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Jeschurun · 1885-05-19 · Heft 21 (19.5.1885) · p. 328

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 21 (19.5.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-05-19
Page
328 (sequence 3)
Language
German
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328 einander und zog die Uhr hervor, kopfschüttelnd detrachtete er das Zifferblatt und dann, als traue er seinen Augen nicht, ließ er sie repetiren und zählte die Schläge. ״Zehn Uhr," murmelte er, ״da muß ich mich freilich noch eine Stunde gedulden — mein Gott! :nein Gott! lass' mich sie treffen! — Wenn nur die Pferde besser ausgreifen wollten." Abermals spornte er sie an, und rascher noch flog das leichte Gefährt dahin und gespensterhast sein riesiger schwarzer Schatten vor ihm her aus der weißen blendcnden Fläche. Der Nachtwind wehte rauh und scharf dem Reisenden gerade ins Gesicht, dennoch schob er die Zobelmütze zurück und trocknete sich die schweißbedeckte Stirn. ״Mein Gott, mein Gott! — schütze sie! — schütze mein Weib und mein Kind." Horch! was war das? — war das nicht daS ferne Gejohl einer tobenden Rotte? Mit angehaltenem Athen! lauschte er, doch er vernahm nichts als das Stampfen der dahineilenden Rosse und das Knirschen des Schlittens auf der hart gefrorenen Erde. Seine Phantasie mußte ihn getäuscht haben, oder hatte er vielleicht den Schrei eines NachtvogelS vernommen? — Sein Alhem ging noch rascher, seine bebenden Lippen flüsterten ein Gebet. Was fürchtete er? — er hatte seinen Schlitten an der Station gefunden, aber der sonst ziemlich zuverlässige Knecht, der ihn dorthin gebracht, war so volltrunken gewesen, daß er sich kaum aufrecht erhalten konnte, und sein Herr hatte ihn daher -in dem nächsten Wirthshaus zurücklassen müssen. So viel Alexander aus den Worten des Trunkenen entnehmen konnte, war daheim alles ruhig, seine Familie gesund. Die einfache Thatsache, daß sein Schlitten zur bestimmten Zeit an der Eisenbahnstation ihn erwartet, hätte ihn beruhigen können; dennoch, je näher er der Heimath kam, desto unruhiger, desto angstvoller pochte sein Herz. Abermals zog er die Uhr aus der Tasche und ließ sie repitiren, dreiviertel auf Elf. Doch schau, was glänzt dort in der Ferne? — Hier Lichtschimmer, dort Lichtschimmer? Gott sei Lob und Dank! und freudig begrüßt er den trauten Schein, der ihm die Heimath ankündigt. Nur noch eine kleine Viertelstunde, und er ist daheim bei den Seinen, kann die Gattin umarmen und sein holdes Kind und rascher, und lauter pocht ihm das Herz, während der Schlitten wie im Fluge der Heimath zugleitet. Doch plötzlich flammt es empor lichterloh und blutigrvth überzieht es den nächtlichen Himmel. Allmächtiger Gott! in seiner Heimath brennt's. Unwillkürlich schnellt er empor, und zu noch rasenderer!Eile treibt er die Rosse; sie wollen seinem Willen entsprechen, in - wilden Sätzen sagen sie dahin, doch zu viel hat-er ihren Kräften zugemuthet, zwar das Pferd scheint nicht ermüdet, doch das anderו י:ז ׳.. . und stürzt zn Boden. Einen Moment versua,.- .׳.׳ zitternde, schweißbcdcckte Thier wieder zum Steh u '׳ringen, doch umsonst; es scheint vollständig erschöpft, er will es auSspannen, uu! mit dem Anderen allein die Fahrt fortzusetzen, doch es mißlingt, seine zitternden Hände versagen den Dienst. Heller flammt es auf am entgegengesetzten Ende des Städtchens, das nun nnmittelbar vor ihm liegt, ein lauter Wehruf entringt sich seiner Brust, das Feuer erscheint in der Gegend, in der seine Wohnung sich befindet. Pferde und Schlitten ihrem Schicksale überlassend, eilt er zu Fuße weiter. Doch der schwere Reiscübcrwurf hemmt die Schnelligkeit seines Laufes. — Und plötzlich dringt ein entsetzliches Gejohl an sein Ohr, als hätten Irrenhäuser ihre Infassen ins Feld gejagt. — Ohne sich länger zu besinnen, streift er das schützende Obergewand ab, wirft. eS zu Boden und eilt weiter. Und die Angst beflügelt seinen Schritt, schon hat er die ersten Straßen seines Wohnortes erreicht, doch sie sind menschenleer, vollständig öde — aber in der Ferne hörte er abermals jenes grauenhafte Geheul, und über ihm am blutig« rothen Himmel züngeln Flammen empor. — Er biegt um die Straßenecke, und ein kreischender, brüllender Knäuel wälzt sich ihm entgegen; sind cs Menschen? sind es wilde Thiere? — Mit Aexten und Knitteln bewaffnet, mit Dreschflegeln und mit Sensen stürzen sie sich dort auf jenes Haus, erbrechen Thür und Fenster und dringen ein, und gleich darauf mischt sich das Wehgcschrer der mißhandelten Hausbewohner in das wilde Gejohle der Mordbrenner. Alexander sucht sich durch die Menge hindurch zu arbeiten, cr muß hindurch, um zn seiner Wohnung zu gelangen, doch er wird erkannt. ״Es ist der Rosenfeld! der reiche Nosenfeld! haltet ihn, daß er sein Geld herausgiebt!" ״Nehmt mein Geld," ruft Alexander,׳ luden! er dem Nächsten seine volle Börse zuwirst, ״nur laßt mich hindurch, mein Hans brennt, ich muß zu Weib und Kind." ״Du hast mehr Geld bei Dir, gieb es heraus und ich sage Dir, wo Du Dein Weib findest." Es war ein großer, wüst ausseheuder Kerl, der ihm diese Worte zurief. Alexander kannte ihn, er hatte vor Jahren in seines Vaters Diensten gestanden, war aber wegen Unredlichkeit entlasten worden. (Fortsetzung. folgt.)

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