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Jeschurun · 1885-05-14 · Heft 20 (14.5.1885) · p. 311

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 20 (14.5.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-05-14
Page
311 (sequence 2)
Language
German
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״Wie eS Ihnen gefällig ist." I Der Graf drückte an dem Schellenknopf und! sofort erschien ein Kellner. ״Bringen Sie einen Becher und Würfel," befahl Brandcnsee. In wenigen Minuten war das Verlangte zur Stelle. Mit verbindlicher Verneigung reichte eS der Graf dem Doktor. Dieser griff hastig danach; ein leichtes Zittern überfiel ihn, sein Gegner lächelte höhnisch. Der Doktor schüiielte den Becher lange, als könne er durch Schütteln die meisten Augen zu Tage fördern, dennoch hatte er nur zwei und drei. ״Zwei und drei sind fünf," sprach Brandcnsee, während es schadenfroh um seine Lippen zuckte. Dann nahm er den Becher, schüttelte ihn leicht und mit anmuthiger Gewandtheit ließ er die Würfel auf den Tisch, gleiten. ״Eins und eins," schrie Lilienthal triumphircnd; er hatte gesiegt. — Graf Brandcnsee hatte die Lippen fest aufeinander gepreßt, für einen Moment hatte die Fassung ihn dvch verlassen; eine bleifarbene Blässe hatte sein Antlitz überzogen, doch er hatte rasch, wenigstens äußerlich, seine gewohnte Fassung wieder gewonnen. ״Ich bin unterlegen," sprach er dem Anscheine nach vollkommen ruhig, ״in Jahresfrist werde ich mein Leben enden." Lilicnthal verneigte sich zustimmend. ״Wir haben heute den 2l.Iuni8l." ״Also am 20. Juni 82." Siebzehntes Kapitel. Der alte Lewinski befand sich allein, ganz allein in seinem verödeten Heim. In den weiten, elegant möblirtcn Räumen, in denen noch vor weniger als Jahresfrist das regste, heiterste Leben geherrscht, schlich jetzt ein einsamer Greis müde umher. Die heißgeliebte Gattin hatte der Tod ihm entrissen; sein Sohn weilte als Flüchtling im fernen Lande; die zarte Konstitution der Tochter hatte den herben Schicksalsschlägen nicht Stand gehalten, sic kränkelte unaufhörlich. Der -Arzt hatte Luftveränderung dringend empfohlen, der Vater hatte gewünscht, daß sie, wie im Vorjahre, mit ihrem Gatten im Auslande einen Badeort besuche, doch der Arzt hatte eine größere Reise nicht gestatten wollen, er hatte den Aufenthalt auf einem Lewinski gehörigen Landgute empfohlen. Vor mehreren Wochen hatte Alexander seine Gattin dorthin begleitet und auf dringenden Wunsch des Vaters mußte auch er dort bleiben, obgleich sowohl er als auch Totza den Vater nur höchst ungern allein gelassen. Doch LewinSki wünschte es so. Gleichzeitig mit seinem Schwiegersohn konnte er das Geschäft nicht verlassen, so sollte denn Alexander während der Sommermonate bei seiner Gattin auf dem Lande weilen, und wenn Tolza bis zum Herbst sich erholt haben würde, wollte LewinSki, wie er mit seinem Sohne verabredet hatte, sich nach N.... begeben. Ob Ignaz glücklich der Rache der Nihilisten entgangen? — ob er die Grenze überschritten? — wo er weilte? -- Er selbst hatte ihm verboten, Nachricht von sich zu geben — und doch, wie sehnte er sich nach solcher. — Der alte Lewinski schien seit dem verslossenen Jahre um mehr als ein Jahrzehnt gealtert. Und dennoch kam keine Klage, kam kein Seufzer über seine Lippen. Der freundliche milde Ausdruckseines Angesichts war unverändert geblieben für Jeden, der ihn aufsuchte, mochte er Rath oder Hülfe suchen; man konnte stets auf beides rechnen. Die Thätigkeit des Greises war die angestrengteste. Als Chef eines der bedeutendsten Handlungshäuser, als erster Vorsteher der israelitischen Kultusgcmeinde, als Präses mehrerer WohlthätigkeitSvcreine blieb ihm zu seiner liebsten Beschäftigung, dem Studium deö Talmud, nur die Nacht. — Doch die Sabbathe verbrachte er auch, seit seine Kinder auf dem Lande wohnten, stets bei ihnen. DaS Landgut, auf dem sic weilten, lag nur wenige Stunden von seinem Wohnort entfernt. In den späteren Nach- Mittagsstunden des Freitags fuhr er hinaus, in den frühen Morgenstunden deö Sonntags kehrte er wieder zurück. Von der Stadt aus konnte er eine Stunde die Eisenbahn benutzen, von der Station bis zur Wohnung seiner Kinder halte er noch ungefähr zwei Stunden zu fahren. Mit inniger Freude gewahrte er von Woche zu Woche, wie der Landaufenthalt seine Tochter zusehends kräftigte, wie die Rosen wiederkehrtcn aus Tolza's Wangen, wie ihr Gang, ihre ganze Haltung wieder elastisch wurde. Alexander pflegte den Vater an der Station zu erwarten, obgleich dieser ihn jedesmal tadelte, daß er seine Frau so lange allein gelassen, doch Tolza drängte ihn dazu. Freilich wäre sie am liebsten selbst dem Vater cntgegengeeilt, doch das wollte der Arzt noch immer nicht gestatten. ״Ich halte cs aber in Wirklichkeit übertrieben von unserem Doktor, daß er mir noch immer das Fahren verbietet," sprach die junge Frau, ״ich fühle mich so frisch, so wohl und sehne mich so unaussprechlich, den theuern Vater zu umarmen. — Laß mich heute mit Dir fahren, Alexander," fügte sie bittend hinzu. Er schüttelte lächelnd den Kopf. ״Es ist nicht einmal dein Ernst, daß Du fahren möchtest, wo der Arzt es Dir verboten." ״O doch," rief sie hastig, ״ich würde sogleich mit Dir fahren, wenn Du es zugeben wolltest; Du weißt nicht, wie ich mich sehne —"

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