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Jeschurun · 1885-05-07 · Heft 19 (7.5.1885) · p. 295

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 19 (7.5.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-05-07
Page
295 (sequence 2)
Language
German
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2Y5 über acht Tage bist Du mir angetrant, und zu der Reichsgräsin Brandensee wird eö auch jener Rilter von der traurigen Gestalt nicht wagen, die Augen zu erheben." ״Hoffentlich nicht. Und weißt Du, Armin, was ich mir vorgenommen habe? fest vorgenommen habe?" ״Jedenfalls etwas Schönes." ״Ich denke, eS wird Deinen Beifall finden. Du wirst eS vermuthlich schon bemerkt haben, daß ich nichtshalb thue. Was ich thue, thue ich ganz. Und wenn ich vor der Trauung die Taufe empfangen haben werde, dann werde ich nicht nur oberflächlich Christin sein wie zum Beispiel Natalie, sondern ich werde eine echte Christin und zugleich Antisemitin." ״Du Antisemitin!" Der Graf lachte hell auf, ״aber Du bist doch selbst Semitin." ״Aber nach der Taufe —״ ״Hörst Du auf Jüdin zu sein, doch Semitin bleibst Du. Lord Beaeonsfield wurde bekanntlich schon als Kind getauft, aber er hat sich stets als zur semitischen Rasse gehörend betrachtet." ״Daß kümmert mich nicht," versetzte Irene, die Locken zurückwersend, ״wenn ich Christin sein werde, werde ich auch Antisemitin, das wirst Du sehen. Ich werde mit keinem Juden sprechen, keinen grüßen —" Graf Brqndensee lachte. ,.So streng wirst Du sein?" ״Ganz gewiß, es wäre das auch nur konsequent, und Konsequenz geht mir über Alles." ״Aber Papa und Mama sind doch Israeliten," sagte der Graf noch immer lachend. ״Das ist wahr, Papa und Mama sind Israeliten, daran hatte ich im Augenblick nicht gedacht. — Aber sie können sich doch auch taufen lassen. Und von Papa weiß ich'S sogar ganz bestimmt, wenn der sich taufen läßt, wird er auch Antisemit. Es ist das doch auch viel nobler, trotz Lord BeaeouSfield." ״Mir ist's recht, meinethalben versuche Dein Heil, möglich, daß Du Deine Ettern überredest, gleichzeitig mit Dir überzutreten. Aber nur um Eines möchte ich gebeten haben, versuche es nicht, in meinem Namen, mir ist thatsüchlich nichts daran gelegen." ״Aber mir desto mehr. Wenn ich Christin bin, spreche ich nun einmal mit keinem Juden." ״Wenn ich Deine Grundsätze theilte, wären wir nie zusammen gekommen." Sie sah ihn an mit einem seltsamen Blick; sie schien etwas sagen zu wollen, sich jedoch zum Schweigen zu zwingen — man gewahrte es deutlich, die Verlobten kannten einander ans dem Grunde ihres Wesens. ES war schon ziemlich spät am Abend, als Graf Brandensee seine Braut verließ. Dennoch dachte Irene nicht daran, der Aufforderung der Mutter, sich zur Ruhe zu begeben, zu entsprechen. Die Begegnung mit ihrem einstigen Geliebten hatte sie doch weit mehr er schüttert, als sie sich selbst zugestehen wollte. Si hatte ihn ja doch geliebt, und — ihr Erschrecken bc* seinem ersten Anblick war allerdings nicht geheuchelt — doch die Furcht vor ihm, die sie dann später dem Grafen gegenüber zur Schau getragen — in Wirk« lichkeit hatte sie diese nicht empfunden. Warum auch Furcht? sie kannte ihn, ein Wort von ihr, und noch jetzt würde er trotz Allen! zu ihren Füßen liegen. — Zwar, seine Augen hatten auf sie geblickt, so wild, so wild — doch entsprang diese Wildheit nur der zartlichsten Liebe zu ihr. Er war doch ein schöner Mann — ungleich schöner als Brandensee. Im Zimmer erschien es ihr schwül, entsetzlich schwül, ihr war eS, als laste ein Alp auf ihrer Brust — sie trat auf die Veranda, die zun! Garten führte, hier war eS frischer, nnd erleichtert athmete sie auf. Es war eine wunderbar schöne Sommernacht, es lockte sie hinunter in den süß duftenden Garten, zu dem von der Veranda aus einige Stufen führten. Träumerisch schritt sie dahin zwischen den Blumenbeeten auf kiesbestreuten Pfaden. Es war Nacht und doch so hell, fast wie am Tage. Des Vollmonds .Silberschein ließ alles ringsumher in seltsam magischem Glanze erscheinen, und die Sterne dort oben am azurblauen Firmament schimmerten in wunderbarer Pracht,- und zahllose Leuchtkäfer schwirrten in glänzend feurigen Bogen, als hätte die laue Sonnnernacht die Sterne vom Himmel herniedergelockt. Ihr war so seltsam feierlich zu Muthe. — Wenn jetzt Alfons erschienen wäre! — Sie fuhr zusammen bei diesem Gedanken — warum mußte sie doch schon wieder an ihn denken? — Ja, ja, jetzt wußte sic'S, was sie schon wieder an ihn denken machte; der Vollmond war'S und der azur-- blaue sternbesäete Himmel. — Als sie vor Jahresfrist ihren Alfons aufgefordert hatte, durch die jüdische Trauungsformel sie sich anzueignen, es ihren Eltern unmöglich zu machen, sie einen! Andern zu vermählen, da hatten Mond und Sterne wie-heute an! Himmel erglänzt. Alfons hatte ihrer Aufforderung entsprochen —, wie hatte sie sich damals so glücklich gefühlt, so!!!!- säglich glücklich. — Freilich, jenes sanfte schöne Mädchen, das sie trotz ihrer entgegengesetzten Anschauungsweise so aufrichtig geschätzt, diese nnd ihre Mutter.hatten ihr Thun gleich damals scharf getadelt, obgleich sie selbst sich überzeugt gehalten, daß sie hierdurch ihr Glück für's Leben gesichert. Und nun — in acht Tagen war sie Gräfin Brandensee — Gräfin! — Gräfin! — Was wohl Tolza sagen^Mrde, wenn sie eS erfahren sirürde? -so

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