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Jeschurun · 1885-06-25 · Heft 26 (25.6.1885) · p. 408

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 26 (25.6.1885)
Article
Die Juden Roms
Date
1885-06-25
Page
408 (sequence 3)
Language
German
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408 großen Einflusses 300 Glaubensgenossen seinem Beispiele folgten. Der genaue Zeitpunkt der Errichtung des Ghetto läßt sich nicht mit Sicherheit angcben. Papst Paul IV. befahl den Juden, ihre Wohnungen jenseits der Tiber, welche sie seit Augustus innegehabt hatten, zu verlassen und wies ihnen dafür den Stadttheil, den sic noch heute bewohnen, bei den! Theater des Marcellus, an. Zuerst waren cs drei Straßen, die auf das Ghetto mündeten, später, als dieses sich auSdehnte, stieg die Zahl der Thore auf acht, die jeden Abend geschlossen wurden und deren Wächter die Juden bezahlen mußten. Die Bedeutung des Wortes ״Ghetto" wird verschieden angegeben; nach Einigen soll es von den! italienischen gnitto und gliitto, die in Toscano und Modena Schmutz bedeuten, herrühreu, nach Anderen stamme der Ausdruck von den Juden selbst, g6t scheiden. (Vergl. Jeschurun vor. Jahrg. Nr. 45.) Unter der französischen Oberherrschaft im Jahre 1810 wurde das Ghetto geöffnet und die Thore weggeuommen, aber gleich nach der Rückkehr Pius VII. begann das alte Elend von Neuem. — Unter Gregor XIII., gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts, zählte die jüdische Gemeinde 10 000 Seelen, 1804 nur 7000, 1841 sogar nur 3700, jetzt ist sie wieder auf 6200 gestiegen. Erwähnenswerth ist, daß die jüdische Gemeinde Roms bis in die jüngste Zeit ans zwei Thcilen bestand; die Inden, die vor dem Tode des Stifters der christlichen Religion nach Rom gekommen waren, hielten sich von denen geschieden, die sich erst nach diesem Zeitpunkte angcsiedelt hatten. — Das Jahr 1870 brachte den Unterdrückten endlich die Freiheit. ברוך משנה עתים. Prozeß Städier gegen die Freie Zeitung. (Fortsetzung.) Mittwoch den 10. Juni. Die heutige Sitzung wurde bald nach 0 Uhr eröffnet. Rechtsanwalt Sachs erllärtc, dag er bezüglich der Aussage des Jeugen Dr. Morgenstern, der zur Stelle sei, an den Hof. Prediger Stöcker noch einige Fragen;u richten beabsichtige, worauf Staatsanwalt Weichert bemerkte, daß diese Fragen den Anstrich einer persönlichen Reiberei zu haben scheinen. Da er dieselben seinem Wunsche gemäß sonach nicht vermeiden könne, lege er einen Brief des Morgenstern an den Hosprcdigcr Stöcker vor, aus dem sich ergicbt,'daß die Auffassung Stöckers, und nicht die des Morgenstern, die richtige sei. Zeuge Stöcker, vortrctend: Ich habe Herrn Or. Morgensiern ersucht, seine exorbitanten Aeußerungen über die Nichts« Würdigkeiten des Judenthnms zu Unterlasten. Wie er darüber urtheilt, wird der vorgelegte Brief zeigen. Or. Morgenstern hat stets behauptet, daß der Jude den talmudischcn Eid nicht falsch leisten würde, dagegen mache er sich kein Gewissen daraus, den gesetzlichen Eid falsch aözuleisten. In seinem Briefe hat mir 1)r. Morgenstern 'zum Vorwurf gemacht, daß ich viel zu gutmüthig gegen die Juden uufiretc. Eine Frau aus dem Hause, in dem Morgenstern wohnt, hat zweimal an mich geschrieben, ich möchte mich für denselben verwenden, da er sich sonst das Leben nehme. Nur deshalb habe ich seinen impertinenten Brief in so freundlicher Weise beantwortet. Das gebot schon die ein« fache