Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1885)
- Article
- Die Affaire Rachel Stieglitz
- Date
- 1885-04-16
- Page
- 245 (sequence 1)
- Language
- German
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245 |11r Wirt W>el Ztirglitz. Die ״N. Fr. Pr." bringt folgende Zuschrift: ׳ Löbliche Redaktion! Mehrere polnische Journale, unter ihnen vornehmlich der ״Krakauer CzaS", vcröffentlichen, vcrmuthlich aus der Feder des I\ Eberhard, über die Vorgänge und die Ursachen der bekannten Aff'aire Stieglitz eine Darstellung, welche nach der Bcthcuernng des Chicl Stieglitz der Wahrheit widerspricht, aber wohl geeignet ist, in den Gang der gerichtlichen Untersuchung hemmend cinzugrciscn und die öffentliche Meinung und ihr Urtheil irrezuführcn. Da jene Journale jeder von dem Vater des gcraubten KindcS ausgegangenen Berichtigung, in welcher Form immer, beharrlich die Aufnahme verweigern, der Appell an die redaktionelle Loyalität in Krakau keine andere Wirkung erzielt, als die Berufung auf die einschlägigcn Bestimmungen des österreichischen Prcßgcjetzes, welches bei der weiten Wanderung von Wien nach Krakau seinen starken Stachel und seine zwingende Schärfe cingebüßt zu haben scheint, so wende ich mich an Sie, verehrter Herr Redakteur, um die Veröffcntlichung nachstehender Bemerkungen: Trotz der von den Eheleuten Stieglitz bei Gericht mehrfach abgegebenen und noch neuerdings in meiner Gegenwart vor Sr. Exzellenz dem Herrn Justizministcr bei Gelegenheit einer der Frau Stieglitz bewilligten Audienz wiederholten bündigen Erklärung, auf die religiöse Ueberzcugung des Kindes keinen Zwang ausüben zu wollen, daß sie gegen den vollzogenen Neligionswechsel der Rachel Stieglitz einen Einwaud zu erheben keinen Anlaß finde, sondern lediglich gegen den empörenden Rechtsbruch Klage führe, darüber, daß man gegen alles Naturrecht und gegen alles geltende bürgerliche Gesetz das minderjährige Kind ihr gewaltsam vorenthalte, findet es dennoch Pater Eberhard für gerathen und zweckentsprechend, durch Publikation von allerlei ״Briefen" unzweideutiger Provenienz die Frage immer wieder auf das konfessionelle Gebiet hinüber- Zuspielen, zweifellos, um gewisse TageSstr'ömungcn zu Gunsten des eklatanten Ncchtsbruches zu fruktisizircn, über den nakten Kindesraub den schützenden Mantel populärer Tagcsmeinungen zu breiten. Ich sehe mich darum veranlaßt, eine andere ״Kindergeschichte" zur öffentlichen Kcnntniß ׳zu bringen, welche sich ebenfalls seit ungefähr drei Jahren in Krakau, und zwar im Hanse eines christlichen unbcscholtenen Bürgers abspielt, in dessen ehemals glücklichcs, trauliches und friedvolles Heim die geschäftige Frömmigkeit des Pater Eberhard eine jammervolle Perwustnng getragen hat, von einer Tragik, stir welche nur dem die Empfindung fehlt, dem noch niemals ein süßer Kindesmnnd ״Vater" nannte. Nachstehend gebe ich ein mir von den! Handels- und Knnstgärtncr Herrn H. Morgenstern, wohnhaft in Krakau, Koperniknsgassc Nr. 38,;ngcgangeucs Schreiben wieder, batirt von! 3. April 1885: ״Aus den Zeitungen ersehe ich, wie warm Euer Wohlgcboreu sich der Familie Stieglitz annahmcn, und bei Ihrer bekannten Humanität hoffe ich, da ich!!!ich in einer ähnlichen Lage befinde, daß Sie auch in dem Ihnen weiter darzulcgenden Falle die geeigneten Schritte vornehmen werden, um mir und meiner Frau das Familicnglnck, welches man nnS leider zerrüttet, hat. wiedcrzugeben. Ich bin in der Vaterstadt Luthers in der Provinz Sachsen geboren, evangelischer Konfession, vcrhcirathet, seit 1801 hier in Krakau natnralisirt, habe einen Sohn, welcher jetzt als Studiosus der evangelischen Theologie an der Wiener Universität weilt, und eine Tochter, Emma, geboren im Jahre 1865. Selbe ließ, ich sorgfültigst in einer BildnngsanstalL erziehen; das Unglück wollte cs aber, daß ich sie, damit sie in . der französischen Sprache größere Fertigkeit erlange, im Jahre 1880 in ein hiesiges katholisches Kloster der Barmherzigen Schwestern gab, wo sic die Bekanntschast des Pater Eberhard und des Jesuiten- Vorstehers Langer gentacht hat. Man überredete das Kind, Katholikin zu werden, und wir, ich und meine Frau, suchten dem Kinde diesen Gedanken auSzureden, und es war nnS recht, daß unsere Emma in! Jahre 188! nach Podolien als Gouvcrnante ging. Ein Jahr darauf kam meine Tochter hierher zurück. Allein der Herr Pater Eberhard mußte davon erfahren haben, und er nahm die Bekanntschast mit meiner Tochter wieder auf, und die Folge davon war, daß sic eines Tages, es war am 8. November!882, plötzlich und spurlos aus meinem Hanse verschwand. Mciue Frau begab sich in größter Verzweiflung zu Pater Eberhard, um ihn über den Aufenthalt meiner Tochter zn befragen. Er dehauptctc, davon nichts zu wissen, fügte jedoch hinzu, daß. selbst wenn er cs wüßte, er hierüber keinerlei Mittheilung machen würde, nur das wolle er ihr versprechen, daß er ihrer Tochter Verlangen, zur katholischen Kirche überzntreten, bis znr elterlichen Einwilligung abweisen werde — eine ausfallende Rücksicht, die gegen die Stieglitz'schen Eheleute nicht geübt, und ein Versprechen, welches schließlich auch nicht gehalten wurde. Wir sind wiederholt bei der Polizei, bei der Staatsanwaltschaft und bei dem Bezirksgerichte eingcschritten, allein ohne Erfolg. Er sind nun mehr als zwei Jahre und fünf Monate, seitdem wir unser Kind vergeblich suchen, ja sogar