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Jeschurun · 1885-04-23 · Heft 17 (23.4.1885) · p. 263

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 17 (23.4.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-04-23
Page
263 (sequence 2)
Language
German
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263 wie sein Leben fristen? — Die kleine Baarschast, über die er verfügte, reichte kaum für wenige Tage und überdies bcuöthigte er dringend ein anständiges Obergcwand; in dem zerschnittenen Kaftan konnte er sich nicht weiter sehen lassen. — Nahezu verzweifelnd warf er sich in einen Sessel und ächzte laut. Was konnte er beginnen? Wie lange er rathlos so gesessen er wußte cs selbst nicht. — Doch plötzlich kam ihm der Gedanke, daß dieses Mißgeschick eine Strafe seines Frevels, daß cs ihm möglicherweise vergönnt sein dürfte, durch dieses Mißgeschick jenen Frevel zu sühnen, und verschwanden war sein Kleinmuth, mochte ihn ׳ treffen, was Gottes Vaterliebe über ihn verhängt, er wollte cs freudig ertragen. Und nun wußte er auch ohne weiteres darüber zu sinnen, was er beginnen sollte, mußte. Vor Allem öffnete er seinen Handkoffer, nahm die Gcbetriemen heraus, wand sic um Arm und Stirn und verrichtete das Morgcngebct mit einer Innigkeit, einer Andacht, die er ehedem selten empfunden. ' Dann begab er sich zu dem Besitzer des Gasthauses, zeigte ihm den Kaftan, den freche Buben unterwegs zerschnitten haben mußten. Daß in demselben Werthpapierc sich besuuden, erwähnte er nicht, ersuchte jedoch den Wirth, ihm anzugeben, bei wem er seine goldene Uhr verkaufen und ein anständiges Obcrkleid einkaufcn könne. Der Wirth hatte Mit leiden mit dem Geraubten, dessen ganzes Auftreten ihn trotz des itnniodernen Gewandes außerordentlich gesiel; er war ihm gern bchülslich, seine Uhr, der einzige Wcrthgegenstand, den er gegenwärtig besaß, zu veräußern und sich anständige Kleidung anzuschaffen. Die Baarjchaft, die ihm blieb, wenn auch sür kurze Zeit ausreichend, war sehr gering. Er mußte sosort, und zwar zum ersten Mal im Leben, daran denken, sein Brod zu erwerben. Er hatte sich mit dem Wirth in ein Gespräch eingelassen, und als dieser erfahren, daß er selbst noch nicht wußte, wie sich vurchbringcn, machte dieser ihm den Vorschlag, als Kellner bei ihm cinzutrcten, da er vor wenigen Stunden den jungen Mann, der ihm bisher gedient, auf groben Unredlichkeiten ertappt und demselben gekündigt habe. Lewinski war überrascht von diesem Anträge. ״Ich fürchte,' ich werde zu ungeschickt sein, Ihre Gäste zu bedienen," sprach er zögernd. ״Versuchen wir's," entgegnen der Wirth. '״Sic sehen durchaus nicht ungeschickt aus,׳ und. überdies Landsleute von Ihnen verkehren häusig bei mir; es kann denselben nur angenehm sein, von Ihnen bedient zu werden." ״Eine derartige Beschäftigung ist mir vollkommen fremd — ich weiß in der That nicht, ob ich Sie befriedigen würde. Indessen, wenn Sic den Versuch wagen wollten, ich wäre bereit. Doch ich muß Sie noch daraus aufmerksam machen, daß ich am Sabbath kein Geld in die Hand nehme,, nicht schreibe, überhaupt keine Arbeit verrichte." ״So? Sie gehören zu den Frommen? Na, mir kann'S recht sein. Gaste bedienen dürfen Sie doch, und sür's Geldnehmen findet sich schon ein Anderer. — Hätte der Andere nur auch keines genommen. — Aber wclin's so ist, werden Sie auch bei mir nicht zu Mittag essen wollen. — Na, in der nächsten Straße ist eine jüdische Garküche, dorthin könnten Sie immer gehen." Sie waren bald handelseins geworden; der Posten, der Ignaz angetragen war, war zwar ein sehr untergeordneter, wenig lukrativer, dennoch glaubte er, ihn nicht zurückweiscn zu dürfen. Hatte er doch im Augenblick keinerlei Aussicht auf anderweitigen Verdienst. UeberdieS handelte es sich nur um einige Monate. Gegen Ende des Sommers mußte ° er nach N... um dort den Vater zu treffen. O, wie sehnte er sich danach! — F il IIfzehI, tcs Kapitel. Das Befinden des Herrn Di׳. Lilienthal fing an, seine Freunde ernstlich zu beunruhigen; sein ehedem so frisches, blühendes Aeußere verfiel zusehends, denn er liebte das Mädchen, dem er Treue geschworen, aufrichtig, und Wochen waren vergangen, seit er ihren letzten Brief erhalten, in dem sie ihn aufgcfordect hatte, sic zu befreien, sie zu erlösen, sie zu führen in sein trautes Heim. — Er hatte ihr sofort geantwortet, daß er zu jeder Stunde bereit wäre, ihrer ihn so überaus beglückenden Aufforderung zu entsprechen. Nur möge sie Zeit und Ort bestimmen, wann und wo er sie treffen könne. — Von Tag zu Tag hatte er der Antwort geharrt, und ans den Tagen waren Wochen geworden, aus den Wochen Monate, und noch hatte ec keine Zeile wieder von ihr gesehen, keinerlei Nachrecht über sie erhalten. — Brief über Brief hatte -er an sie gerichtet und abgesandt; ob sie auch nur Einen empfangen? — er wußte es nicht.— Warum schwieg sie so hartnäckig, sie, die ihm doch die höchsten Beweise ihrer Neigung, ihrer Leidenschaft für ihn gegeben? — Daß sie seiner vergessen, war undenkbar; schweres Leiden oder die Rancune ihrer Umgebung mußten ihr das Schreiben unmöglich machen. Und so verzehrte ec sich in Angst und Unruhe, in namenloser Sehnsucht. nach der Geliebten. — Wiederhvlt-hatte er sich an ihre Eltern gewandt, Ln den verzweislungövollsten Worten um Nachricht über ihre Tochter gefleht; auch diese Briefe waren unbeantwortet geblieben. — Er hatte sich den Zutritt zu Schloß Wilkenstein erkauft, die reich beschenkte Zofe

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