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Jeschurun · 1885-04-30 · Heft 18 (30.4.1885) · p. 274

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 18 (30.4.1885)
Article
Fanatismus
Date
1885-04-30
Page
274 (sequence 2)
Language
German
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274 und der hohlköpfigste Zcitungskorrcspondent, der an einem Gesetzcotrcueu seiner Gemeinde in irgend einer kongenialen Wochenschrift eine öffentliche Auspeitschung vorzunehmen beabsichtigt, glauben eine möderische Salve abzugcbeu, wenn sie ihr Gewehr mit den furchtbaren 5rngel11 ״Fanatismus, Intoleranz" geladen haben. Sie ergötzen sich au dem schrecklichen Knall und gewahren nicht, daß der vermeintlich zu Boden gestreckte Gegner ihnen unverletzt gegenüber steht und ihres kindischen Spiels lächelt. Er fühlt sich von den: Geschosse gar nicht getroffen. Ich will damit nicht gesagt haben, daß nicht vielleicht auch hier oder dort einmal ein orthodoxer Jude zu finden wäre, der fanatisch und intolerant sein könnte, wohl aber behaupte ich, daß in den! Kampfe, der in unseren Tagen innerhalb der deutschen Gemeinden geführt wird, die Anschuldigung des Fanatismus und der Intoleranz gegen die Orthodoxcn durchaus unbegründet ist und nur totaler Unverstand oder beabsichtigte Berläumdung eine solche zu erheben vermögen. Was ist Fanatismus, oder für die vorliegende Frage, religiöser Fanatismus? Eine schwärmerische, ausschweifende, jede nüchterne, ruhige Uebcrlcguug ausschließende Vorstellung von religiösen Dingen, welche zur blinden Verwerfung und Verfolgung alles dessen führt, was mit derselben wirklich oder vermeintlich nicht im Einklang fleht. Der Fanatiker befindet sich mehr oder minder in einen: krankhaft aufgeregten Zustande, in welchem die Herrschaft des klar erwägenden Lerslandcs zurückgedrängt ist. Er haßt und verfolgt die ihm nichtsympathischen Meinungen und Personen entweder, weil er sich und sein Prinzip von diesen bedroht glaubt, oder weil er in deren Bekämpfung und Veruichtung ein Gott wohlgefälliges Werk zu üben wähnt. Das offene Bekenntniß des für wahr Erkannten, die unerschütterliche Treue gegen die Religion, der unentwcgt den-Anforderungen der Religion gezollte Gehorsam, die muthigc Abwehr von Angriffen auf die Integrität der Religion, der tapfere Widerstand gegen Irrlehren, die energische Zurückweisung fremdartiger, der Religion zuwidcrlaufcndcr Einrichtungen, alles dieses kann nicht ׳als Fanatismus bezeichnet' werden. Hier tritt der Mensch unter der Herrschaft dcS wachen'Geistes und klaren Verstandes handelnd auf und entfaltet im Dienste des Höchsten seine edelsten Kräfte, je offener, unerschütterlicher, unentwegter^ muthiger und tapferer er sich erweist. Um Himmelsweiten ist seine ächte, wähle Begeisterung, welche ans dem, reinen Vorne positiver Erkenntniß quillt, von jener falschen Glaubenswuth entfernt, welche in den fanatischsten Ausschreitungen ihre Orgien feiert. Ein Rück- und Rundblick auf die Stellung der Orthodoxie zur Reform wird erkennen lassen, wo Fanatismns und Intoleranz im jüdischen Kreise zu suchen ist. Beginnen wir mit dem Anfang dieses Jahr- Hunderts. Da begegnen wir dem ״Königlich Westfälischen Konsistorium der Israeliten" zu Kassel, jener von Jerome Bonaparte in der Hauptstadt seines nur vier Jahre dauernden Reichs eingesetzten israelitischen Behörde, welche, getreu ihrem Ursprünge, nach napoleonischer Willkür die Zuchtruthe über die ihrem Despotismus unterstellten jüdischen Gemeinden und Rabbinen des jungen und kurzlebigen Königreichs Westfalen zu schwingen wußte. Ein Edikt dieses israelitischen Konsistoriums vom Januar 1809 dekretirte die Einführung einer neuen Liturgie und Abschaffung der alten und untersagte unter schwerer Strafandrohung jede Veranstaltung eines PrivatgottcsdiensteS. Es befahl im darauf folgenden Jahre den Genuß von religionsgesetzlich verbotenen Speisen am Pcßach und forderte von allen Rabbinern bei Strafe disziplinarischer Maßregelung die Befolgung dieses Befehls. Waren die Orthodoxen, welche sich gegen diesen rohen Eingriff in ihr religiöses Gewissen und diese brutalen Erlasse stemmten, die Fanatiker, oder handelte daS königlich westfälische Konsistorium fanatisch, als cS die Orthodoxen zwingen wollte, ihre Religion zu verleugnen und zu verletzen? Und wenn in die Fußstapfen dieses mit dem Untergänge des KönigSrcichs Westfalen entschlafenen, kaum noch in der Erinnerung lebenden, allgewaltigen israelitischen Konsistoriums die ״erleuchteten" Vorstände, die ״intelligenten" Notabeln und die ״aufgeklärten" Geistlichcn traten und jene Acra der Verfolgung des -orthodoxcn Iudcnthums seitens der abgefallencn, verblendeten Brüder anhub, für welche die an so vielen trüben Erfahrungen reiche jüdische Geschichte kaum andere Analogien auszuweisen hat, als die Epochen * des Jcrobcam, der Isebcl und der sadduzäischeu Reform, eine Acra, die noch bis zur Stunde nicht abgeschlossen ist, — wenn, nicht mit Feuer und Schwert, wohl aber mit rücksichtsloser Härte, Strafen und Maßregeluugen der. mannigfaltigsten Art die entartete Tochter des IndcnthumS, die Reform, gegen die Mutter wüthete und fast überall, ganz nach dem Modell des vorhin genannten Konsistoriums, die Regicrungen auf denunziatorische Vorspiegelungen der Reformatoren diesen das. Schwert in Händen gaben, um der Reform mit Polizcigewalt zum Siege zu verhelfenwenn man in Frankfurt die Talmudschulen gewaltsam schließen ließ und die Talmudlehrer der Stadt verwies, in Sachsen-Weimar eine veränderte Liturgie den Gemeinden aufzwang, in Sachsen-Meiningen die Reform durch Gewerbebeschränkung der sich derselben Widerstrebenden durchsetzte, in der Pfalz und in Nassau

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