Christenpflicht. I)r. Kropatscheck hat mir übrigens gesagt, daß er den Morgenstern bei dessen Besuch zunächst ganz freundlich behandelt habe und erst kur; geworden sei, als Morgenstern in ganz cxcentrischer Weise ausgetreten ist. Präsident Lüty: Auch auf mich hat der Zeuge Morgenstern den Eindruck eines äußerst cxccntrischen und erregten Menschen gemacht, der nur mit Mühe und Noth bei seiner Vernehmung aus feiner Erregung herauSzubringen gewesen sei. Dies ausznsprecheu, erachte ich für meine Pflicht als Vorsitzender- Aus Beschluß des Gerichts wurde darauf der mehrcrwähnte Brief des Morgenstern au Stöcker vom 4. Mär; er. verlesen. In demselben dankt der Schreiber znnächst für die Sendung der 20 Mk., die er zwar annehme, aber zurückerstattcn werde. Demnächst nahm er Bezug auf eine Arbeit von sich, in welcher er dem ״Berliner Tageblatt", dem elenden Judenblatt, dem Erzfeind des Christenthums, mit schneidendster Schärfe heimgeleuchtet habe. Im weiteren Verlaufe des Briefes kommen noch die AuSdrücke vor: ״nichtswürdige jüdische Weise," ״das jüdische Gesindel werde sich selbst das Genick brechen." Nachdem Morgenstern Herrn Stöcker ermuntert, weniger rücksichtsvoll gegen das ״Judcnpack" vorzugehen, versicherte er ihm seine Treue und seines Beistandes, den erhabenen Lehren Jesu Christi Vcrbreitung zu verschaffen und den Talmud zu stürzen. Präsident zum Zeugen Morgenstern: Dieser Brief steht in gewisicm Sinne mit Ihren gestrigen Auslastungen im Wioersprnch. Was hatten Sie für eine Veranlagung, denselben zu schreiben? Geschah dies vor oder nach der Asiaire mit I)r. Kropatschek? Zeuge: Nach derselben. I)r. Morgenstern machte nunmehr Miene auf das Jahr 1878 zurückzugeheu, weshalb ihn der Präsident unterbrach und ihm die Frage vorlegte, ob es nach seiner Erklärung, daß er jegliches Geschenk von Stöcker abgclehnt habe, nicht richtiger gewesen wäre, die ihm gesandten 20 Mk. zurückzuschicken. — Zeuge: Nachdem er einmal das Geld erhalten, das er sehr nothwendig gebrauchte, mußte er sich mit der Er« klärung zufrieden geben, dasselbe nur als Darlehn behalten zu wollen. Auch habe er aus der Sendung das Interesse Stöcker's für ihn und seine Thätigkcit entnommen, weshalb.'er demselben seine Arbeit zur Kennzeichnung des ״Berl. Tagebt." cingesandt habe. — Da der Vertheidiger darauf verzichtete, weitere Fragen an diesen Zeugen zu richten, wurde derselbe entlasten. Prediger Witte hielt sich noch zu der Erklärung verpflichtet, daß er sich selbst trotz seiner Befürwortung der Ernennung des Wollheim zum Geheimen Kommerzienrath für berechtigt erachtet habe, als konservativer Kandidat auszutreten. Der Zeuge legte zur Bekräftigung seiner gestrigen Aussage ein Schreiben Stöckers an ihn vor, in dem cS etwa heißt: ״Wenn Sic die Kandidatur Hoppe gegen mich ansspiclen, daun werde ich Sie fallen lasten." Eine Berichtigung GrünebergS bezüglich seiner Aussage über Löschmann ist ohne Jntcreste. Präsident an den Zeugen Stöcker: Von der Verthcidigung ist behauptet, daß Sie dem Grünebcrg beim Eintritt in Ihre Partei das Buch des Pastors Todt zum Studium anempfohlen haben. Der Titel lautet: ״Der soziale Radikalismus und die christliche Gesellschaft." In diesem Buch sollen nach der Behauvtung des VertheidigcrS Tendenzen zum Ausdruck gebracht sein, die mit den Ihrigen im Widerspruch stehen? Lasten Sie sich hierüber aus. (Fortsetzung im zweiten Bogen.)

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