Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-06-11 · Heft 24 (11.6.1885) · p. 370

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 24 (11.6.1885)
Article
Bemerkungen zu den Verhandlungen und Beschlüssen der Rabbinerversammlung zu Berlin
Date
1885-06-11
Page
370 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933125-2961341--18923-2961395
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

370 akr ausgeschlossen, wo dieses nicht der Fall ist. Man wird also die versuchte feine Unterscheidung zwischen. ״Ausschluß" und ״Beschränkung" der Oeffentlichkeit aus sich kniijcn lassen können und die Versammlung alö eine rrichtöistutlichc auch fernerhin kzeichnen dürfen. Wichtiger aber ist die Enthüllung, ״daß die Lersammlung (diesen Ausschluß der Oeffentlichkeit) bei ihrem Zusammentritte als ein fait accumpli vorgesunden hat,״ und zwar hatte der Vorstand der jüdischen Gentcinde zu Berlin einen solchen ״veranlaßt". Das kann doch nur heißen: die Versammlung war gar nicht im Staude, über die Oeffentlichkeit ihrer Ber- Handlungen zu beschließen, sie befand sich in einer Zwangslage, ein fueinber Wille hatte ihre freie Entschließnng beschränkt. Dieser Umstand läßt die Rabbiner- Versammlung in einer ganz eigcnthümlichen Beleuchtung erscheinen. Cinundvierzig Rabbiner laden ihre Kollegen zu einer gemeinsamen Berathung ein und kommen in Folge dessen mit noch sicbcnnndzwanzig Herren zusammen. Man sollte doch meinen, diese achtundsechzig Männer wären völlig selbständig und souverän, über den Modus ihrer Berathung zu beschließen. Aber nein, plötzlich erscheint der allmächtige Berliner Synagogengemciudc-Vorstand als äeus 6x maehina auf dem Plan und hat ihnen bereits vor ihrem Zusammentritt ein nicht abznschüttelndeS Joch anferlcgt, unter welches diese achtundscchzig Männer sich widerstandslos schweigend beugen. Es findet sich unter ihnen kein Einziger, welchem die Schamröthe der verletzten Manneschre in die Wangen tritt, kein Einziger, welcher den Muth besitzt, gegen eine solche unwürdige Bevormundung und ungehörige Einmischung eines völlig Fremden zu protestircu, kein Einziger, der diesen unberechtigten Eingriff in das SelbstbestimunurgSrecht a limine entrüstet gebührend zurückweist und die Kollegen zu einer einmüthigcn Wahrung ihrer Ehre ansfordert, kein Einziger, der erklärt: ob wir die Oeffentichkeit ansschließen, beschränken oder frei walten lassen wollen, das haben wir selbst zu bestimmen; wir lassen uns keine Gesetze vorschreiben, wir geben uns selbst unsere Geschäftssrdnung. — Wer mir Gesetze vorschreibt, die ich anerkenne, der ist mein Vorgesetzter und ich bin sein Untergebener. Die a-chtundsc-chzig Männer, welche sich derartig von dem Vorstände der jüdischen Gemeinde zu Berlin maßregeln ließen, haben sich damit als Diener des allgewaltigen Vorstandes betrachtet. Dieser hatte die Oessctlichleit ausgeschlossen, jene aber haben sich ihrer Freiheit begeben. Oder sollte hier ein ge- Heimes Einverstäudmß obgewattet haben? Sollten die Hrrreu In dem Gefühle, daß sic sich ein Armulhszeugniß auSstctlen würden, falls sie selbst die Nicht-Oeffenrlichkeit Proklamirrcn, bei dem mangelnden Muthe einer BermbttNZ vor msrner Tribüne aber die ihnen mit ihrer geheimen Zustimmung ostensibel aufoktroyirte AuSschließnng der Oeffentlichkeit als ein willkommenes Auskunstsmittel gern akzeptirt haben? Das Eine ist so bezeichnend für die pomphast angekündigte und austrctende Versammlung wie das Andere. Wir neigen uns jedoch der Ansicht zu, daß das Erstere der Fall gewesen. Es entspricht diese abhängige Stellung nämlich durchaus dem Tone, welchen der Vertreter des GemeindevorstandS, Herr Geheimer Kommerzienrath Herz, in seiner Eröffnungsrede gegen die ״hochverehrten und hochwürdigen Herren" anschlug. Ist es schon an und für sich höchst ausfallend, daß die Versammlung nicht von dem Vorsitzenden des Einberufungskomitees, Herrn Rabbiner vr. U n g e r l e i d e r, eröffnet wurde, sondern durch den Vertretcr einer dieser Versammlung durchaus fernstehenden Korporation, als ob diese der eigentliche Urheber derselben geweskn, während sie thatsächlich nur ein ihr gehöriges Lokal zur Benutzung unentgeltlich zur Verfügung gestellt, so spricht sich in der Rede des Herrn Herz nicht nur ein starkes Selbstbewußtsein des Vorstandes aus, sondern auch eine gewisse Bevormundung der Herren Rabbiner, so daß der Beifall, den die Rede gefunden, und der durch Erheben von den Plätzen auf Antrag des Herrn vn. Ungerleider bethätigte Dank ebenfalls zu den Unbegreiflichkeiten zählen müßten, wenn die achtundsechzig Herren in dem Berliner Vorstand nicht ihren Oberen anerkannt haben würden. Es ist kein erhebendes Schauspiel, welches die ersten Augenblicke dieser Versammlung der Mit- und Nachwelt gewähren. Achtundsechzig Männer, welche sich vermöge ihres Amts und ihrer Gelehrsamkeit berufen fühlen, ״zur Wahrung der Ehre des Judenthums nach außen, wie zur Kraftigug des religiösen Sinnes im Innern" zur ernsten, gemeinsamen Berathung zusammenzutreten, lassen sich von einem Unberufenen eine ziemlich hohe Eröffnungsrede gefallen und zollen derselben dankbarlichst Beifall; ein Unberufener hat ihnen ihr Verhalten vorgeschrieben und ihrer freien Entschließung vorgegriffen, und sie fügen sich darin, als ob diese Bevormundung selbstverständlich wäre. (Fortsetzung folgt.) Me Mittel p Mehr. Es liegt uns gegenwärtig eine Zuschrift vor, in welcher an uns die Frage gerichtet wird, ob denn von unserer Seite die rechten Mittel zur Abwehr und Vertheidigung in Anwendung gebracht werden, ob man nicht vielleicht einerseits zu wenig und andererseits zu viel Lhue. Man ersucht uns um eine öffentliche Er-! orterung dieser Frage, welcher wir uns um so weniger

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.