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Jeschurun · 1885-06-11 · Heft 24 (11.6.1885) · p. 377

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 24 (11.6.1885)
Article
Menschthum und Judenthum
Date
1885-06-11
Page
377 (sequence 1)
Language
German
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M2 4 377 Jeschurun 1!ie11fd)tl)1uu mld fukittljniii. Eine Uebersetzung des 6. Abschnitts der שמונה פרקים לר״מב״ם. Der gewöhnlichen Weltweisheit erscheint der Tugendhafte, welcher das Gute und Angemessene nur nach errungenem Siege über seine widerstrebende Natur übt, während dieser Tugendübung aber notwendiger Weise, immer noch den Hang und die Begierde zum Bösen in sich verspürend, deren Unterwerfung erkänlpfcn muß und dessen Handlungen demnach in Widerstreit zu den Reizen seiner Kräfte, Begierden und Anlagen sich befinden, der also das Gute allerdings übt, aber dabei den Schmerz der Entsagung empfindet, auf einer niedrigeren Stufe der Vollkommenheit als der Tugendhafte, der bei der Tugendübung der natürlichen Nichtung seines Wesens folgt und in derselben die Befriedigung seiner innersten Sehnsucht findet. Obgleich Jener in vieler Hinsicht Diesem ähnlich scheint, so steht er doch bestimmt weit unter ihm. Die Neigung zum Bösen ist in ihm vorhanden, und wenn er ihr auch nicht praktisch Folge giebt, so bildet sie doch einen Theil seines Wesens. So spricht sich auch der weise König Salomo (Proverbia 21, 10) ans: ״des Bösen Seele trägt nach dem Bösen Verlangen" (also schon wegen dieses Verlangens wird der Mensch ״der Böje" genannt). Und in Betreff der Freude des vollkommen Tugendhaften und der Entsagung des Minderguten bei der Ausübung des Guten (Proverbia 2l, 15): ״die Vollbringung des Rechts ist dem ursprünglich Gerechten die höchste Freude, denen aber, die schon BöscS geübt, Schrecken." So crgiebt sich also eine Uebercinstimmung zwischen der gewöhnlichen Weltweishcit und der erhabenen Weisheit eines Salomo in dieser Hinsicht. Wenn wir jedoch in den Aussprüchen der Talmudweisen hierüber forschen, so finden wir, daß nach ihnen gerade Derjenige, welcher nach dem Unerlaubten wohl Neigung verspürt und sich nach ihm sehnt, eine höhere Stufe der Vollkommenheit einnimmt als Derjenige, welcher kein solches Gelüst gehegt und dem die Unterlassung des Verbotenen keine Ueberwindung kostet. Sie gehen sogar so weit, den Satz aufzustellen: daß der Würdigere und Vollkommenere der sei, dessen Neigung zum Unerlaubten mächtiger ist und den die Entsagung schmerzlicher trifft; und ferner: des sittlich Größeren Kampf mit seiner widerstrebenden Neigung ist der heftigere gewesen, und endlich: je gewaltiger der Kampf und je schmerzlicher die Entsagung, desto reicher die Vergeltung, ״nach Verhältniß der Anstrengung der Lohn." Ja, sie warnen selbst: man sage nicht, daß man vermöge seiner natürlichen Anlage gar keine Neigung zum Unerlaubten hege, selbst wenn Gott solches gar nicht verboten hätte, wie Rabbi Simeon den Gamlic! cs ganz speziell ausgesprochen: man sage nicht, ich mag gar nicht Fleisch mit Milch genießen, mag gar nicht Wolle u!ch Leinen zusammengewebt tragen, mag gar keine verbotene Ehe schließen" — sondern man sage, ich möchte dieses wohl, aber ich darf eS nicht wegen des von meinem himmlischen Vater mir auferlcgtcn Verbots! So ständen demnach diese beiden Anschauungen anscheinend in einem unlöslichen Widerspruche? Doch nicht. Beide sind richtig und widersprechen.sich nicht. Die erst angeführte Anschaunng. welche dem keinen Kampf und Entsagung bei der Hebung des Guten Kennenden einen höheren Grad verleiht, als demjenigen, der zu Gott Mißfälligem Begierde hegt, diese aber überwindet, hat nur solche Neigungen und Begierden im Auge, welche auf Missethaten gerichtet sind, die schon nach allgemeinen menschlichen Begriffen als solche gelten, wie: Mord, Diebstahl, Raub, Betrug, Schadenzufügung, Undankbarkeit, Mißachtung der Eltern und dergleichen, von welchen unsere Weisen gesegneten AndcnkenS sagen, daß, wenn Gott solche nicht in der Thora verboten hätte, sie dennoch wohl als verboten betrachtet werden würden, welche von einigen Späteren ungeeignet und nicht entsprechend ״Vernunftgebote" genannt worden. Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß Derjenige, welcher an solchen Unthaten Gefallen finden könnte, höchst unvollkommen wäre, daß aber hingegen Derjenige, welcher gar keine Neigung dazu empfindet und dem die Zurückhaltung davon keinerlei Entbehrung kostet, der Vollkommenere ist. Die Talmudweiscn aber, welche dem über die Leidenschaft Siegenden einen höher» Werth zuschrciben und eine reichere Vergeltung verheißen, haben die Neigung zu solchen Dingen im Auge, welche nicht von dem menschlichen Verstand verpönt sein würden und die auch in der That, falls sie nicht durch die Thora verboten wären, gar nicht als bös betrachtet werden würden. Dem Wesen des Menschen widerstrebt cs!nicht, solche za begehen, er hält sich von ihnen nur deshalb zurück, weil die Thora sie verbietet. Man beachte nur die Beispiele, welche sie zur Erhärtung;ihrer Ansicht angeführt haben. Es heißt da nicht: man sage nicht, ״ich mag nicht tödtcn, stehlen, lügen,"!sondern ״ich mag wohl, aber mein himmlischer Vater hat es so mir aufcrlegt," vielmehr führen sie nur Gebote der anderen Art, שמעיות, als Beispiele an, wie Fleisch- und Milch-Genuß, Schaatneß, Eheverbote, welche הקות, Gottcssatzungen, von Gott genannt werden, das sind solche, von denen unsere Weisen gesegneten Andenkens sagen, daß man sie nicht anzwcifeln dürfe, obgleich der nicht von der Gotteslehre erleuchtete nicht-

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