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Jeschurun · 1885-06-04 · Heft 23 (4.6.1885) · p. 359

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 23 (4.6.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-06-04
Page
359 (sequence 2)
Language
German
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359 Gesellschafter gesehen, denjenigen, der für ihre Vcrgnügungen gesorgt, doch jetzt wüthete sie gegen ihn, jetzt haßte sie ihn, und glaubte, in jedem Winkel seinen blutigen Leichnam zu sehen. Und wenn sie schaudernd die Augen schloß, sie mit den Händen, mit dem Tuche noch so fest bedeckte, daun sah sic ihn noch deutlicher dort stehen, dort zusammenbrechen — cs war entsetzlich — und dieses bleiche, entstellte Antlitz — wie es sie angrinste — wie es sie zu höhnen — ihrer zu spotten schien. — Sie schrie laut auf und wollte aus dem Bette, wollte entfliehen dem grauenvollen Bilde ihrer Phantasie. Der Arzt und ihre getreue Zofe hielten sie zurück. Stunden vergingen, sie hatte während der ganzen Nacht nicht eine Sekunde auch nur geschlummert. Aufrecht saß sie in ihrem Bette, und die großen, weit aufgcrissenen Augen starrten angstvoll nach allen Richlungen ins Leere. Da gewahrte sie auf dem Sekretäre ein versiegeltes Schreiben. ״Wer hat den Brief gebraucht?" stüstcrte sie. Das Mädchen wußte es nicht, doch auf einen Wink des Arztes, der froh war, seine Patientin auf einen andern Gedanken kommen zu sehen, reichte sie ihn ihrer Herrin. Er war an sie addrcssirt und Irene erkannte die Schriftzüge. Schaudernd stieß sie ihn zurück, doch gleich darauf griff sie darnach, erbrach das Siegel und mit bebenden Händen entfaltete sie das Schreiben. Es lautete: ״Irene! Wir sind quitt. — Wenn Du diese Zeilen liest, ist bereits Alles vorüber. — Doch bevor wir scheiden, drängt es mich, Abrechnung mit Dir zu halten. In wenigen Minuten werde ich hier in Deinem Zimmer mein Leben enden, um Deinetwillen — darum Fluch Dir! — Die Welt wird glauben, ich hätte den Tod gesucht, weil ich mein Vermögen vergeudet, verschleudert — Du aber sollst wissen, daß ich mein Vermögen vergeudet, weil ich mit dem heutigen Tage mein Leben enden muß — um Deinetwillen. — Darum noch einmal Fluch Dir! — Wir haben einander nie geliebt. Du wolltest nieinen Namen, meinen Rang — ich wollte Dein Vermögen. — Wir haben beide erlangt, wonach wir gestrebt. Müßte ich jedoch von hinnen und das Vermögen Dir zurücklassen, der Handel wäre zu ungleich. — Darum und nur darum habe ich mein Vermögen vergeudet. — Leichten Herzens würdest Du meiner Bahre folgen, würde ich fern von Dir mein Leben enden. — Darum sollst Du Zeuge sein meines Todes, aus daß mein blutiger Leichnam Deine Träume schrecke, wo immer Du weilest. — Das sei meine Rache. — Und noch Eines. — Wir haben bedeutend mehr vergeudet als wir besessen. — will Dein Vater den Ueberschuß zahlen, so ,nag er das als Strafe betrachten — denn er ist an Allem noch mehr Schuld als Du. — Witt er's nicht — so bleibt Dir nicht einmal ein makelloser Name. — Fluch Dir!" Schauderud verhüllte Irene das Antlitz, heftige Zuckungen erschütterten ihren Körper, der Arzt begann ernstlich für sie zu fürchten; doch a!S die Zuckungen endlich nachgelassen und sie erschöpft, doch ruhig dalag, winkte sie der Zofe. ״Gehen Sie hinauf zu Herrn Roscufeld — sagen Sie ihm, was geschehen ist — ich lasse ihn dringend um seinen Besuch bitten." Dieser so dringenden, direkten Aufforderung der so schwer Getroffenen vermochte Nosenseld nicht zu widerstehen. Als er in ihr Zimmer trat, richtete sie sich hastig auf und streckte ihm beide Hände entgegen. Der Arzt, der seine Anwesenheit für überflüssig halten mochte, entfernte sich. ״Herr Rosenfeld!" schluchzte sie, ״lieber, guter Herr Nosenfeld, helfen Sie mir! — stehen Sic mir zur Seite! — ach, ich bin so unsäglich unglücklich!" ״Ich habe den Hotelier veranlaßt, Ihrem Herrn Vater zu tclcgraphiren," erwiderte Nosenseld, indem er näher trat. ״Dank! tausend Dank! ach Gott, mein Gott! welch einen Schrecken wird Papa haben! — O! cs ist entsetzlich! Dieser Frevel! — dieser gottlose Frevel! — Wenn Sie ihn gesehen hätten! — O!" schrie sie Plötzlich, ״da steht er wieder! —־ und grinst und höhnt! — Sehen Sie ihn?" Sie hatte Nosenfeld's Arm ergriffen und starrte schreckensbleich ins Leere. ״Beruhigen Sie sich, Madame, hier im Zimmer ist er nicht, cs ist die Wirkung des Schreckens, daß Sie ihn hier zn sehen wähnen." Er trat in die Richtung, in die sie starrte, um sie von ihrem Irrthum zu überzeugen. Die Spannung ihrer Züge wich. ״Sie haben recht," flüsterte sie, ״cs ist die Wirkung des Schreckens — und — des Gcwisseus," fügte sie kann, hörbar hinzu. Roscufeld erwiderte nicht, trat jedoch näher zum Bette. ״Helsen Sie mir," flehte sie, ״stehen Sie mir bei!״ ״In welcher Beziehung glauben Sie, daß ich Ihnen beistehen könnte? ich wäre gern bereit." ״Das weiß ich," schluchzte sie, ״Sie sind gut, wie meine TolZa war." — ״Was könnte ich in Ihrem Interesse thuu?" ״DaS weiß ich nicht!" ries sie händeringend, ״o, ich bin so unsäglich unglücklich!"

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