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Jeschurun · 1885-04-16 · Heft 16 (16.4.1885) · p. 248

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 16 (16.4.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-04-16
Page
248 (sequence 3)
Language
German
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248 gestiegen. Lewinski statte es nicht gewahrt, er schlummerte ruhig weiter. ״Der Jude schläft wie ein Mnrmelthier," demerkte spöttelnd der eine der Burschen, ״ich glaube,! mau könnte ihm seine Seitenlocken, Peies nennen sie die Inden, abschneiden, ohne daß er erwacht." ״AVer er hat ja gar keine Locken," lachte der Andere. ״Nicht?" fragte verwundert der Erste, indem er dem Schläfer unter den Hut guckte, ״aber das ist doch kurioS, ein polnischer Jude ohne Peies, das ist ja gerade wie ein Hahn ohne Kamm. Und Schade ist's, ich hätte sie ihm abgeschnitten, ohne daß er's gemerkt hätte, das rväre ein Hauptspaß gewesen." ״Wer weiß, vielleicht haben die Leute, die vorhin ausgestiegen sind, sic ihm abgeschnitten — sic haben arg gelacht." ״Verfluchte Kerls die, daß sie uns den Jux verderben." ״Hat nichts aus sich, wir können uns schon 'neu andern machen. Wenw der so fortschnarcht bis zur nächsten Station, schneiden wir ihm, bevor wir aussteigen, ein Stück von feinem langen Nock ab." Der Andere lachte hell auf. ״Das wird ein Kapitaljnx! es geht doch nichts über einen Schneidergesellen. Hast Du denn eine Schecrc bei Dir?" ״Freilich stabe ich eine," und er zog ein recht ansehnliches Exemplar aus dem Ranzen. ״Mit der wird's gehen, und hinterdrein schicke ich ihm eine Rechnung, weil ich ihm seinen Rock modernisirt habe." Beide lachten und trieben noch mancherlei Kurzweil mit dem arglosen Schläfer; doch nahmen sic sich weislich in Acht, ihn nicht zu erwecken, denn sie wollten sich den geplanten Kapitaljux nicht entgehen lassen. ' Als die Lokomotive gepfiffen und die Wagen langsamer rollten, that der Schneidcrgcselle einen kühnen Schnitt und triumphirend hielt er nahezu ein Drittel eines abgeschnittencn Rvckschooßes in die Höhe. Die wackeren Bursche schüttelten sich vor Lachen, da regte sich der Schläfer,, rasch entschlossen schleuderte der Held der Scheere seine Trophäe aus dem osfensteh'enden Fenster. Wenige Minuten darauf hielt der Zug, höflich grüßend verließen die Bursche den Wagen. Durch die geöffnete Thür des Koupee'S zog die Nachlnft erkältend herein, Lewinski öffnete auf einen Moment die Augen, erwiderte schlaftrunken den Gruß, dann schlief er sofort wieder ein. DaS Ziel seiner Reise konnte er erst gegen.Morgen deS kommenden TageS' erreichen, der Waggon wurde bis dahin nicht gewechselt, er konnte mach dieser Richtung hin unbesorgt sein. ׳ Ununterbrochen schlief er die ganze Nacht hindurch, und als er gegen Morgen auf der letzten Station erwachte, fühlte er sich wunderbar erfrischt und gestärkt.' So hatte er lange nicht geschlafen, trotz der weichen Betten daheim, wie auf der Holzbank im Eisenbahnkoupee dritter Klasse. — Eben kam der Kondukteur, das Billet abzufordcrn und ihm mitzntheilen, daß er in wenigen Minuten anssteigen müsse. — Lewinski nahm das Handgepäck, das Einzige, das er mit sich führte, anS dem unter dem Plafond des Waggons ausgespannten Netze, dann zog er das Portefeuille ans der Tasche, nach dem Stand seiner Kasse zu sehen. Sein Vorrath an Gaargeld ging zur Neige; im Hotel mußte er sofort seinen Kaftan auftrennen, um sich mit Geld zu versehen und dann auch wieder mit moderner Kleidung. Es war bereits Tag als er den Waggon verließ und auf eine Droschke;uschritt, die ihn in ein Hotel führen sollte. Staunend gewahrte er, daß alle ihm Begegnenden mit seltsamer Aufmerksamkeit betrachteten, von Kopf zu Fuß ihn musternd. Einige lächelten, manche lachten sogar. Er fühlte sich unangenehm berührt durch dieses Gebühren, doch im Grunde war es erklärlich, die russisch-jüdische Tracht war hier nicht gebräuchlich. Erst in der Droschke fühlte er sich wieder behaglich. — Er hatte den Droschkenkutscher gebeten, ihn zu einem anständigen Hotel zu fahren, unmnthig gewahrte er jedoch, daß die Droschke vor einem äußerst unansehnlichen Gasthofe hielt; dennoch stieg er aus, und ließ sich ein Zimmer anweisen und abermals gewahrte er, wie die Hausleute ihn neugierig betrachteten, die Mägde kichernd. Das sollte bald ein Ende nehmen. Rasch eilte er die Stiegen hinan, die zu dem ihm bestimmten Zimmer führten. Vor Allem schloß er die Thur, schob den. Nachricgel vor und nun warf er hastig den Kaftan ab, um die in demselben eingenähten Werthpapiere heraus zu trennen. Doch ein Schrei des Entsetzens entfuhr seinen Lippen, sein Rock war zerschnitten, und gerade jener Theil, in dem die Papiere emgenäht gewesen, fehlte. — RathloS stand er da, vollständig mittellos im fremden Lande. — Was sollte er beginnen? — Er war beraubt worden, sollte er zur Polizei eilen, die Anzeige zu erstatten? — Seinen Paß hatte er bei sich, doch er war nicht eigentlich seiner — an der Grenze hatte man ihn freilich revidirt — doch unter Alexanders Beistand hatte er Haut und Haar gefärbt, und er hoffte auch hier keinen Anstand damit zu haben. Doch sein Paß lautete: Moses Person, Bedienter bei . Abraham Lewinski in B.... (Fortsetzung folgt.)

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