Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-04-16
- Page
- 247 (sequence 2)
- Language
- German
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247 bei der Behörde zu erstatten: das hatte Lewinski jedoch nicht zugegeben, denn er verhehlte sich nicht, daß eine derartige Anzeige den betreffenden Angeber möglicherweise gefährden könne. ÄlS er in der Mittagsstunde das Gebäude des Polizeipräsidiums, dem er die Mittheining von dem geplanten Attentat erstattet, verließ, gewahrte er einen äußerst intelligent anstehenden Herrn, der ihn zu bcobachten schien, wenigstens glaubte er zu bemerken, daß ihm derselbe bis in die Diafjc fciitrr Wohnung gefolgt. — Der junge Mann, der dem Hofmeister des Grafen Orivffski den Brief des jungen Lcwinski hatte übergeben sollen, kehrte nicht, wie erwartet worden, am Abend desselben Tages heim, er kam erst am folgenden Morgen. Herzkow war nämlich verreist gewesen, er hatte ihm erst am Abend die Warnung seines Freundes einhändigen können. — Der junge Mann brachte auch in einem geschlossenen an Herrn Abraham Lewinski adrcssirtcn Kouvert die Antwort des Hofmeisters. Sie enthielt nur ein Wort ״Denunziant". Bierzchntes Kapitel. 9n einem Eiscnbahnconpcc dritter Klasse des Zuges, der von G.... nach Br.... fuhrt, herrschte lebhafte Unterhaltung; drei Viehhändler, ein Volksschnllehrer und zwei Studenten erörterten cifrigst die Tagcssragcn und waren selbstverständlich der verschiedensten-Meinung. Jeder verfocht seine Ansicht mit ebenso viel Eifer als vermeintlicher Sachkenntniß und schien cs zuweilen, als ob sic ihre Ansichten auch handgreiflich zu vertreten bereit wären, als ob die Vermittelung eines Unparteiischen dringend erforderlich. In einer Ecke dieses Koupce's befand׳ sich noch ein Passagier, der an der Unterhaltung der Uebrigen keinen Anthcil nahm. Es war ein. junger Mann im dunkeln, eng anschließenden Kaftan. Den brcitkrämpigen Hut tiefin die Stirn gedruckt, hatte er das Haupt zurückgelehnt, die Augen geschlossen. Doch' er schlumvierte nicht, sein Blick war nach Innen gerichtet. Es war Ignaz Lcwinski, der seit nahezu sechsunddreißig Stunden sich unterwegs befand. Er halte die deutsche Grenze bereits überschritten, sein Paß war bereits anstandslos rcvidipt worden,׳ das Schwierigste schien bereits überwunden und dennoch war es nicht freudige Hoffnung, die des Jünglings Herz erfüllte, dennoch war er- 5» Tode betrübt — denn mit* zermalmender Zchmerc lastete die Erinnerung an die jüngst verflossenen Monate auf seiner Brust. — Sein Vater hatte ihm verziehen, er wußte es. und dennoch,׳ dennoch, er konnte die innere Stimme, die ihn anklagte, nicht zum Schweigen bringen. Die aufrichtigste Rene vermochte die Mutter nicht zu erwecken, der sein frevelhaftes Thun das -Herz gebrochen — und wie hatte er gefrevctt! — Er hatte die Heimath verlassen gegen den Willen der Eltern, er hatte den Sabbath entweiht, hatte die Spciscgcjctze nicht beachtet, hatte gegen die Obrigkeit konspirirt, hatte blindlings Alles vollsnhrt, was die Führer seiner Partei ihm anfgetragen. Hatte er sic doch für unfehlbar gehalten und jetzt erst erkannte er cs, wie oft hatte persönliche Gehässigkeit, gemeine Nachsucht ihre Befehle diktirt, und schließlich hatte er sich sogar zu dem schwersten Verbrechen bereit erklärt. Schaudernd erkannte er den Abgrund, an dessen Abhang er leichtsinnigen Herzens gewandelt. Zwar er bereute, er bereute ernstlich und aufrichtig. — Doch konnte Neue solche Frevel sühnen? — durfte er je auf Gottes Verzeihung hoffen? — Wilder, immer wilder tobte der Mahner in seiner Brust, ihm war, als stocke sein Herzschlag, der Athem versagte ihm. Unwillkürlich griff er nach dem Herzen, unwillkürlich zog er ein Buch aus der Brnsttasche, das Alexanders brüderliche Viebe im letzten Moment ihm in die Hand gedrückt. — Es war ein kleines Buch in schwarzem Lederband mit hebräischen Lettern. Ohne zu wissen was er that,. schlug er es auf; seine Augen, die bisher geschlossen waren, öffneten sich und sielen auf folgende Worte: ״Er. der Allbarmherzige, vcrgiebt die Sünde und vertilgt nicht, Er hält oft Seinen Zorn zurück und läßt nicht Seinen Grimm erwachen. Entziehe uns, Herr! Dein Erbarmen nicht; Deine Huld und Deine Treue mögen uns fortwährend beschützen! Hilf uns, Herr unser Gott- und sammle nns aus den Völkern, um' Deinem heiligen Namen zu danken, um Deines Lobes uns zu rühmen. Wolltest Du, Gott und Herr! unsere Sünden uns anrechnen, wer könnte da bestehen? Doch bei Dir ist Verzeihung, auf daß man Dich ehrfürchte. Nicht nach unseren Sünden verfährst Du mit uns, vertilgst uns nicht nach unseren Verbrechen." — Und er las es zu Ende, das ganze,' herrliche Gebet, und stiller, sanfter ward's in seinem Herzen, leichter hob sich seine Brust. — Er hatte, seit er die Heimath verlassen, nicht geschlafen, seit sein Vater ihn ans jenem entsetzlichen Traume erweckt, auch nicht ans einen Moment die Augen zum Schlummer geschlossen. — Er hatte das erwähnte Gebet beendet, seine Lippen flüsterten leise den Schlußsatz: ״Höre Israel, der Ewige, Dein Gott ist ein einziges, ewiges Wesen." Dann schlossen sich seine Augen, und sanfter, tranmloser Schlummer umfing ihn. Seine Reisegefährten, jene cnragirten Politiker, hatten an verschiedenen Stationen das Koupee verlassen: zwei Handwerksbnrschen waren statt ihrer ein-