Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1885)
- Article
- Hinter den Kulissen des Antisemitismus
- Date
- 1885-05-14
- Page
- 313 (sequence 1)
- Language
- German
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J»«0. Jeschurnn 313 Jpiiter den Kulissen -es An!isk1!1itis!!u!g. Aus der ״Sil. s. Pr." Wien, 8. Mai. Die unter dem Namen der antisemitischen Bewegung bekannte Agitation, weiche — eine der seltsamsten Verirrungen des Zeitgeistes — die bestehende Unzufriedenheit der mittleren Klassen mit ihrer sozialen und wirthschaftlichen Lage auf die Juden abzulenken sucht, ist bekanntlich wenig wählerisch in den Mitteln, die geeignet scheinen, die Instinkte und Leidenschaften der Massen für ihre Zwecke zu entflammen. Eines der wirksamsten besteht darin, die Juden nicht blos als eine von Natur durch eine Reihe unmoralischer, insbesondere mit den sittlichen Anschaunngen der europäischen Kulturvölker in unversöhnlichem Widerspruch stehender Eigenschaften stigmatisirte Rasse darzustellen, sondern gewisse Verbrechen und in hohem Grade den Abscheu erregende Handlungen geradezu als durch ihre religiösen und rituellen Satzungen geboten zu bezeichnen, und dies ist um so leichter, als die Bücher, in denen diese Satzungen enthalten sein sollen, in einer nur sehr wenigen Gelehrten verständlichen tobten Sprache abgefaßt sind. Während des Prozesses von Tisza-Eszlar erreichte diese Art von Agitation ihren Höhepunkt. In Flugschriften, Zeitungen und Broschüren wurde damals mit einem Eifer, der einer bessern Sache würdig gewesen wäre und unter Anführung von vorgeblichen Belegstellen aus dem Talmud — selbstverständlich in Ucbersetzung — der Nachweis versucht, daß Mord, Betrug, Uebervortheilung Andersgläubiger durch die Religion der Juden oder doch eines Theiles der Juden gebotene Handlungen seien, und diese Behauptungen wurden durch einen Apparat unterstützt, der wenigstens durch die Form, mehr aber noch durch die Anrufung des Zeugnisses gelehrter Autor!» täten, den Anschein erhielt, als ob er auf Wissenschaftlicher Forschung beruhe. Allgemein bekannt ist, daß insbesondere der Professor an der Prager Universität, Doktor Rohling, nicht blos selbst als antisemitischer Agitator wesentlich zur Vermehrung dieser Literatur beitrug, sondern auch fast in allen Schriften dieser Art als Autorität figurirte, ans deren Forschungen und auf deren Zeugniß sich die Epigonen in erster Linie zu berufen pflegten. Der Streit, ob die urkundlichen Nachweisungen, mit denen die antisemitische Literatur hantirt, echt und glaubwürdig seien, gilt unter den Gebildeten, ja selbst unter einer großen Zahl von Gelehrten noch immer als unentschieden. Denn jede wissenschaftliche Autorität beruft sich in der Regel aus eine andere Autorität; zu den Quellen selbst vorzudringen, die allein darüber entscheiden können, ist nur denjenigen gestattet, welche die Geduld und Ausdauer besitzen, die Schwierigkeiten zu überwinden, welche nicht blos die hebräische Sprache, sondern auch die verschiedenen, rabbinischen Mundarten derselben bieten, in denen die talmudischen Bücher abgefaßt sind. Unter diesen Umständen ergiebt cs sich für den Unbefangenen von selbst, baß die äußerste Vorsicht in der Bcurtheilung der Glaubwürdigkeit an׳- gcblicher Beweisstücke und Belege nicht blos ein Gebot der auf Wahrheit gerichteten wissenschaftlichen Forschung, sondern wegen der aus den gelehrten Prämissen gezogeneu praktischen Folgerungen auch der Gerechtigkeit ist. Diese Vorsicht ist nicht immer angewcndet worden, und damit sic in Zukunft wenigstens von Unvoreingenommenen und Gebildeten nicht außer Acht gelassen werde, wollen wir hier eine Reihe von auf diesen nur zum geringeren Thcile wissenschaftlichen Streit bezug׳ lichen, sehr lehrreichen Thatsachen erzählen, in deren Kenntniß wir gelangt sind und die den Vorzug besitzen, zum großen Theile mit Beweisstücken von der Hand der in Frage kommenden angeblichen Autoritäten belegt werden zu können. Unter der Beschuldigung einer strafbaren Handtung, über welche seinerzeit der kompetente Richter zu zu erkennen haben wird, befindet sich zur Zeit bei dem Wiener k. r. Landcsgerichte ein gewisser Doktor August BrimannuS in Haft, ein Mann von bewegter Vergangenheit, Jude von Geburt, später zum katholischen Bekenntnisse überactrcten, von dem in den letzten Monatcu auch in den Blättern vielfach die Rede gewesen. Dieser Doktor BrimannuS (latinisirte Form des ursprünglichen Namens Grimann) hat, wie durch ihn selbst festgestellt worden ist, seine Kenntniß der hebräischen Sprache und der talmudischen Schriften vielfach dadurch 'verwerthet, daß er anderen Gelehrten, die sich mit Talmndforschung beschäftigen, jedoch diese Vorkenntnisse nicht oder in nicht genügendem Maße besitzen, mit den erforderlichen Uebersetzungen der Originale zu Hilfe kam. Unter dem Pseudonym Justus edirte er ein Buch, der ״Judenspiegel" betitelt, welches seit her eine der Hauptquellen der antisemitischen AgitaLionsschrksten geworden ist und welches auch in einem seinerzeit in Deutschland abgeführten Prozesse eine bedeutsame Nolle spielte, und namentlich durch das von Professor Doktor Jakob Ecker in Münster über dasselbe abgegebeue und seither auch im Separat-Abdruck erschienene Gutachten: ״Der Judenspiegel im Lichte der Wahrheit" eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Es wird nämlich behauptet, daß das Material zu der Ecker'schen Beleuchtung des ,,Judenspiegels״ des Doktor Brinrannns gleichfalls von Doktor BrimannuS geliefert wurde; ob diese Behauptung richtig ist, vermögen wir nicht zu entscheiden, aber Professor Rohling in Prag scheint, wie aus dem weiter uttterr fdgenbea Briefe desselben