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Jeschurun · 1885-04-30 · Heft 18 (30.4.1885) · p. 275

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 18 (30.4.1885)
Article
Fanatismus
Date
1885-04-30
Page
275 (sequence 3)
Language
German
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275 die Sifre Thora den orthodoxen Juden durch Polizeiorganc aus den Synagogen holen und diese selbst schließen ließ, in Mecklenburg nicht minder gewaltthätig gegen das orthodoxe Judenthum austrat — dann fragen wir, wer sind hier die Fanatiker, die Orthodoxen oder die Reformer?? (Fortsetzung folgt.) RoskSger rmd der A1tliskmtis!!?»s. ״Bursche! Ihr habt mir im Namen Eurer Genassen — wie Ihr behauptet — Vorwürfe darüber gemacht, daß ich das Judenthum protegire. Ich will zu Eurem Tröste öffentlich sagen, daß ich auch Antisemit bin — nur auf solche Weise, die den Menschen schont, aber seine Laster verfolgt." — Mit diesen Worten beginnt Rosegger in seinen ״Bergpredigten"*) einen Aussatz: ״Von dem Judenhasse unserer vcrjudeten Jugend. (Ein offenes Schreiben an junge Antisemiten in Wien.)" Dieser Aufsatz gab mir Veranlassung, das folgende Schreiben an den Autor zu richten: ״Sehr geehrter Herr! Mit der Sympathie, und Freude, die ich gewohnt bin, jedem neuen Produkte Ihres literarischen Schaffens cntgegenzubringen, habe ich auch das Erscheinen Ihrer ״Bergpredigten" begrüßt, und eine Wirkung dieses Werkes bei mir sind — diese Zeilen. Wer ich bin? Ein Freund Ihrer Schriften und — Jude! und als solcher hat mich Ihr Aussatz: ״Vvn dem Judenhasse unserer vcrjudeten Jugend" — ich gestehe es offen — unangenehm überrascht. Daß ein Rosegger kein Antisemit ist, — er wäre nicht Rosegger, wenn er es wäre. . Also, geehrter Herr, Sie sagen uns Juden die Meinung, d. h. nicht uns direkt, sondern indem Sie den Antisemiten vörwcrfen, daß sie ja auch ״jüdisch" seien, also kein Recht hätten, von den Juden mehr zu verlangen, als. sie selbst seien. Und wenn nun die Antisemiten ״bessere Menschen" wären? Dann hätten sic das Recht, Glaubens- und Rassenhaß zu predigen und praktisch zu bcthätigen, wie ihre edlen Genossen in Rußland, - Rumänien, Ungarn und sonst?? Ich ziehe nur die Konsequenzen- und sollten auch Sie, geehrter Herr, sich zu denselben bekennen? Die.Juden sind eine religiöse Genossenschaft, es giebt in allen Landern Juden, wie auch in allen Ländern Christen wohnen. Was die Juden verbindet, *) Bergpredigten. Gehalten auf der Höhe der Zeitunter freiem Himmel und zu Schimpf und Spoit unseren Feinden, den Schwächen, Lastern und Jrrthümern der Kultur gewidmet von P. K. Rosegger.- Wien, Ä. Hartlcben's Verlag, 1885. sind die gemeinsamen religiösen Anschauungen, und ein Vorwurf, den man gegen ״die Juden" erhebt, richtet sich deshalb an die Adresse ihrer religiösen Anschauungen, ihrer Bckenutnißschriftcn: Bibel und Talmud. Ueber ersterc mich hier näher zu verbreiten, erachte ich für überflüssig, dieselbe steht Ihnen im gleichen Maße zu Gebote, wie mir, und was den Talmud betrifft, so erlaube ich mir, Sic auf das vortreffliche Werkchen: ״Ueber die Beziehung des Talmuds zum Judenthum und zu der sozialen Stellung seiner Bekenner von Samson Raphael Hirsch, Frankfurt a. M., I. Kaufsmann 1884" zu verweisen, welches in prägnanter Kürze dem Nichtkenner dieses Riesenwerkes einen genügenden Einblick in dasselbe gestattet. Daß Bibel und Talmud, diese beiden Bekenntnißschriften der Juden, in irgend einer Beziehung denen anderer- Religionen oder Konfessioncn nachstchcn, wird kein ehrlicher Kenner derselben zu behaupten wagen. Wenn Sie ״den Menschen schonen, aber seine Laster verfolgen," so werden sie dabei Genossen unter allen redlichen Menschen finden, aber Sie ״hassen die Zeitungsjuden — doppelt und dreifach Haffen Sie sie, weil sie auch die Christen verjudet haben" — Lieber Herr, schreibt denn der im Judenthume geborene, an irgend einem politischen Blatte thätige Journalist als Jude, oder als Oesterreicher, Deutscher, Franzose u. s. w.? Wenn ein im Christenthnm Geborener den gleichen Artikel schreibt, dann ist dieser von einem Journalisten geschrieben, und das religiöse Bekenntniß des Verfassers sollte ihnals von einem Zeitungsjuden herrührend, stigmatisiren? Unter der jüdischen Presse kann jeder gerade Denkende doch nur die Zeitungen verstehen, die sich mit jüdischen Angelegenheiten befassen, und gegen diese dürften Sie schwerlich in der Lage sein, den Borwurf zu erheben, daß sic ״die Christen verjuden." Und ״verjuden" — was bedeutet eigentlich dieses schöne Wort? An den Juden sind von seiner Religion die höchsten Anforderungen in Bezug auf Sittlichkeit, Ehrlichkeit, Moral, Wahrhaftigkeit, Menschlichkeit, Menschenliebe u.-s. w. gestellt, eine jede Abweichung von diesen Anforder.dr'.gcn ist unjüdisch, und Sie wollten im Ernst jeden im Judenthume geborenen Verbrecher zu einem jüdischen Verbrecher stempeln? Kennen Sie daun auch christliche Verbrecher? Ich kenne keine ״jüdischen Laster" ebenso wenig wie ״christliche Tugenden". — Die ״jüdischen Laster" sind eben unjüdisch, die ״christlichen Tugenden", unter denen Sie Liebe, Sauftmuth, Bescheidenheit, Wqhrhaftigkcit, Treue u. s. w. verstehen, sind ebenso, ° nur ältere Forderungen des Judenthums. So wenig wie alle Juden Teufel und alle Christen Engel, sind alle Christen Teufel und alle Juden Engel, die. menschlichen Verirrungen sind, gleichviel ob in schwacher oder

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