Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1885)
- Article
- England : London [Nachricht]
- Date
- 1885-06-11
- Page
- 382 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Laßt uns übrigens einmal jenes Argument näher ins Auge fassen. Wenn wir die Verfolgung der Juden durch den Grund rechtfertigen, daß wir damit göttliche Absichten vollziehen, konnten nicht die Römer, da sic die Juden niedermetzelten und Jerusalem zerstörten, auch sagen, daß sie nur dem Willen Gottes gehorchten? Konnten nicht alle die vcrsolgcndeu christlichen Sekten, deren Thaten die Geschichte des sechzehnten und siebenzehnten Jahrhunderts beflecken, sich derselben empörenden Weise der Vertheidigung bedienen? Ist cs der Wille Gottes, daß die Juden ein Zcugniß für die Wahrheit der Prophezeiungen bleiben sollen, so wird unsere Entschcidung cs nicht ändern; aber da er uns ausdrücklich befohlen hat, nicht zu verfolgen, so sollten wir uns nicht mit ungebührlicher Anmaßung zu Auslegern des göttlichen Wittens aufwerfcn und nicht die Bertheidigung des eignen Glaubens gegen die Jrrthümer Anderer mit der Bestrafung eines Menschen seines Jrrthums wegen verwechseln. Ist einer in dieser Versammlung, der sich zu den Grundsätzen der Verfolgung bekennt, so erkläre ich ihm, daß meine Ansichten von den sciuigcn weiter, als von denen der Juden, abstehen. Beide setzen den Charakter des Messias herab, die Einen aus Unwissenheit, die Anderen aus Hochmuth. Sein Messias ist nicht der sanfte und dcmüthige Jesus von Nazareth, der zu seinen Schülern sagte: mein Reich ist nicht von dieser Welt, der dem PetruS befahl, das Schwert niederzulcgen und den Waffen der Ueberzeuguug allein zu vertrauen, der, da man ihn aufrief, die Feuer des Himmels auf seine Mörder hernieder zu beschwören, sanft erwiderte: Vergieb ihnen! denn sic wissen nicht, was sie thun; — sondern er ist ein Gespenst seiner rohen Einbildungskraft, so unähnlich dem Urbilde, wie die Nacht dem Tage. Aber, hat mau gefragt, würde es nicht Schinach über unsere christlichen Institutionen bringen, wenn wir Juden, die das Christenthum höhnen, in unser christliches Parlament zuließen? Wenn die Juden die StaatSreligion beleidigen, so bestrafe man sie; wird ihre Religion von Anderen beleidigt, so be׳ strafe man diese. So lange die Inden dem Gesetze gehorchen, haben sie Anspruch, auf seinen Schutz und, ich füge hinzu, auf Theilnahme an seiner Abfassung. Die Schmach aber trifft uns selbst, indem wir nicht sowohl die Juden äbhalten, ins Parlament gewählt zu werden, als die christlichen Wühler,* einen unter ihnen zu wählen, wenn sie ihn gerade für den passendsten halten sollten, um sie zu vertreten. Diese Betrachtung allein spricht gegen die Möglichkeit der Gefahr einer solchen Wahl; denn da die Wähler nothwendig Christen sein müssen, so würden sie einen Todfeind ihrer eignen Religion gewiß nicht erwählen. Daraus ergicbt sich denn auch, daß die Zulassung der Katholiken zu der Theilnahme an den vollen bürgerlichen Rechten kein dem vorliegenden völlig analoger Fall war, da die katholischen Peers sofort in Folge des Gesetzes berechtigt waren, ihre Sitze cinzunchmen. während kein Jude dazu im Stande wäre, ohne von christlichen Konstituenten erwählt zu sein." Der Bischof von Chichester sprach: ״Die meisten Leute übertreiben den Unterschied zwischen Juden und Christen. Die Juden sind die älteren Brüder der Christen, und der Glaube lehrt uns, daß sie am Ende zum Christenthum werden bekehrt werden. Es kommt darauf an, ob ihre Bekehrung nicht leichter durch Güte und Versöhnlichkeit, als durch Härte und Ungerechtigkeit vollbracht werden wird.. Da ich der ersteren Meinung zugethan bin, so werde ich für die Bill stimmen." — Die Beziehungen zur Gegenwart liegen nahe. Rußland. ...y. Warschau, 5. Juni. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß in gewissen Regionen die feindliche Gesinnung gegen die Juden im Steigen begriffen ist. Man sucht für gewisse ökonomische Mißstände nach einem Sündcnbock, welchem man die Schuld aufhalsen könnte, und. da bietet sich denn der arme Hebräer als willkommener Prügelknabe da. Sünden, die er unmöglich begangen haben kann, werden seinem Konto zur Last geschrieben. Uebelstände, unter welchen er am meisten zu leiden hat, sollen von ihm geschaffen werden. Es ist schon oft hervorgehoben worden und kann nicht nachdrücklich genug betont werden, daß die Befreiung der Juden von den sie schwer drückenden und die Entfaltung ihrer Kräfte beengenden Fesseln nicht nur den Juden, sondern dem ganzen Reiche die Erlösung vonvielen wirthschaftlichen Uebeln bringen wird. Diese Erkenutniß wird früher oder später zur Geltung kommen, dessen sind wir gewiß, und wir vertrauen zuversichtlich auf die Weisheit unseres erhabenen Kaisers, daß er das Wort der Erlösung und Befreiung endlich sprechen wird, trotz den Anstrengungen, welche gemacht werden, um die Wahrheit zu verdunkeln. Palästina., * In Jerusalem herrschte in Folge der anhaltenden Hitze großer Wassermangel, welcher großes Elend im Gefolge hatte. In allen Gotteshäusern wurden Gebete um Regen zum Himmel entsendet. ES ist jetzt Gottlob derselbe in reichlichem Maße eingetrcten. Amerika. El. Ncwyork, 20. Mai. Mit keiner Sache wird so viel Humbug getrieben, als mit der heiligsten, der Religion, und die eifrigsten Diener des Humbug sind häustg diejenigen, welche sich Diener der Religion nennen. Die Neformgemeinde ״Ahawath Chesed" hat nach