Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-04-23
- Page
- 264 (sequence 3)
- Language
- German
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264 der Baronesse hatte ihm;»geschworen, daß Fräulein Reizenstein ihre Geschwister längst verlassen. Wo sie sich seitdem aushalle, vermochte sie ihm nicht anzngcben. Dem alten Jean, ehedem der Vertrante seiner l'iebc, war kein Wort zu erpressen. — Wo mochte Irene weilen? — Wiederholt war er in der ׳Wohnung ihrer! Eltern gewesen, nie war er vorgelasscn worden; bald! hieß cs, die Herrschaft wäre verreist, bald war sie in ׳ der Stadt, doch nicht daheim; über Irenens Aufenthalt vermochte er keine Silbe zu erfahren. — Und abermals war er im Palais Neizenstein gewesen, so nannte der Bolksninnd spöttelnd und doch richtig bezeichnend das Prachtgebände, das die Familie des Großhändlers bewohnte. -- Die Familie war verreist, hatte er abermals vernontnien. Doch der alte Jean hatte ihn so mitleidsvoll angeschaut; jammerte ihn der sichtliche Verfall des jungen Mannes, den seine Herrin geliebt? — Näheres hatte er sich trotzdem nicht entlocken lassen. In verzweislnngSvoller Stimmung schritt er die Marmorstnfen hinunter, die ans dem Prachtgebände zur Gasse führte, als er seinen Namen rufen hörte. ״Herr 1)1׳. Lilicnthal! Herr Dr. Lilienthal!" Er wandte sich um. der Eigenthnmer des Nachbar- Hauses, Herr Jnstinian Lcvi, schritt, ans seiner Wohnnng kommend, die Stufen hinunter, direkt auf den jungen Mann zu. Lilienthal, obgleich durchaus nicht in der Stimmung, sich mit dem als redselig bekannten Herrn zu unterhalten, konnte ihm doch nicht wohl answcichen. ״Wie steht das Befinden, lieber Herr Doktor? habe zu meinem aufrichtigen Bedauern vernommen, daß Sic zuweilen leidend seien. Müssen sich die Sache nicht all zu sehr ui Herzen nehmen, müssen sich als Philosoph in'S Unvermeidliche fügen." Dr. Lilicnthal murmelte einige unverständliche Worte, während er an der Seite des thcilnchmenden ManncS die Straße entlang schritt. ״Muß Ihnen offen gestehen-," fuhr Herr Jnstinian Lcvi fort, ״muß Ihnen offen gestehen, daß ich meinen Freund Neizenstein nicht verstehe. Habe selbst Ihre Angelegenheit befürwortet. — Sic wissen gar nicht, was für einen guten Freund. Sie an mir haben,— habe mit Neizenstein gesprochen, habe ihn! vorgcstellt, daß man heutzutage nichts Besseres thnn kann, als den Kindern den Willen lassen — denn warum? — thut man'S nicht, kommt man aus dem Acrgcr und Verdruß nicht heraus, thut man'S, ja — voickommen kann es freilich auch, daß cs 'n mal schief geht, aber gewöhnlich gcht'S gut, gebe Ihnen mein Wort darauf. Bin auch überzeugt, Neizenstein wird es noch bereuen, daß er mir nicht gefolgt. Denn warum? Sie haben Ihr Brod und das Jrenchen hat Sie gern gehabt, mit ihrer Mitgift hätten Sie ein schönes HanS auSmachen können. Während so — verdienen kann der Brandensee keinen Kreuzer, haben — er hat nichts als Schulden — die wird der Neizenstein vor Allem zahlen müssen und dann weiter — freilich ist der Brandensee Graf, und das Jrenchen wird eine schmucke Gräfin abgebcn — aber Geld wird daS kosten — ich sage Ihnen, heidenmäßiges Geld. Doch was ist Ihnen, bester Freund? um Gottcshimmclwillcn, Herr Doktor! was ist Ihnen?" — Der letzte Blutstropfen war aus dem Angesicht des Doktors gewichen; inmitten der Straße stehenbleibend, hatte er seinen Begleiter am Nockkragen gefaßt und schien, nach Athem ringend, keines Wortes fähig. Herr Jnstinian Lcvi ward ernstlich beunruhigt, er wollte Hülse rufen, war eben im Begriff, eine vorüber׳- fahrende Droschke herbei zu winken, als der Doktor sich zu erholen schien. ״Lassen Sie — lassen Sie," flüsterte er abwehrend. ״Fühlen Sie sich jetzt besser, lieber Doktor? — Aber was ist's denn gewesen? — Habe ich doch gemeint, der Schlag soll entweder Sie oder mich treffen, als ich Sic so gesehen habe." ״Irene —," flüsterte der Doktor mit Anstrengung, ״was haben 'Sie von ihr gesagt?" ״Ja so, das war's. — Dummer Kerl, der ich bin, hätte mir's denken können, daß Sie darüber nicht gerne sprechen." ״Aber — Irene — was haben Sie von ihr gesagt?" ״Was ich von ihr gesagt habe? — nichts Böses, bester Freund. Schön ist das Mädchen, das muß der Neid ihr lassen, und ich habe gesagt, daß sie eine schmucke Gräfin sein wird, wenn sic den Grafen Brandensee heirathet." ״Hcirathen —," stammelte Lilicnthal, ״Irene den Grafen heirathen?" ״DaS haben Sie nicht gewußt? — Ja dü lieber Gott, dann versteh' ich's freilich, warum Sie so ausgeschaut und mich so angepackt haben. ־— Armer Freund! Aber unbegreiflich ist's mir, daß Sie das noch nicht erfahren haben. Schon gestern sind die Verlobnngskarten hcrnmgeschickt worden." ״Verlobnngskartcn!" schrie Lilienthal auf. ״Aber ich wcrde'S nicht zugeben, daß sic einen Anderen heirathet, ich werde Einsprache erheben." Hastig wandte er sich und schien den Weg, den er gekommen, zurückeilen zu wollen. Herr Jnstinian Levi hielt ihn zurück. (Fortsetzung folgt.)