Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1885)
- Article
- Konfirmation und Judenthum
- Date
- 1885-04-16
- Page
- 243 (sequence 3)
- Language
- German
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243 feiern, so kann man einen AktnS veranstalten. Aber ' zwischen einen Schul-Aktus und einer religiösen Handlung ist doch ein gewaltiger Unterschied. — Und diejenigen, welche privatim die jüdische Lehre erlernen'? Dieselbe Verpflichtung ruht auf ihnen wie ans allen Anderen von der Geburt bis zum Tode. Sie sind Juden, und mit der Zeit der Reife, wo ihr Geist entwickelt genug ist, die Gebote zu begreiscn, die Ausgabe des JudenthnmS zu verstehen, beginnt die Selbst׳ Verantwortung für ihre Handlungen, nicht die Berpflichtnng, welche ihnen schon längst obliegt. Mit dem vollendeten zwölften Lebensjahre begreift sich das Mädchen, — als ,בר מצוד, als Sohn des Gesetzes, der Knabe als selbstständiges, jelbstverantwort-!iches Mitglied der religiösen jüdischen Gemeinschaft, ans Grund der Weihe, welche Gott ihnen als Kindern jüdischer Mütter mit der Geburt gegeben, einer Weihe, welche die einzige istdie der Jude empfängt, da sie die einzig göttliche ist. — Also ist die sogenannte Religionsweihe ein Akt, welchen die Willkür moderner jüdischer Pfaffen dem christlichen NcligionSgcbranch entnommen haben und dem Jndenthnm gewaltsam aufoktroyiren wollen. Es wäre Zeit, dieses Unjüdische ans der jüdischen Gemeinschaft zu verdrängen. Und dieses können am besten die Eltern. Gebt eure Kinder nicht her zu solchem Nonsens! Handelt ihr und helft euch selbst, euch will ich ermahnen; zu den jüdischen Pfaffen zu reden, wäre vergebliche Mühe. Die Griindnilg miks Profeminiirö in Mähren. Wie sollte man nicht eine jede Bestrebung, welche die Förderung der Thorakenntniß zum Ziele hat, freudigen'Herzens begrüßen? Sind wir doch .in der That sehr arm geworden, arm an Wissen und Verständniß für den heiligen Schatz, zu dessen Hüter unser Herr und Meister auch die Söhne unserer Zeit ebenso wohl, wie deren Aätcr und- Großväter bestellt haben will. Wir sollten die treuen Wächter des Kleinods der Menschheit, die mannhaften Träger der Standarte der göttlichen Offenbarung, die begeisterten Herolde des GotteSgcsetzes sein — und wir haben uns Zum Troßbuben eines MarodeurhanfcnS degradirt und zum Pfeifer einer Komödiantentrnppe. Die Insignien unseres königlichen Heeresdienstes haben wir als werthlosen Plunder von uns geworfen und im trunkenen Mnthe uns mit dem ׳ bunten Flitter eines fadenscheinigen PrunkgewandeS bekleidet, das vom Mottenfraß zerstört, vor dem leisesten Luftzug in Staub zerfällt. Der starke glänzende Helm ist uns vom Haupte gefallen, einen Strohkranz flechten wir um unsere Stirn; das sieggewohnte Schwert ist unserm Arm zu schwer, er weiß nur die Pritsche zu handhaben. In unserm Herzen ist es kalt und öde, in unserm Kopfe wüst und leer. Warum? Weil wir unsere Seele verloren haben, weil die Kenntnis; dcS Gottcsgesetzcs von uns nicht gepflegt wird, wir kein Bcrständniß für dessen Inhalt besitzen und wir keiner Begeisterung fähig sind, dafür zu leben, wofür unsere Ahnen ihr Herzblut hingcopfert. Wie war es doch ehedem ganz anders in den mährischen Gemeinden! Sollen wir ein Bild einer noch nicht lange entschwundenen, dem Bewußtsein der Jüngern aber fast gänzlich entrückten Zeit in kurzen Zügen entrollen? ׳)lach Außen Schmach, Druck, Elend und Sorge — im Innern Glück,?Frieden, GcisteShoheit und heitere Seligkeit, dies der Eindruck, welchen der aufmerksame Beobachter aus den mährischen Indengassen empfing. In die enge Gasse gepfercht, aus eine gewisse nicht zu überschreitende Familienzahl beschränkt, in seinem Erwerb beengt, mit Jndeustenern, als: Familienta).-e, Verzehrungsansschlag, Kontribntions- Drittel-Zuschlag schwer belastet, entfaltete der mährische Jude trotz seines äußerlich so bcktagcnswerthen Zustandes ein Leben von aufrichtigster Gottergebenheit,. uugcheuchclter Gewissenhaftigkeit, im eifrigen Studium dcS Gesetzes und in dessen treuer Befolgung. In den fünfzig jüdischen Gemeinden Mährens fand die Thora eine bewunderungstverthe Pflege. Fast überall war dem ernsten Studium eine Stätte bereitet, fast überall fanden sich Männer, die trotz dcS schweren Ringens nach mühseligem Erwerbe Ruhe des Geistes nnd Muße zu gewinnen wußten, um durch emsiges Forschen in den Quellen der jüdischen ReligivnSwissenschaft die Bezeichnung als ״Gelehrte" vollauf zu verdienen. Und das Wissen ging Hand in Hand iuit der That; was als Gesetz und Bestimmung erkannt worden war, das durfte auf unverbrüchliche Erfüllung .zählen. מדרש und מעשה unterstützten und förderten sich gegenseitig; man ״lernte", weil das ״Lernen" hvheS Gottesgebot ist, man ״lernte", um daö Gesetz in vollstem Umfange erfüllen zu können. Und.jetzt — müssen 'wir nicht das Haupt verhüllen .und die Angen beschämt zu Boden neigen ob des schreienden Gegensatzes zwischen Damals und Jetzt? Welchen Anblick hätte die Gegenwart der mährischen Gemeinden zu bieten, wenn auf Grund bet glorreichen Errungenschaft nnd in demselben Geiste der Väter die Söhne unter glücklicheren äußeren Bedingnngcn in das Erbe der Jahrhunderte eingetreten wären! ES ׳ würde eine Aera hercingebrochen sein, deren Herrlichkeit und Größe die Mitwelt Bewunderung und Anerkennung nicht zu versagen vermöchte. Die Lehrstätten waren