Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-05-07
- Page
- 296 (sequence 3)
- Language
- German
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DaS Blut stieg ihr in die Wangen, sie fühlte es, und ärgerlich trat sie fester mit dem kleinen Fuße auf den Kies. — Tolza! — was kümmerte sie Tolza?— Gräfin Vrandensee brauchte vor Keinem \vt erröthcn. : Sie richtete sich stramm auf und schritt weiter, sie vernahm das Knirschen des SandcS unter ihren Füßen. Sie wollte nicht mehr träumen, sie wollte sich zwingen, die Gegenstände ringsum zu betrachten, um ihre Gedanken von der Richtung, die sie gegen ihren Willen genommen hatten, abzulenken. Sie hatte den Garten der Länge nach durchschritten bis zu dem weiß angestrichenen Holzgitter, das ihn von dem Nachbarhofe trennte, dem Lumpenhof, wie ihn die Leute nannten, der zu der Papierfabrik, dem bedeutendsten Etablissements der Stadt gehörte. — Nachmittags, unmittelbar bevor Graf Brandensee mit seinem Rivalen in den Salon getreten, hatte sie vom Fenster aus eine Reihe hoch beladener Wagen vorüberfahren sehen, sie waren sämmtlich für die Papierfabrik bestimmt, dort im Lumpenhof standen noch einige, während der Inhalt der meisten, in mehreren Reihen übereinander gestapelter Säcke den größten Theil des Hofes füllte. Horch! was war das?.— Der große Kettenhund tiu Nachbarhofe knurrte, hatte er vielleicht die Anwesenheit des jungen Mädchens bemerkt und wollte sie, seiner Wächterpflicht entsprechend, laut verkünden? — Sie wollte doch sehen, ob man sie für eine Diebin halten würde, das wäre gar zu drollig, sie lachte laut ans, daß ihre frische Stimme durch die Stille der Nacht ertönte. — Der Kettenhund ward lauter und lauter, und plötzlich ertönten auch noch andere disharmonische Laute, wie von einem ganzen Rudel Hunde und Katzen. Noch immer lachend erhob sich Irene ans den Fußspitzen, um den Hof, von woher die Laute kamen, besser überblicken zu können. Ein Lumpensack lag zur Hälfte geleert an dem Boden, und eine Anzahl Katzen und Hunde wälzten sich in seinem Inhalt. Es gewährte einen ungemein possierlichen Anblick; Irene kam nicht ans dem Lachen. Doch plötzlich wälzte sich ein seltsamer Knäuel vom Hof her zu dem Garten hin, direkt zu der Stelle, an der Irene sich befand, und eine Latte des Gitters brach, und der ganze Knäuel? mehrere Hunde und Katzen, die sich in einen und denselben Lumpen verbissen hatten, wälzte sich zu ihren Füßen. Im ersten Moment schrie sie auf und wich zurück, doch als muthige Amazone.ergriff sic gleich darauf die 'abgebrochene Stange und verscheuchte die lärmenden Thiere. — Das war ein köstlicher Spaß, er hatte ihr die dummen Gedanken von vorhin glücklich vertrieben. Nun wollte sie auch heim eilen, denn eS war in Wirklichkeit spät geworden. Doch im Umwenden strauchelte sie und fiel zu Boden, sie lachte abermals hell auf, es hatte doch . Niemand ihre Ungeschicklichkeit bemerkt und lachend erhob sie sich wieder. Aber sie mußte doch sehen, worüber sie gestrauchelt. Sie neigte sich wiederum zur Erde und hob ein Stück schwarzes wollenes Zeug ans, vcrmuthlich das Streitobjekt, um das die Thiere gekämpft; sic schleuderte cS wieder fort, doch im Schlendern kam cs ihr seltsam schwer vor, und auch das Geräusch, das sein Fall auf dem Kiesboden verursachte, erschien ihr seltsam. Sie hob es abermals auf, durch einen Riß in dem schwarzen Stofs erglänzte es hell; was mochte es nur enthalten? Ihre Neugierde war auf's Höchste erregt. Sie eilte zurück zur Veranda und von dort in ihr Zimmer, wo die Lampe noch brannte. Mit raschem Schnitt hatte sie die dunkle Hülle entfernt; Heller, wasserdichter Wachsstoff lag vor ihr und in ihm eingehüllt eine Anzahl Papiere von hohem Werth. — Das junge Mädchen kam ans dem Staunen nicht heraus; das war ja ein wirkliches, ein wahrhaftiges Abenteuer. Wem mochten diese Papiere gehören? — Sie nahm sie einzeln in die Hand, um wo möglich einen Namen zu entdecken, und richtig, dort las sie auf einem derselben Ignaz LewinSki. Unmuthig schob sie die Papiere zurück. Tolza's Bruder gehörten jene Papiere — warum mußte sic nur schon wieder an diese Tolza denken? und warum konnte sie cs nicht verhindern, daß ihr dabei schon wieder das Blut ins Antlitz stieg? — An Tolza wollte sie nun einmal nicht denken — und um durch nichts an sie erinnert zu werden, schob sie die Papiere in eine Schatulle, die sie schloß. Gelegentlich wollte sie sie Lewinski zusenden; doch vorläufig genügte es, sie aus den Augen zu haben. Aus den Augen, aus dem Sinn - und Irene leistete Erstaunliches in Derartigem. — Wie konnte sie so unbefangen mit dem Grafen Brandensee scherzen, während Doktor Lilienthal um ihretwillen Höllenqualen litt. Und dennoch liebte sie den Grafen nicht, und was ihn zu ihr geführt — sie hatte es ihrer Freundin Tolza längst geschrieben. — Trotz alledem ersehnten beide Verlobte den Tag ihrer Vereinigung, namentlich der Gras hätte die Vermählung, gern um einige Tage früher geseiert, denn gleich nÄch der Trauung wollten sie größere Reisen antreten, wodurch cs ihm leichter gewesen wäre, dem bevorstehenden Besuch Lilienthal's zu entgehen. Doch Jrcncn's Aussteuer war noch nicht ganz vollendet, sie war nur kurze Zeit Braut gewesen, und es kostete Zeit, überall an allen Ecken und Enden die Grafcukrone sticken zu lassen. Brandensee mußte sich daher gedulden. (Fortsetzung folgt.)