Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-04-09 · Heft 14-15 (9.4.1885) · p. 237

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 14-15 (9.4.1885)
Article
Affaire Rachel Stieglitz
Date
1885-04-09
Page
237 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933116-2960517--18372-2960574
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wo mir wahrhaft mütterliche Obhut zu Theil wird. Ich arbeite bereits für meinen Lebensunterhalt, was mich sehr freut, iubcm ich Anderen nicht mehr;uv Vnft fallen werde. Ich habe hier so Manches gelernt, häusliche Wirthschast und gut Deutsch sprechen 1t. dgl. Mm hier werde ich einen guten Posten bei einer großen ' Herrschaft erhalten können. Ich habe bereits anständigc Dinge, ׳Wäsche n. s. w. Ihr möchtet große Freude haben, wenn ihr, thenre Eltern, mich sehen würdet. Ich bitte euch, sowie alle meine Verwandten, daß ihr endlich anfhören mögct, mir durch eure Nachforschungen nach mir Unannehmlichkeiten zu bereiten; denn das Alles wird erfolglos bleiben. Denn wenn ich wollte, wäre ich schon lange zu euch znrückgekehrt. Ich könnte dies sehr leicht thun und habe diesbezüglich völlige Freiheit. Aber mich drängt es, für die katholische Religion bis zum Tode zu leiden. Dies ntöge euch, thenre Eltern, zum Beweise dienen, daß ich nicht in Folge Zuredens, sondern aus eigenem freien Willen Katholikin geworden bin. Ich bitte euch, den Geistlichen (Pater Eberhard) nicht zu verfolgen, welcher, wie ihr nun cinschet, euch gegenüber nichts verschuldet hat und ungercchrerweise von euch verfolgt wurde. Ich hoffe, daß ihr nach diesem Briefe euch beruhigen werdet, indem ihr erfahrt, daß ich mich ganz wohl befinde." Dieser Brief steht in entschiedenem Widerspruche zu jenen Mittheilungen, welche der mit jüdischm Lettern geschriebene Brief der Rachel enthielt. Trotz aller dieser Dinge und trotz der im Reichsrathc cingcbrachtcn Interpellation an den Leiter des Instizntinistcriums, Baron Prazak, hört man noch imnier nichts Näheres über das Eingreifen der Gerichte, die wohl am lcich׳ testen in der Lage 'wären, diesen für die Zustände Galiziens bezeichnenden Fall cmfzuklärcn. (N. Fr. Pr.) Korrcspoildcnzell und Nlichrichtcii.. Deutschland. 0. Berlin, 30. März. Bei der am 26. März abgchaltcnen öffentlichen Sitzung der Stadtverordneten hat sich wieder einmal ein Stückchen Antisemitismus abgespielt. Die Debatte war eine sehr interessante, und deshalb will ich eine ziemlich genaue Mitthcilung über dieselbe cinbringen, welche einem stenographischen Berichte nachgeschricben ist. Der ״Hauptmacher" bei der Geschichte war natürlich der bekannte Herr Pickendach, der ja durch seine treue Anhänglichkeit an den Antisemiten Papst Stöcker zu einer gewissen Ber—ühmtheit gelangt ist. Wenn sein Herr und Meister ruft: ״Allons! Pickcnbach, faß!" dann springt er schnell und apportirt schon ganz geschickt. — Doch min der Bericht: Bei dem Abschnitt ״Höhere Lehranstalten" bedauert der Stadtverordnete Pickenbach, daß der Besuch der höheren Lehranstalten nicht gleichmäßig nach den Bevölkernngsschichten verthcilt sei. Berlins Einwohnerzahl bestehe ans 88 Prozent Evangelischen. 7 Prozent Kathotischen und 6 Prozent Inden. Diese verschiedenen Schichten seien in den höheren Unterrichtsanstaltcn ganz unglcichntäßig vertreten. Statt 68 Prozent Evangelische seien nur 70 Prozent, statt 7 Prozent Katholiken nur 3, aber statt 3 Prozent Juden 24 Prozent. In den höheren Mädchenschulen sei dies Berhältniß noch ungünstiger. Hier gebe es nur 60 Prozent Evangelische, 2 Prozent Katholiken, dagegen 31 Prozent Juden. Bedenklich sei es, daß 61 763 jüdische Schüler die höheren und nur 704 jüdische Schüler die Gemeindeschnlcn besuchten; man solle dafür sorgen, daß die höhere Bildung gleichmäßiger und nicht zum Schaden der evangelischen Bevölkcrnng Berlins oertheilt werde. Gleichzeitig frage er (Pickcnbach) bei dem Stadtschnlrath an, wie cs zugehen konnte, daß an einem Gymnasium in der Prima der Unterricht an einem jüdischen Feiertage ausgefallen sei. — Stadtschnlrath gitrftcnait: Bezüglich der letzteren Anfrage des Stadtverordneten Pickenbach ist mir nichts bekannt. (Stadtverordneter Pickenbach: Friedrichs-Gymnasium!) Sicherlich aber habe der jüdische Festtag dabei keinen Einfluß geübt. In Hinsicht ans die Ausnahme von Schülern bestehe ein ganz bestimmter Modus. Die rechtzeitig znm Schulbesuch Angemeldeten erhielten der Reihe nach Nummern und würden diesen nach je nach der Zahl der freien Plätze ausgenommen. Kleine Rücksichten würden dabei geübt, wenn z. B. Geschwister der Nenanfznnehmenden die betreffende Lehranstalt schon besuchen, wenn sic nahebei wohnen u. s. w.; aber ans die Konfession und Religion sei und werde nirgends und niemals dabei gesehen, so lange er (Fürstenau) mitzusprcchcn habe. (Beifall.) — Stadtverordneter G örcki (Arbeiterpartei) erklärt die Schlüsse des Stadtverordneten Pickenbach für unlogisch. Nicht die NeligionSverhältnissc, sondern die Erwerbs- Verhältnisse hätten Schuld, an der Gestaltung des höheren Schulbesuchs. Die vom Stadtschnlrath Fürstenau angegebenen Gründe zur etwaigen Berücksichtigung bei der Aufnahme billige er nicht; die Rücksichtnahme auf die Wohnung der Schüler sei gleichbedeutend mit der ans die besser-gestellte Klasse. Wenn einer, so verdiene der gerade am meisten Berücksichtigung, der in die Peripherie der Stadt ziehe, um durch billigere Micthe die Zahlung eines theneren Schulgeldes zu ermöglichen. — Stadtverordneter Schwalbe bestreitet die Nichtigkeit der statistischen Angaben bezw. der Realgymnasien. — Stadtverordneter Löwe protestirt dagegen, daß auch^dieser Saal zur Kampfstätte für eine unsittliche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.