetzung aus Nr. 25.) Herr Di׳. Joel hat zum Schlüsse seiner mit ״anhaltendem, lebhaftem Beifall" von den Kollegen aufgenommenen Rede zwei höchst bedeutsame Anssprüche gcthan: a. .,daß die Uebclstände, deren Heilung wir anstreben, sehr viel weniger in den Menschen und sehr viel mehr in äußeren Verhältnissen zu suchen sind — darum seien wir hoffnungsvoll"; und d. ״auch daS soll uns nicht beirren, daß man. sagt: wer seid Ihr, daß Ihr Herstellen wollet? — wollet Ihr etwa die Hiskia's, die Esra'S, die Jochanan ben Sakkai vorstcllen? — nein, das maßen wir uns nicht an, aber warum sagen denn schon die Alten: ״Jephtah in seiner Zeit ist dasselbe was Samuel in der seinen?" weil sie nicht glaubten, daß Menschen erst gestorben sein müssen, um etwas zu bedeuten, weil sie jeder Gegenwart Pflichten, aber auch Rechte zuthcilcn." Wenn wir den tieferen Sinn dieser inhaltsvollen beiden Sätze ergründen, so werden wir die Meisterschaft des Redners bewundern, welcher eS verstanden, das ganze Programm der Reform hier Ln nuce zu entwickeln, und wir werden vollauf die ״Dankbarkeit und Anerkcnnung" begreifen, welche die Versammlung für diesen Vortrag erfüllten und denen sie auf Anregung des Herrn Di׳. Bamberger durch Erheben von den Plätzen einmüthigen Ausdruck verlieh. Sollten aber unter den Herren einige gewesen sein, — und wir zweifeln nicht daran, daß vielleicht ein oder zwei zugegen waren — welche diesem so geschickt proklamirten Programm der Reform nicht ganz zustimmen möchten, so haben diese sicherlich nicht dasselbe in der bcwunderungSwürdig kunstvollen Joel'schen Einkleidung erkennen können. Derselbe Mund, welcher eine Sekunde zuvor nachzuweiscn versucht, daß die ״religiösen Differenzpunkte", welche die Judcnheit der Gegenwart in ״verschiedene Richtungen" theile, absolut mit dem Programine der Nabbiuerversammlung nicht das Mindeste Zu thun haben, ja daß im Grunde genommen, prinzipielle Unterscheidungen eigentlich gar nicht vorhanden seien, — derselbe Mund verkündet in demselben Athemzuge das Programm der Reform, und er wagt dieses Angesichts der nach seiner Versicherung zugegen seienden ״sehr konservativen" Kollegen. Wahrlich, wir staunen die Kühnheit des Herrn Di׳. Joel an, welche nur durch den Umstand au ihrer frappircndcn Großartigkeit etwa eine geringe Einbuße erleiden könnte, daß der Redner diese wenigen ״Sehr-Konservativen" in Betreff ihrer Naivität sehr hoch und ihres Fassungsvermögens überaus niedrig geschätzt haben möchte. Wir glauben kaum, daß jemals aus der Tribüne eine ähnliche Genialität entwickelt worden ist. War die voraufgegangene Rede des Vertreters des Berliner Vorstands ein Muster kräftiger Offenheit, so war dieser Joel'sche Vortrag ein Muster diplomatischer Redekunst, der cS wahrlich verdient, daß wir ihm die angespannteste Aufmerksamkeit widmen.