Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-05-19
- Page
- 327 (sequence 2)
- Language
- German
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327 ״Sie wohnen bei Juden?" Ein leichtes Kopfschütteln war die Antwort. Herr Meier blickte mißtrauisch auf seinen Begleiter, dieser gewahrte den veränderten Ausdruck im Angesicht des braven Mannes, nnd sich ein Herz fassend, richtete er sich stramm auf. ״Sie haben mich in falschem Verdacht, Herr Meier, Sie glauben, daß ich es mit den Speisegesetzen nicht allzu genau nehme." ״Wenn Sie selbst sagen, daß Sie bei Nichtjuden essen —״ ״Es kommt doch darauf an was. Ich esie nichts Gekochtes — nur Brod." ״Aber du lieber Himmel? warum denn das?" rief der Restaurateur. Abermals zögerte der junge Mann einen Moment, dann aber sprach er, und seine Stimme war dieses Mal weder gepreßt noch leise. ״Armuth ist keine Schande, und ehe ich in den Augen eines srommen Mannes verdächtig erscheine, lieber will ich Ihnen meine Verhältnisse offen darlegen. Ich :::nßte ans einem durchaus nicht unehrenhaften Grunde, den ich jedoch ohne Zustimmung meines Vaters nicht mitthcilen darf, vor mehreren Monaten die Heimath verlassen. Mein Vater, der nicht unvermögend ist, versah mich genügend mit Geld und befahl mir, ihn hier zu erwarten. Ich wurde unterwegs von Strolchen beraubt, fand jedoch in 8.... einen Posten, auf dem ich bis vor sechs Wochen verblieb. Dann aber mußte ich, dem Befehle meines Vaters entsprechend, hierher. Durch dieses lange Warten ist meine Baarschaft aufgegangcn. Sie begreifen jetzt," fügte er mit mattem Lächeln hinzu, ״warum ich in keiner Restauration speise." ״Armer, junger Mann!" rief Herr Meier mitleidig, ״warum haben Sie sich mir nicht früher entdeckt? ich hätte Ihnen doch mit Freuden Kredit gegeben. Kommen Sie nur getrost alle Tage in meine Restauration und essen sich satt, Sie könnten sonst, Gott behüte! noch krank werden. Wenn Ihr Vater kommt, wird er's schon zahlen." ״Aber wenn mein Vater nicht kommt!" rief der junge Mann angstvoll. ״O, ich habe oft so sürchterliche Gedanken —" ״Das macht, weil Sie nicht ordentlich essen, lieber Freund. Da ist der Kopf nicht klar und es kommen Einem allerlei häßliche Gedanken. Kommen Sie nur alle Tage zu mir und machen Sie sich keine Sorgen. Ihr Vater wird gewiß nächstens kommen, oder wenn nicht — wird er Ihnen schreiben, warum er nicht kommt. Jedenfalls essen Sie bei mir. Und wissen Sie was? wenn Sie's nicht auf Kredit thun wollen, können Sie mir meine Kinder dafür unterrichten. Der Eine ist fünf Jahre und der Andere sechs. Meine Frau hat noch gestern gesagt, eS thut nicht gut, daß die Kinder den ganzen Sommer ohne Unterricht sind, und wenn wir nächstes Jahr wills Gott wieder her- ■ gingen, müssen die Kinder entweder in D.... bleiben, wo sic in die Schule gehen, oder wir müssen uns einen Hauslehrer nehmen. Also abgemacht, Sie speisen bei mir und geben meinen Kindern dafür Stunden." Neunzehntes Kapitel. Der Winter war gekommen, der Winter jenes schrecken vollen Jahres, das noch in Aller Erinnerung lebt, in dem der Genius der Menschheit schaudernd das Angesicht verhüllt ob all der Greuel, all der Schrecknisse, die Menschen gegen Menschen verübt, in dem Tausende unserer Glaubensgenossen, schuldlose Menschen von Haus und Hof verjagt, ihrer Habe beraubt, oft sogar beraubt dessen, was ihnen höher gilt als das Leben, aus der Heimath gedrängt, verjagt, gleich wilden Thieren über die heimathliche Grenze gehetzt, in fremdem Lande Schutz suchen mußten, den X*» «fttiutt nnf Auch unsere Freunde waren bereits von den Schrecknissen berührt worden. Vor zwei Tagen, Alexander befand sich eben bei seiner Familie aus dem Lande, als er durch einen Eilboten die Nachricht erhielt, daß man sein Geschäft geplündert, seinen Vetter erschlagen, und daß die übrigen in seinem Komtor Angestellten ihn dringend ersuchen ließen, sofort zu ihnen zu eilen. So schwer es ihm war, in dieser Schreckenszeit Weib und Kind auch nur auf Stunden zu verlassen, ״er konnte und wollte sich seinen Verpflichtungen nicht entziehen. Ohne seiner Frau mitznthcilen, was geschehen, erklärte er ihr nur, daß wichtige Angelegenheiten seine Anwesenheit in der Stadt sofort heischten, daß er jedoch hoffe, am Abend des nächsten Tageö wieder bei ihr zu sein, sie möge zum letzten Zuge den Schlitten zur Station senden. Es war im Dezember; Schnee bedeckte die Felder, ein scharfer Nordwind hatte sich erhoben, hatte die Wolken, die bisher den Vollmond verhüllt, verscheucht; wie im Tageslichte erschien die Gegend rings umher. Es war eine öde Fläche, so weit das Auge reichte, kein Baum, kein Strauch, nicht ein einziges Gehöft unterbrach die Einöde. In dem leichten Schlitten, der pfeilschnell über die zu Eis erstarrte Schncefläche dahin glitt, saß ein einzelner Mann im bunfclcu Neisepelz; mit sicherer Hand lenkte er die Zügel, und unablässig trieb er die dahineilenden Thiere zu noch größerer Schnelligkeit an. Sein Auge schweifte in die Ferne, doch so sehr er sich auch austrengte, nirgend erblickte er eine menschliche Wohnung, sein Athem ging hastig; er schien von brennender Ungeduld erfüllt. Er schlug den Petz auS-