Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-05-14
- Page
- 312 (sequence 3)
- Language
- German
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י 312 Staunend gewahrte er, daß Thränen ihre Augen I füllten. ״Mein liebes, kleines, vernünftiges Weibchen," > sprach er, indem er sie zärtlich au sich drückte, ״ich! darf es ja doch nicht zugeben. Bedenke nur, welche! Borwürfe würde mir der Vater machen, wenn ich ge-! statten würde, daß seine kleine Tolza, trotz des BerboteS des Arztes, sich in der Chaise rütteln ließe." Tolza neigte das Haupt auf seine Schulter und weinte leise. Besorgt blickte er auf sic nieder, so hatte er sie nie gesehen; dennoch wagte er nicht, ihrem Wunsche zu entsprechen, und erheiternd flüsterte er zartliche Licbcsworte ihr zu. ״Du hast recht," sprach sie endlich, indem sie sich aufrichtcte und unter Thränen ein Lächeln erzwang, ״eS ist in der Thal kindisch, daß ich mich so gehen lasse, weiß ich doch selbst nicht, warum ich weinte' — aber mir war im Augenblick so weh — doch jetzt ist'S vorüber," fügte sie hoch aufathmend hinzu. ״Und nun ist es auch Zeit, daß Du Dich auf den Weg machst, der Iwan hat schon eingespannt; ich höre ihn mit der Peitsche knallen. Grüße den Bater von mir und versprich dem Iwan ein Trinkgeld, wenn er rasch heimfährt." Alexander versprach es, doch ohne es gegen seine Frau zu erwähnen, bestellte er auf der Hälfte des Weges Vorspann für den Heimweg und auch auf der Station tauschte er frische Pferde ein, um den Heimweg möglichst rasch zurücklegen zu können. Er stand auf dem Perron und harrte des herannahenden Zuges, den ein langgedehntes Pfeifen bereits angekündigt hatte. Tolza'ö Ungeduld mußte auf ihn übergegangen sein, wenigstens schien es ihm, als schleiche die Wagenrcihe mit ungewöhnlicher-Langsamkeit einher. Endlich hielt sie. Alexander eilte herbei, einer der Kondukteure, der ihn allwöchentlich dort traf, winkte ihm schon von weitem. ״Hier, Herr Noscnfcld, in diesem Conpee ist der alte Herr," und diensteifrig öffnete er die bezeichnete Thür. Doch ein Schrei des Entsetzens entfuhr seinen Lippen; in einer Blutlache, die nahezu den ganzen Fußboden dcS KoupeeS deckte, lag röchelnd der alte Lewinski, von mehreren Messerstichen durchbohrt. — Alexander stürzte herbei, in nahezu sinnlosem Schmerze kniete er neben dem Verwundeten, an dein er mit der Liebe eines Sohnes hing. ׳ Er bemühte sich, das den Wunden unaufhaltsam entquillende Blut zu stillen, das Bahnpersonal war ihm hülfreich zur Seite, die Kunde von dem grauenhaften Morde hatte sich im Nu unter den Passagieren des Zuges verbreitet. Alles eilte herbei, ein zufällig anwesender Arzt that sofort das Möglichste, das entfliehende Leben zu erhalten — umsonst. Die edelsten Theile waren verletzt, der Blutverlust war allzu groß. Noch einmal schlug der edle Greis die Augen auf und blickte mit unanSsprechlicher Liebe in das über ihn geneigte Antlitz des Sohnes, seine Lippen bewegten sich, Alexander glaubte den Namen seiner Gattin zu vernehmen, daun fielen die Augenlider wider zu. — Einige kaum merkliche Zuckungen — ein leises Röcheln — ״Er stirbt," flüsterte der Arzt. ״Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziges Wesen!" schluchzte Alexander. Ein Ausdruck seligen Friedens verklärte das Angesicht des Sterbenden, noch ein Seufzer, und er hatte ausgerungen. Wir wollen es nicht versuchen den Schmerz der Hinterbliebenen zu schildern; Tolza war eine aufrichtig fromme, gottergebene Jüdin, doch ihre Konstitution war allzu zart, und Schlag auf Schlag hatte in jüngster Zeit ihr weiches, liebendes Herz getroffen. Wochen lang schwebte sie zwischen Leben nnd Tod, und nur der opferfreudigen, hingebenden Liebe ihres Gatten gelang eZ, sie zu erhalten. Ruch einigen Monaten genas sie eines Söhnchens, nnd ganz allmählig kehrte Ruhe und Frieden und die Empfindung ihres Glückes wieder zurück in ihre Brust. — Sie hatten auf Rath des Arztes die Landwohnung nicht verlassen. Alexander, der während der Krankheit seiner Gattin sich um daS Geschäft wenig kümmern konnte, hatte einen Verwandten, einen Vetter gleichen Namens, dem er vollkommenes Vertrauen schenkte, als Prokuristen ausgenommen. Dadurch ward es ihm auch später möglich, Tolza nicht beständig allein zu lassen. Er verweilte abwechselnd einige Tage in der Stadt im Geschäft und dann wiederum einige Tage auf den! Lande bei seiner Familie. Achtzehntes Kapitel. Der Sommer ging zu Ende, die Saison in N.... war auf ihrer Höhe. Schon seit Beginn derselben hätten aufmerksame Beobachter einen jungen, einfach gekleideten Mann gewahren können, der bei Ankunft eines jeden Zuges am Bahnhofe, beim Einlaufen eines jeden Schiffes am Hafen sich befand, die ankommenden Passagiere in gespanntester Ansmcrksamkeit musternd. Doch von Woche zu Woche ward das Antlitz des jungen Mannes bleicher und trüber. — Dieses unaufhörliche Erwarten war allerdings die denkbar abspannendste Thätigkeit, und überdieß — um die Reise nach N...., den Aufenthalt dort auch nur wenige Wochen zu ermöglichen, hatte er Monate hindurch sparen, nahezu darben müssen. Doch nun war seine geringe Baarschaft nahezu vollends zu Ende, und der Vater, den er hier zu treffen hoffte, war noch immer nicht ge׳ kommen. — (Fortsetzung folgt.)