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Jeschurun · 1885-05-19 · Heft 21 (19.5.1885) · p. 330

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 21 (19.5.1885)
Article
Nochmals Professor Dr. Strack wider Hofprediger Stöcker
Date
1885-05-19
Page
330 (sequence 2)
Language
German
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830 bare Verdienste erworben habe. Die Juden könnten sich ja selbst vcrtheidigen. Darauf habe ich zu erwidern: 1) Ich habe Jahre hindurch im Privatverkehr, in Berlin und in Jerusalem, gegenüber Juden und gegenüber Christen, Herrn Hosprediger Stöcker warm gegen alle ungerechten Angriffe nach Möglichkeit geschildet. 2) Ich habe in meiner oben zitirtcn Kundgebung nicht das Mindeste gegen die Person des Herrn Stöcker gesagt. Auf Grund reiflicher Erwägung begann ich: ״Nach dem Berichte der ״N. Pr. Zrg." ... soll Herr Hosprediger Stöcker gesagt haben." Damit war deutlich gesagt, daß ich nur die in dem Berichte enthaltenen unrichtigen Angaben über ein Stück der jüdischen Liturgie zurückweisen wollte und absichtlich dahingestellt sein ließ, ob der Redner oder der Reporter für das Unrichtige verantwortlich sei. Ihrer Natur nach zu einer Widerlcgung nöthigende irrige Angaben in einem Referate bleiben irrig und erfordern Richtigstellung, auch wenn sie nicht von dem Vortragenden, sondern von dem Referenten hcrrührcn. Ucbrigens war das Referat der ״Neuen Preuß. Ztg." in dem' Punkte, auf den allein cS mir ankam, in ausreichender Weise zutreffend. — 3) Es handelte sich um eine Anklage, die gegen ein Stück der orthodox-jüdischen Gottesdicnstordnung gerichtet war, um eine Anklage, welche beunruhigend zu wirken geeignet war. Gern nehme ich Akt davon, daß Herr Hosprediger Stöcker am 8. Mai erklärt hat: ״Ich habe keine Schlußfolgerungen daran geknüpft, habe nicht gesagt, man solle dem Judeneid nicht mehr trauen." Gut; aber lag es nicht für die über den Ursprung der Formel und die offiziellen Erklärungen der jüdischen Autoritäten nicht unterrichteten Hörer und Leser sehr; nahe, solche Schlüsse zu ziehen? — 4) Eine von Juden! ausgehende Antwort wäre von den ״Antisemiten"-; Blättern für unglaubwürdig erklärt und mit der Frage: j ״warum sprechen keine kundigen Christen für euch?" — ' zurückgcwicsen worden. In Berlin aber bin ich wohl! der einzige geborene Christ, welcher das Judcnthum { und die einschlägige jüdische Literatur so weit kennt,; daß er mit Fug über diese Frage ein Urtheil zum י Drucke geben darf. Anklagen, die etwa über Wucher, Fälschungen n. dcrgl., als in der Gegenwart geschehende 1 Versündigungen, mit Gründen vorgebracht werden, zu J erörtern, würde ich mich nur in ganz besonderen Fällen 1 entschließen. Auf diesen Gebieten können Andere, soweit; es erforderlich oder möglich ist, besser als Vertheidiger auftretcn, Juden wie Christen. In dem vorliegenden; Falle hatte ich als sachverständiger christlicher Theologe | die Pflicht zu reden, und ich hätte mich durch Schweigen | gegen mein Gewissen verfehlt. Im klebrigen verweise ich bezüglich des ״Kol Nidre" | nochmals einfach auf das, was ich in der Real-Encyklopädic für protestantische Theologie und Kirche, 2. Anfl., Bd. VIII, gesagt und in Nr. 99 der ״Neuen Preuß. Ztg.", Beilage 1, kurz wiederholt habe. Nur aus einen Punkt glaube ich hier eingehen zu müssen. In der erwähnten Versammlung hat ein Dr. May (Jude) gegen mich gesprochen. Ein großer Theil seiner Rede (nämlich dasjenige, was schon am 7. Mai Abends unter der Uebcrschrift: ״Zur jüdischen Eidesentbindung" als eine ״von unbetheiligter Seite" kommende Zuschrift im ״Reichsboten", Nr.!06, Haupt׳ blatt, abgedrnckt war!) ist ein Plagiat aus der berühmten Missionsschrift Ncthiwoth Olam von Alexander Mc Caul, und zwar ein Plagiat,, in dem der Sinn des Originals durch Weglassungen fast in sein Gegentheil verkehrt ist! Ich lasse ganz kurz den Beweis folgen. Dr. May in seiner Rede und in Nr. 106 des ״Reichsboten" will die Auflösbarkeit aller Eide durch die Stelle ״Talmud, Hilchoth Sch'wuoth e. VI. 1,2" beweisen. Es giebt keinen Talmudtraktat dieses Namens. Mc. Caul zitirt richtig einfach ״Hilchoth Sch'wuoth", womit der erste Traktat des sechsten Buches des von Moses Maimonides (1135—1204) herrührenden Gesetzeskodex Jad-ha-chasaka. Aus dem Zusammenhänge des ganzen sechsten Kapitels und auch aus der Darstellung bei Mc Caul ergiebt sich deutlich, daß die beiden ersten Paragraphen durchaus nicht die allgemeine Bedcutnng haben, welche ihnen der Verfasser der Zuschrift, d. i. May, beilegt. Und was die von König Zedekia erzählte Geschichte betrifft, so ist das Wesentlichste ausgelassen, nämlich, daß der jüdische Gerichtshof (das Synedrinm, nicht die ״Weisen") dem Nebnkadnezar auf seine bezügliche Frage ausdrücklich erklärte, ein einen Anderen betreffender Eid könne nur in besten Gegenwart gelöst werden. Somit hat das . (damals übrigens nicht in Wirklichkeit, sondern nur nach jüdischer traditioneller Ansicht vorhandene) Synedrium sich durch die Auflösung jenes Eides versündigt. Dem entsprechend wird zu den Vibelworten Jeremia 39,6: ״und Nebnkadnezar tödtete alle Fürsten Judas" von Raschi, einem der bedeutendsten jüdischen Ausleger, bemerkt: ״Das ist das Synedrium, welches den Zedekia seines Eides entbunden hat". Wie ernst z. B. der Spanier Bachja (oder Bechai) ben Ascher über den gegen den Heiden Nebukadnezar eidbrüchigen Zedekia urtheilt, kann man u. A. bei Eisenmenger, Entdecktes Jndenthum II, 497 (= Bodenschatz, Kirchliche Verfassung der Juden II, 363) Nachlesen. * * * Zahlreiche und wichtige Differenzen trennen das Judenthum vom Christenthum. Ich will dieselben nicht verhehlen. Ader nur am rechten Orte und zur rechten Zeit dürfen sie zur Sprache gebracht werden. Und auf alle Fälle müssen wir uns ungegründeter Anschuldigungen

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