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Jeschurun · 1885-04-16 · Heft 16 (16.4.1885) · p. 246

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 16 (16.4.1885)
Article
Die Affaire Rachel Stieglitz
Date
1885-04-16
Page
246 (sequence 2)
Language
German
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246 hier beim Bezirksgerichte wurde mir gesagt, bei Ge-!egenhcit eines abweislichen Bescheides, ״in ein solches Bicnenncsi sei nicht gut zu stechen." *?lach unzuverlässigen Nlitthcilnngcn soll meine Tochter im Kloster Sakrament in Hemberg sich unshalten und wäre ein Dominikaner-Pater direkt dorthin gereist, 11m ihre Bekehrung zu besorgen. Wir bekommen sogar wiederholt Briese von meiner Tochter, bald ans Wien, bald aus Paris und Warschau, mit ihrer eigenen Handschrift, aber der Inhalt ivird ihr augenscheinlich von jemand?Fremdem diktirt. Die Briefe gehen gewöhnlich längere Zeit ans dem Wege. Namenlos schmerzt cs uns, daß unser braves, wohlerzogeoes Kind systematisch cingelernt wird, Vater und Mutter zu betrügen. Die Gesundheit meiner armen Frau wurde durch den erschreckenden Fall derart erschüttert, daß die Acrzte ernstliche Besorgnisse für ihren Geistesznstand hegten, und sic siel für längere Zeit aufs Krankenlager. Erbarmen׳ sich Euer Wohlgeboren meiner 1111׳ glücklichen Familie, wenden Sie alles Mögliche an, um unser uns gewaltsam entrissenes Kind in unsern Familicnskreis zurückznbringen. ׳ Hochachtungsvoll H. Morgenstern, Handels--und Knnstgärtncr in Krakau." lieber den Inhalt dieses Briefes, der schier nnglanblich ist, habe ich bei hervorragenden Männern in Krakau, Personen in Stellung, Gemeinderäthen, Erkundigungen eingczogcn, und die Angaben ivurden mir nach allen Richtungen bestätigt. Der Herr Pater Eberhard erklärte im ״Ezas". daß er Rachel Stieglitz lediglich gegen den ״jüdischen Fanatismns" der Eltern in Schutz nehme; um so eher sollte er bereit sein, die Emma Morgenstern ihren christlichen Eltern wiederzugeben. Ich habe diese neueste Affaire Sr. Exzellenz dem Herrn Instizminisier mündlich unterbreitet und die beruhigendste Versicherung erhalten, daß auch in dieser Angelegenheit bereits die gerichtliche Untersnchung im Zuge ist. Ich konnte aber nicht umhin, nochmals und mit allem Nachdrucke zu betonen, das; die unglücklichen Eltern nicht in der Lage sind, etwaige Aenßernngen dieser der Freiheit beraubten, dem Einflüsse der Kloster-Oberinnen, unter deren Schutz sie stehen, völlig ansgelieserten Mädchen, welche ans Befehl nicht blos jeden beliebigen Brief schreiben, den man ihnen diktirt, sondern auch mit beliebiger Orts- und Zeitangabe versehen, als freie, unabhängige Willensmeiunngen anznerkenncn. Sie fordern, daß man vor Allem ihren Kindern die Freiheit wicdcrgiebt, sie in das elterliche HanS zurückführt, sie verlangen die Ausführung des § 145 des A. B. G. B. Herr Pater Eberhard erklärt das in jüdischen Schriftzeichcn von Rache! Stieglitz ihren Eltern zugemittelte Schreiben für apokryph, meine Angabe, daß er das Mädchen wiederholt bei ihm befreundeten und ergebenen Familien untergebracht hat, für eine Unwahrheit. Ich meinerseits glaube hierüber genau informirt und berechtigt zu sein, die meinen Mitthcilnngen zugeschleuderten Adjektive ihm selber znrückzugeben. Allerdings die Einzige, welche über all diese mysteriösen Vorgänge volle Ansklärung zu bieten und Zcngenschast abznlegcn in der Lage wäre, befindet sich dermalen in einem Käfig, von wo ans sie ihre schützenden Fittige über den Herrn Pater' Eberhard ansbrcitet. In ihren ״Briefen" an die Eltern beschwört sie dieselben, ihren liebevollen Wohlthäter nicht zu ״versolgen" und sie führt seine Bertheidignng mit einer ausfallenden Beredtsamkeit. Allein die Thatsache, daß man dessen ungeachtet sich scheut, ihr die Freiheit wiederzugeben, durch allerlei Knnstgrisfe die behördlichen Organe über ihren Auf- -enthalt irre zu leiten sucht; daß sie selbst im Klosterhinter Schloß und Riegel nicht sicher genug scheint, sofort anderweitig untergebracht wird, wenn cs den Bemühungen der Eltern gelang, ihren Ausenthalt;11 entdecken, läßt eine andere Erklürnng absolut nicht;11, als daß man ihr entweder zu niißtrancn Ursache hat oder für den Fall ihrer gerichtlichen Einvernahme mancherlei Mittheilnngen und Enthüllungen fürchtet. Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit verfolgt die öffentliche Meinung den Verlauf und den endlichen Ausgang dieser beschämenden Prozesse, und wir hegen die Zuversicht, daß dem bernnrnhigten öffentlichen Gewissen Genngthmmg wird. Wien, am 8. April 1885. Dr. Bloch, NeichSraths'-Abgeordneter. Nihilismus und Iudenilium. Bon Friedrich Nott. (׳.Mc Rcchtc vorbclialtcii.) ׳ (Fortsetzung.) Doch er durfte sich seinem doppelten Schmerze nicht allzu lange überlassen; die Tranerwoche war vorüber, das Komtor war wieder geöffnet, das Leben forderte gebieterisch seine Rechte. Alexander hatte dafür gesorgt, daß einer der zuverlässigsten ihrer Leute das bereits erwähnte Schreiben an Hcrzkow beförderte; er hatte den bestimmten Auftrag erhallen, cs dem Adressaten eigenhändig zu übergeben. Alexander ׳hatte sich auch crbotm, die bewußte Anzeige

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