Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1885)
- Article
- Bemerkungen zu den Verhandlungen un Beschlüssen der Rabbinerversammlung zu Berlin
- Date
- 1885-06-04
- Page
- 354 (sequence 2)
- Language
- German
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ihm höchst erwünscht wäre. Wenn man sich nämlich; vergegenwärtigt. daß diese ansehnliche Versammlung j aus lauter gelehrten und graduirtcn Männern bestand! und von einen! aus drei Mitgliedern zusammengesetzten; weisen Präsidium geleitet wurde, daß n!an außerdem j zwei wohlerfahrene, ergraute Herren demselben als Beij sitzer zugcsellte, daß ferner vier Doktoren bac< Schriftj iühreramt ausübten, daß endlich auch sännutliche Anj träge schriftlich eingebracht werden mußten, so schüttelt man bedenklich das Haupt und fragt sich verwundert: war es denn bei einer so vorzüglichen und umsichugen Fürsorge zur Feststellung der Verhandlungen, mir Hülse der ebenfalls vorsorglich geschaffenen ״vortrefflichen Stenogranlme", eine gar so schwierige und zeitraubende Arbeit, daß das auS den Herren Doktoren Joel, Ungerleider, Bambergcr, Landau und Waffcrmann bestehende Präsidium fast ein Jahr dazu gebrauchte, um sie zu bewältigen? Haben etwa die drei Herren Präsidenten, die zwei Herren Beiräthe und die vier Herren Schriftführer ihres Amtes so schülcr- und stümperhaft gcwaltet? Worin besteht die cinbezengte Vortrefflichkeit der Stenogramme? Haben die Herren Antragsteller ihre Anträge in so unleserlichen, unentzifferbaren Buchstaben ausgezeichnet? War etwa trotz aller Vorzüglichkeil und Genauigkeit das Material ein zu großes und wcitschichtiges? ES handelte sich ja nur um vier Sitzungen, deren erste von 10 bis 2l/2 Uhr, deren zweite von ll dis 12H4 Uhr, deren dritte von! bis 2 Uhr und deren vierte von 3 bis 4 Uhr währte Erwägt man ferner, daß in dem nun vorliegenden Werke die EinlcitungSrede des Herrn Dr, Joel zehn Seiten, das Referat des Herrn Dr. Maybaum sechs Seiten, das Referat des Herrn Dr. Bogelstcin sieben Seiten, die Schlußrede der Herrn Dr. Joel und Dr. Goldschmid zehn Seiten einnchmen, so daß für die eigentlichen ״Verhandlungen" nur 44 splendid gedruckte Oktavscitcn in Anspruch genommen worden sind, so ist es noch räthsclhastcr, worin die großen Schwierigkeiten und die lauge Zeitdauer der Zusammenstellung dieser Verhandlungen ihren Grund zu suchen haben. Die ״Anlagen" können auch nicht als Erklärung hierfür dienen, als ob in denselben bedeutende und zu ihrer Erzeugung lauge Zeit erheischende Arbeiten niedergctegt sind. Anlage I enthält das einladende Rundschreiben zur Versammlung, Anlage 2 die Begründung des ersten Punktes der Tagesordnung: der öffentlichen Erklärung über die interkonfessionelle Stellung des JudcnthnmS, Anlage 3 die Begründung zum zweiten Punkte: den Mitteln zur Hebung des religiösen Sinnes und zur Förderung des Religionsunterrichts, Anlage 4 das Statut für den Verband der Rabbiner Deutschlands, Anlage 5 das Schreiben, mit welchem das Präsidium die ״vffcntlichc Erklärung" den sämmtlichen Regierungen und Gerichtshöfen miltheilte. und die Empfangsbestätigungen darüber seitens der Regieruugeu von Baden, Bremen, Lübeck, Meiningen und Oldenburg, endlich auch ein Schreiben dato 6. Juni 1884 an Herrn Rabbiner Dr. Hildesheimer und Genossen, eine kurze Mittheilung der Mitglieder der Zommission und Subkommissionen und zwei Dankschreibeu au bcu Vorstand der jüdischen Gemeinde und an das Festkomitee zu Berlin ddto. 6. Juni 1684. Also lauter Schriftstücke, welche bereits fast seit Jahresfrist druckfcrtig Vorlagen. Wie erklären sich demgemäß die Schwierigkeiten und Hiuderuissc für eine frühere Veröffentlichung? Wir wagen eine Antwort auf diese sehr schwierige Frage selbstständig zu geben, zu welcher wir um so mehr berechtigt sind, als das Präsidium, welches dazu in erster Linie beruseu wäre, uns darüber völlig im Dunkel läßt, Wir gelangen nämlich Angesichts des dürftigen Materials, welches unS hier als erschöpscnder Bericht über die Verhandlungen geboten wird, zu der Ansicht, daß zunächst sehr Vieles von der Veröffentlichung ausgeschlossen worden ist, was in der Versanunlnng von den Mitgliedern vorgetragcn wurde. Es ist nämlich durchaus undenkbar, daß die achtundscchzig Herren nicht mehr geredet haben sollten, als hier im Druck vor uns liegt. Sie sind gewiß nicht so enthaltsam gewesen, und es müßten sonst große Knustpansen bei den Verhandlnngen beliebt worden sein. Wir denken uns, daß daS umsichtige Präsidium eine sehr gründliche Sichtung der gewiß sehr umfassenden und unter der Leitung der gewandten Herren Schriftführer sicherlich ganz genau angefertigten Sitzungsberichte vorzunehmen für gut besundcn hat, weil wahrscheinlich Manches davon nicht für die Keuntniß des großen Publikums im Hinblick auf den eigentlichen Zweck der Versammlung passend erachtet wurde. ES kann doch auch in der That nicht verlangt und erwartet werden. daß achtundsechzig Herren, und zählten sie auch, wie i!n vorliegenden Falle selbstverständlich, zu den vorsichtigsten, einsichtsvollsten und in der Kunst der Selbstbcherrschung geübtesten Männern, ihre Zunge so sehr im Zaume zu halten wissen, daß ihnen, wenn sic sich im Kreise von lauter Amtsbrüdern fühlen, nicht eine oder Zar manche nnbcdachtsame Rede entschlüpft. DaS hat im engsten Zirkel ja auch nichts zu bedeuten. Aber für die weiteste Oeffentlichkeit und Schwarz auf Weiß — La ist es eine ganz andere Sache. Da heißt eS sein behutsam sein. Nun, wir haben ja ein so vortreffliches Präsidium, welches alles Anstößige und Ungeeignete, alles was nicht opportun ist, alles was den! großen Zwecke hinderlich sein könnte, ausznmerzen weiß — und es hat auch in der That dieses allerdings sehr schwere Geschäft der Zensurscheere wacker vollbracht. — — Aber auf das AuSmerzen allein durste man sich nicht beschränken. Es galt auch