Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1885)
- Article
- Fanatismus
- Date
- 1885-05-28
- Page
- 339 (sequence 2)
- Language
- German
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839 im vollsten Umfange verdienen. Wahrung unb Vertvetimg der gewissenhaften Ucbcqcttgung ist ein gutes Recht, besser! Inanspruchnahme nicht als Fanatismus bezeichnet werden kann. Wohl aber gievt sich die Bcrkümmerung diejcs Rechts, sei es durch thärliche oder wörtliche Ungebühr, als ein solcher. Die Reform, welche seit einen! Halden Jahrhundert unter den! Aushängeschild der Aufklärung und des Fortschritts daö Juden״ thum bekämpft und, ihren Trcubruch und Abfall als einen verdienstvollen und nachahmungswürdigcn religiösen Akt präkonisircnd, das alte, einzig wahre Indcnthum im Gegensatz zu dem von ihr fälschlich als Judenthum bezcichneten wesenlosen Ncbclbildc, als thöricht, kindisch, bildnngöfcindlich, abergläubisch, fanatisch zu karaktcrisireu sich nicht cntblödet, sie hat vom Anfänge an bis zu dieser Stunde in fanatischster, unduldsamster Weise durch That, Schrift und Wort um ihre Ersten; gekämpft. Bei einer näheren Erwägung erscheint dieser FanatiSmuS der Reform durchaus erklärlich. Der Abfall und Trcubruch vollzieht sich zu allen Zeiten nach denselben Gesetzen von Ursache und Folge, wie diese bereits im 3. B. M. Kap. 26, )4 u. flgde. uns warnend vor die Seele geführt werden. Er hebt mit der Unkenntnis des JudenthumS an, mit dem ״Nichtlernen" אם לא לחיות עמלים בתורה — תשמעו לי. Ans diesem mangelnden Kennen und Verstehen folgt aber in unabweisbarer Konsequenz die Nichtbeachtung des Gesetzes. Und hat man sich erst über dasselbe hiuwcggesctzt, dann מואם באחרים העושים verachtet man die gcsctzeötreucu Brüder. Jeder Jude, welcher den Sabbath hält, erscheint dem nichtfeiernden Inden als ein unbequemer Mahner. Dieser fühlt trotz seiner eingebildeten Geistesstärke und Aufklärung einen gewissen Vorwurf in dem Anblicke eines Genossen, der dem Gesetze Treue und Gehorsam entgegenvringt. Es lebt etwas in ihm, von welchem er sich gern befreien möchte, daö ihm die Ruhe des GentüLhs stört. Eigentlich müßtest du auch den Sabbath heiligen, spricht cs in ihm, du bist Jude gleich jenem und gleich ihm zur Befolgung des Gesetzes verpflichtet. Die Reform sucht deshalb ihren Abfall im Indcnthum zu begründen, sie will den Boden des Judenthums nicht verlassen, sie will absolut innerhalb des Judenthums stehen. Daran! sucht sie das Gesetz zu umdeuten, verkehrt den Inhalt der Lehre und proklamirt dieses neue System ihrer eigenen Mache als den einzig wahren Inhalt des JudenthumS. Der GesetzcStreue ist ihr ein Dorn im Auge, ein Hemmniß zur Vollendung ihres Werks. Sie wendet äußerlich ihm Verachtung zu und häuft Schmach und Unglimpf auf das Gesetz und die Lehre, für weiche die Väter willig Gut und Blut hrnopfcrlen. Innerlich aber, vielleicht oft unbewußt, haßt sie das alte Indcnthum und seine Bekenuer. So lange noch ein Jude vor- Händen ist. Kf cs erfüllt, so lange gelangt das Gewissen doch nicht ganz zur Ruhe. Daher der erbitterte Groll, die fanatische Wnth. Nur bei Denjenigen, welche sich bereits so gänzlich dem Judenthum entfremdet haben, oder in einer solchen Entfremdung von ihm erzogen und herangewachscn sind, daß sie demselben völlig fremd gcgennberstehen und keine Fiber ihres Wesens ihm angchört, hört auch der Fanatismus auf. Ihnen ist das Indcnthum buchstäblich eine längst eingesargte Mumie. Die vottcudctste Gleichgültigkeit schützt sic vor Fanatismus. Sie erheben gar keinen Anspruch darauf, Bekenner des JudenthumS zu sein. Sie zählen sich zu denselben nur noch, weil sie keiner anderen ReligionSgescllschast sich znwcndcn mögen, und wenn sie einmal im Leben oder beim Sterben zu der Religion in irgend eine Beziehung treten, da steigt bei ihnen gar kein Gelüste ans, diese Religion nach ihrer Laune zu reformircn. Sie fühlen sich völlig unfähig, auf diesem Gebiete irgend einen Einfluß auszuüben. Im Gegensatz zu diesen durchaus Indifferenten begegnen die Orthodoxie und die Orthodoxen aber einem um so intensiveren Fanatismus bei solchen, die sich als Gegner der Reform mit vieler Emphase erklären, sich aber nach Laune, Bequemlichkeit und Familienrücksichten ein System — nein, kein System, sondern einen modiis vivendi — erklügelt haben, nach welchen! sie ganz außerordentlich ״fromm" zu leben glauben. Es sind dieses meistens brave und wohlgesinnte, aber recht beschränkte und eingebildete Menschen, die cs als ein Attentat auf ihre Frömmigkeit und ihre Weisheit betrachten, wenn Jemand nicht ganz genau so denkt und handelt wie sie. Sie wähnen sich im Besitz des untrüglichen Mittels eines Ausgleichs zwischen Indcnthum und den Anfordcrungcn der Zeit und der Umgebung, und wer nicht mit ihnen auf die Heilkraft desselben schwört, der wird von ihnen in fanatischer Verblendung als Fanatiker verlästert. Sie haben mit ihrem Gewissen einen Koni׳ promiß geschlossen und glauben damit den ewigen Friedcnsbund besiegelt. Wer diesen Traktat nicht anerkennt, der ist fanatisch, intolerant, ein Störenfried, ein Zänker, kurz, ein Ausbund alles Aberwitzes, den man am besten in Acht und Bann erklärt. Dieser Fanatismus der ״goldenen Mitte", der ״juste niilieu“, ist ebenso verwerflich wie derjenige der ״äußersten Reform". Er ist in seinen Wirkungen sogar verderblicher als dieser. Der oberflächliche Beobachter sagt sich: der orthodoxe X. muß doch sehr fanatisch sein, wenn der auöbündig ״fromme" U. ihn ebenfalls verdammt, oder: dasjenige was der orthodoxes, in der Gemeinde will, verdient doch gewiß die energischste Zurückweisung, weil der fromme I. auch dagegen ist. Die Orthodoxie steht auf dem festen Grunde eines positiven Bckerumüsses und läuft deshalb viel weniger