Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1885)
- Article
- Aus Ungarn
- Date
- 1885-04-23
- Page
- 265 (sequence 1)
- Language
- German
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M ׳דו. Jeschnrun. Ans Ungarn. Geehrter Herr Redakteur! 17. April. Obwohl ich Ursache habe anzunchmcn, daß Sie! alles vermeiden werden, was den Mainzer ״Israelit" in seiner, von einer beneidenswerthen Naivität zeugenden Einbildung, daß der ״Jeschnrun" um jeden Preis mit ihm ״Streit anzufangcn" suche, bestärken könnte, ertaube ich mir doch, Sic um die gefällige Aufnahme gegenwärtiger Zeilen zu ersuchen. Da der ״Jeschnrun" kein Individuum, keine Rechtsperson ist, so fallen die gegen ihn in Umlauf gebrachten Verdächtigungen und fälschlichen Insinuationen selbstverständlich auf jene Personen zurück, welche ihm seine geistige Qualität verleihen, auf seine Mitarbeiter. Nun habe ich die Ehre, ein Mitarbeiter des ״Jeschnrun" zu sein und zwar bin ich einer seiner ungarländischcn Korrespondenten, einer jener berüchtigten Brandlegcr, welche ״nur schüren wollen und den entstehenden Brand zu einem verzehrenden, vernichtenden Feuer anfachen." Ja, ich schäme mich nicht, cs am Hellen Tage zu gestehen, daß ich nach besten Kräften mitgcthan habe an dem Werk, welches der ״Israelit" Brandstiftung heißt, und dieser Umstand verleiht mir ein Recht, Sic, geehrter Herr Redakteur, zu ersuchen, einigen sachlichen Bemerkungen zu dem bewußten famosen Aufruf des ״Israelit" den Weg in die Ocfscntlichkcit zu gewähren. Neben dem persönlichen Interesse jedoch veranlaßt mich auch ein anderes, viel wichtigeres, dem bewußten Ausruf ein paar beleuchtende Worte zuzuwcnden: das Interesse der guten Sache, welche durch die ungeschickte Einmischung des genannten Blattes mehr Schaden gelitten hat, als durch unsere Brandfackeln. Ich muß mit׳ der Neproduzirung zweier Auffassungen beginnen, welche hier zu Laude unter den Unbefangenen und Urthcilsfähigen über den Aufruf des ״Israelit" herrschen, insoweit von demselben überhaupt Notiz genommen wird. Die Einen behaupten, man habe es hier einfach mit einem ״Korteschkniff" zu thun. welcher in diesem Falle so gelungen ausgeführt ist, als ob Schreiber des Aufrufs Gelegenheit gehabt hätte, sich in diesem edlen Sport bei den ungarischen Landtagswahlen zn üben. ES muß zugegeben werden, daß diese Ansicht den Schein der Berechtigung für sich hat. Wenn man bedenkt, welches Interesse dem ״Jeschnrun" in Ungarn von Freund und Feind entgcgcugebracht wird, wenn man sich die nicht hinwcgzuleugnende Tlsatsuche vor Augen hält, daß man in den das öffentliche jüdische Leben beherrschenden Kreisen immer mehr sich gewöhnt, in dem ״Jcschurun" einen sehr maßgebenden Faktor zu erblicken, mit welchem gerechnet werden muß, und der wie kein anderes jüdisches Blatt es verdient^ daß mit ihm in den Fragen des ungarischen Judenthums . gerechnet werde, wenn, sage -ich, - man sich vergegen¬ 265 wärtigt, daß, um von diesen Symptomen zu schließen, der ״Jeschnrun" in Ungarn sich bald eine ausnahmSlose Anerkennung erringen und auch jene Kreise durchdringen wird, in welchen das Wohlgefallenam Platten und Unbedeutenden ihm derzeit noch theilwcise die Thüren verschlossen hält — dann kann man über diese Ansicht wenigstens nicht unbedingt den Stab brechen, was man aus Achtung vor dem Namen des Herausgebers des ״Israelit" zu thun sich gedrungen fühlt. Nolens volens wird mau in seiner Loyalität erschüttcrt und muß in dem famosen Aufruf einen mit Honigsüßen Redensarten überzuckerten Köder erblicken für diejenigen, deren abnormer Gaumen noch einen -Reiz für solche sadc Kost empfindet. Aber unsere Achtung vor dem Namen Lehmann ist größer als diese Verlockung. Wir können trotz aller Wahrscheinlichkeit nicht glauben, daß Herr Di׳. Lehmann fähig ist, in einer so heiligen Angelegenheit sich von einem andern Motive leiten zu lassen, als von der lautersten Liebe für die Sache und weisen einen solchen Verdacht zurück. Wir bekennen uns vielmehr zur andern Version, daß nämlich -Herr Di׳. Lehmann bona, fide gehandelt und seinen Aufruf in dem verzeihlichen Jrrthum ergehen ließ, damit etwas Ersprießliches zu bewirken. In diesem Falle aber können wir uns der Frage nicht enthalten: wozu diese häßliche und, wie wir beweisen werden, im höchsten Grad lächerliche Anschwarzung der Andersmeinenden? — Wenn Herr Di־. Lehmann wirklich meint, daß ein jüdisches Blatt sich heutzutage noch in demselben Geleise bewegen darf, wie vor fünfundzwanzig Jahren, als er den ״Israelit" gründete, so ist das seine Sache; wenn .er es vorzieht, behaglich hinter dem warmen Ofen zu sitzen und — wenigstens gegenwärtig — nicht Theil zu nehmen an der Lösung der Lebensfragen, welche die ungarische Judenhcit bewegen, so thue er eS in Gottes Namen, nnd wir haben ein herzliches: ״Wohl bekomms!" für ihn. Aber dann bleibe er auch konsequent zu Hause und erschwere nicht den beherzten, opferfreudigen Männern durch zeitweilige kleinliche AuSfälle ihr ohnehin schweres, edles Werk! — ' Doch, es ist Zeit, uns die Frage näher anznsehen, gegen wen sich denn eigentlich die erhobene Anklage vorsätzlicher Schürung und Verhetzung wendet. Um die völlige Ridikülität derselben zu beweisen. Der Aufruf selbst enthebt uns des längeren Nachdenkens über diesen Punkt, denn cS. heißt ja dort ziemlich unzweideutig: .,die Zeitungen" :c. — Wahrlich, es.fällt schwer, sich des Lachens zu enthalten! Der ״Jeschurun" sollte den ungarisch.:jüdischen Angelegenheiten gegenüber eine .so energische Haltung angenommen haben, nur um sichdas Gaudium des ״Schürens" zu verschafsen, um des ״׳Schürens״ selbst willen! Aber, lieber Himmel, daS wäre ja ein gar kostspieliges Vergnügen! Ich, bin kein