Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-06-04
- Page
- 360 (sequence 3)
- Language
- German
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860 ״Ihr Herr Vater wird hoffentlich schon morgen j bei Ihnen sein." j ״Hoffentlich — doch wird mein Vater mir helfen! können?"! ״Ich dächte." ״Sie verstehen mich nicht!" schluchzte Irene, ״oder wollen Sie mich nicht verstehen? — Ich zweifle ja nicht, daß Papa meine materiellen Angelegenheiten ordnen wird — darüber mache ich mir keine Sorgen — aber Er ist todt — und wenn ich bedenke, daß wir Alle sterben müssen — ich auch —" Sie schrie laut auf, wie im Ficbersrost schlugen ihre Zähne aneinander. Um Noscnfeld's Lippen zuckte es, wie hatte seine Tolza so muthvoll dem Leben entsagt. — ״Wenn ich Sie recht verstehe," sprach er endlich, ״so'wünschen Sie meinen Rath, um sich den quälenden Gewissensbissen zu entziehen." Sie schluchzte noch lauter, ergriff seine Hand und drückte sie mit aller ihrer Kraft. ״Helfen Sie mir! — rathen Sie mir! — ich habe so furchtbar gefrevelt." ״Ernste Reue und Rückkehr sühnt jeden Frevel." ״Wirklich?" rief sic, ,.ist das Ihr Ernst? — O, dann wäre ich glücklich, denn ich bereue so ernst, — so ausrichtig. Aber sagen Sic mir nur noch das Eine, lieber Herr Noscnseld, wenn ein Mensch uns stucht, trifft unS dadurch Unglück?" ״Nein," cntgeguete Nosenfcld entschieden, ״in keiner Weise." ״Aber der Fluch eines Sterbenden?" sic blickte angstvoll fragend zu ihm aus. ״Der Fluch eines Sterbenden hat so wenig Macht über uns und unser Geschick als der eines Lebenden. Nur durch unsere Handlungen, durch unser Thun oder Lassen trifft uns Segen oder Fluch — Glück oder Unglück." ״Dank Ihnen," sprach sie leise, indem sie sinnend vor sich nieder blickte. ״Nur unser Thun unb Lassen bringt uns Segen oder Fluch — ich verstehe — verstehe vollkommen, was Sie damit andcnteu wollen. — O, es wäre nie so weit gekommen — aber es giebt eine Art moralischen Zwang — dem gerade die Höhcrstrcbcndcn allzu leicht erliegen. — Und wenn übcrdicß die eigenen Eltern —, Lieber Herr Nosenfcld — wenn Sie mir rathen, mir bcistehen wollten — mir sagen wollten, was ich thnn muß — das heißt, nicht jetzt," fügte sie rasch hinzu, ״jetzt ist mein Kopf 'zu schwach — mein armer Kopf. — Aber wenn ich Sie öfters zu mir bitten dürste — ich glaube, ich könnte wieder gut, wieder glücklich werden." — Rosenftld versprach zu kommen, so oft sie seine Gegenwart wünschen würde, und übergab ihr zu diesem Zweck feine Adresse, da er eine Privaiwohnung gemiethet hatte ׳und noch am selben Tage das Hotel verlassen wollte. Irene erging sich abermals in überschwcnglichem Dank; dann aber sank sie erschöpft in die Kissen und schloß die Augen. Roscnfelv entfernte sich, nachdem er die im anstoßenden Zimmer harrende Zofe aufgcfordcrt hatte, sich zu ihrer Herrin zu begeben. Irene hatte nicht geheuchelt, als sie von ihrer Reue gesprochen, sie hatte sie im Moment in Wirklichkeit empsunden und auch noch am folgenden Morgen ging sic mit sich selbst zu Gericht und zu Rathe, was sie nun beginnen solle, und eben war sie im Begriff, den Gatten ihrer dahingeschiedencn Freundin nochmals zu sich bitten zu lassen, um es mit ihm zu überlegen, als sie ein Telegramm erhielt, das ihr die Ankunft ihres Vaters für die Mittagsstunde in Aussicht stellte. Rosenfeld's Besuch mußte nun freilich verschoben werden. Herr Neizenstcin kam, das Wiedersehen zwischen Vater und Tochter war in der ersten Viertelstunde in Wirklichkeit erschütternd. Doch Irene war eine elastische Natur und ihr Herz war nicht getroffen. Ihr Vater ordnete ihre Angelegenheiten, sorgte für das Begräbniß seines Schwiegersohnes, und mit einer Opferwilligkeit, die einer besseren Sache werth gewesen, suchte er den aristokratischen Namen, den seine Tochter trug, frei zu halten von jedem Makel und führte die junge Witwe zurück in das Elternhaus. — Erst auf der Reise erinncrtc sich Irene, daß sie die Absicht gehabt hatte, Rosenseld noch einige Mal zu sich zu bitten. — Doch sie hatte auch ohne ihn ihre Ruhe wieder gefunden, und da war eS doch besser, daß sie sich auf Weiteres nicht eingelassen. Aber sic konnte sich in der Heimath nicht mehr heimisch fühlen, sie hatte nicht ungestraft ein volles Jahr in Sans und Braus verlebt, an der Seite eines Mannes, der um die unsinnigste Laune Tausende verschleudern konnte. Sie konnte sich nicht mehr finden in die, wie sie ihr jetzt erschienen, ärmlichen Verhältnisse des Vaterhauses, sie sehnte sich hinaus in die Welt, zum mindesten nach dem Strudel deS Pariser Lebens. Doch die Eitern wollten nicht hören auf ihre Bitten und Vorstellungen, und eines Tages war die junge Gräfin Vrandcnsee verschwunden, um unmittelbar darauf als Stern zweifelhafter Größe an einem Pariser Vorstadtthcater aufzutauchen. Wollte sie sich hierdurch rächen an ihrer Familie? oder war es einzig und allein der Reiz deS Adenthenerlichen? (Fortsetzung folgt.)