Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1885)
- Article
- Die Mittel zur Abwehr
- Date
- 1885-06-11
- Page
- 371 (sequence 2)
- Language
- German
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371 entziehen, als zur Abwehr und Vertheidigung ein Jeder von uns berufen ist, und wohl einem Jedem ausnahmslos sich die Gelegenheit bietet, in die Schranken treten zu müssen. Die uns feindliche Strömung theilt sich immer weiteren Kreisen mit. Die in den ösfentlichen Versammlungen gehaltenen Hetzreden sind nicht die gefahrbringendsten. Auf unbemerkten Pfaden schleicht sich ein gehässiges Vorurtheil in die Gcmüther ein. Die Jugend in den Schulen und ans den Universitäten wird von dem Gifte dcS Antisemitismus angesteckt, und wir gehen anscheinend einer Zeit entgegen, in welcher die Saaten reifen, die unsere Gegner ausgcstrent. Und wenn auch mit vollem Rechte die Behauptung der Gegner, daß sie das ganze Volk hinter sich hätten, als eine bramabasirendc Großprahlerei bezeichnet wird, da gottlob genugsam Thatsachen anzuführcu sind, welche dieselbe Lügen strafen, so kann doch nicht geleugnet werden, daß die antisemitische Bewegung weder ans Ende noch ans den Gipfel angelangt ist. Der Einzelne macht ja nach seiner Lebensstellung und seinem Lebensberuf mehr oder minder an sich selbst die Erfahrung von der wirklichen Existenz des Antisemitismus; der Knabe und das Mädchen, welche die Spielschule besuchen, sowohl, wie der Mann in dem geschäftigen Getriebe des ernsten Lebens. Der Selbsterhaltungstrieb nöthigt deshalb einen Jeden von uns zum Vcrtheidigungskampfe. Will man aber erkennen, ob derselbe mit den rechten Waffen und mit der uöthigen Umsicht und Energie geführt wird, so muß man vor Allem über das Wesen des Gegners, dessen Ziele und Kampfesweise im Klaren sein. Was ist Antisemitismus? Ist derselbe eine ganz neue bisher unbekannte Potenz, weit der Name erst in der Gegenwart in allgemeinen Gebrauch gekommen ist? Wir glauben nicht zu irren, wenn wir in dem neuen ״Antisemitismus" den ganz gewöhnlichen und schon sehr alten Judenhaß, das sogenannte ״Rischus", erkennen, dessen Inhaber, die gleiche Kriegslist ihres Urahnen Amalek anwendend, einen anderen Namen annahm, um wirksamer dem alten Haß und der alten Vernichtungswuth fröhnen zu können. So wenig Amalek ein Recht gehabt hätte, sich Antisemit zu nennen, weil er, ein Urenkel Isaaks, mit den von ihm angegriffenen Israeliten einer Abstammung und somit selber Semit war, ebenso wenig kann der Angriff, welcher heute von Bckennern des Christenthums auf das Judcnthum versucht wird, sich antiseniitisch nennen. 2vie könnte man vom Christenthum reden, wenn das Judenthum nicht dagewesen wäre? Der beste und wesentlichste Theil des Christenthums ist ja dem alten Judcnthum entlehnt. Ein antisemitisches Christeuthum ist ein Unding. Derjenige, welcher sich in voller Verechtignug einen Antisemiten nennen und als solcher in der Bekämpfung alles von Semiten Stammenden, mit Semiten in Verbindung Stehenden bethätigcn will — vorausgesetzt, daß er die jüdischen Semiten von seiner Semitcngegncrschaft nicht ausschließt — hat sich auch mit gleichem Ingrimm gegen das Christeuthum zu wenden. Zieht von dem Christeuthum ab, was an ihm semitisch ist, was bleibt dann übrig? Ein christlicher Antisemitismus ist demnach ebenfalls ein Unding, vorausgesetzt, daß man von dem ״christlichen" nicht alles, was ״jüdisch" ist, absctzcn will. Soll aber AntisemitiSmuS die Gegnerschaft der Arier gegen die Semitcn als Nasse bezeichnen und in der Grundverschiedenheit des Wesens dieselbe begründet sein, so müßten die westlichen Arier von dieser ihrer tief gehenden Ab- Neigung gegen die Semiten die Juden ausschließen oder doch mindestens eine nicht so intensive Abneigung für sie hegen. Denn die westlichen Arier haben gerade durch Annahme des jüdischen Christenthums den unantastbaren Beweis geliefert,, daß sie sich mit dem Geiste der Juden sehr wohl befreunden können; der Gegensatz des jüdischen und westarischen Wesens muß demgemäß kein geradezu unverträglicher sein. Da nun aber merkwürdiger Weise der heute austretcnde Antisemitismus dennoch sich ausschließlich gegen die Juden wendet, so ist die Bezeichnung ״Antisemitismus" nicht korrekt. Es ist Amalek, welcher sich als Kanaanite ausgicbt, es ist der alte, wohlbekannte und oft erprobte Judenhaß in unveränderter Gestalt und unverändertem Wesen, welcher es einmal mit einem neuen Namen versuchen will. Man möchte aber sagen, was ist an dem Namen gelegen, — ob moderner Antisemitismus der Enkel oder Judenhaß der Väter, der davon Betroffene fühlt die Schläge, empfindet den Schimpf und die Derachtung in gleichem Maße — vermagst du denn das Wesen des Judenhasses zu ergründen, hast du cs in seinem Ursprünge erkannt? Du hast soeben einen Vertreter der Judcnhatz aus den! grauen Alterthume genannt, welchem sich die ganze unermeßliche Schaar der Nachfolger aureihet. Unsere Gegner haben ja sicherlich Recht mit ihrer Behauptung, daß das Juden- Volk der von jehe? bestgchasseste Menscheustamm gewesen, und wenn auch die Nationen und die Zeiten in dem Gegenstände ihre Liebe und Verehrung noch so große Verschiedenheiten offenbaren, in ihrem Hasse begcgncn sie sich cinmüthig vor dem jüdischen Lager. Da umarmen sich Orient und Occident, Alterthum und Gegenwart, Semit und Arier, Heide und Muselmann, Katholik und Protestant. Da stehen Hand in Hand der suscldustendc Kosack mit der süßen Parfüm aushauchenden Salondame, der Sansculotte mit dem Fürsten, der Philosoph mit dem Pfassen. Wohlan, gieb Ausschluß über diese einzige, wunderbare Er-