Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 14-15 (9.4.1885)
- Article
- Affaire Rachel Stieglitz
- Date
- 1885-04-09
- Page
- 236 (sequence 2)
- Language
- German
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236 iMM’flenommcn, baß man ihr ihre Tochter znrnckgebe: vergebene versichcrlc sie, daß sie ihr Kind, wenn es auch (jln’ifttn geworden, innig zu lieben nicht ansgchört 'nabe, und daß sie dasselbe auch ferner ebenso innig a!o früher lieben werde. Ans die herzbrechenden Klagen der unglücklichen Mutter erwiderte Pater Eberhard, ■ daß ihr nur unter zwei Bedingungen die Tochter znrückm'laiiet werden tonne, und zwar, wenn sie, die Mutter, sich raufen lasse, und dann, wenn der Vater : eine schriftliche Erklärung ausuelle, daß er allen seinen Vaierrechren an sein Kind Nachel Stieglitz entsage. י Und solche Bedingungen werden gestellt in nnserm : Jahrhundert, in einem konstitutionellen Rcchtsslaatc!; Tie T har suche können nur?nmc begreifen, welche mit den Zuständen in Galizien vertrant sind. j Einco Tages erhielten die Eltern von Rache! ׳ Stieglitz einen mit jüdischen Vettern geschriebenen Bries, : rvorin die T.uchtcr ihre Vage im Kloster schilderte und ihrem heißen Sehnen nach Wiedervereinigung mit den ' geliebten Eltern Ausdruck gab. Durch dieses ans ge! Heimen! Wege ihnen zugekommenc Schreiben wurden! die Eltern in Verzweiflung versetzt. Sic faßten nun! den Entschluß, sich direkt nach Nom an den Papst zu! tuenden, ihm die Sachlage darzusiellcn und ihn um j die Zurückgabe ihres Kindes zu bitten. Sic erhielten; zwar aus Rom keinen Bescheid, jedoch wurde, wahr- ' scheint ich in Folge dieses Gesuches, bald darauf der Mutter eine Zusammenkunft mit ihrer Tochter in l^cgcnwan einiger ׳)tonnen gestattet, wobei selbstinT’iianMiih Rachel Stieglitz ihrer Mutter keine näheren Mittheilungcn über ihr Schicksal machen konnte. Einige Zeit darauf erhielten die Eltern von ihrer Tochter einen Brief ans Paris, worin diese mittheilt, daß sic als Katholikin sich ganz glücklich fühle. Man vcrmnlhel aber, daß dieser Brief nach Paris geschickt und von dort an die Eltern derselben nach Krakau gesendet wurde. Man wollte offenbar die Familie über den Aufenthalt ihrer Tochter irreführcn. Seit zwei Jahren wissen die Ellern nicht, wo ihre Tochter sich befindet, x'n Krakau hatte man die traurige Geschichte fast schon vergessen. Doch der Schmerz der unglücklichen Eltern über den Verlust ihres Kindes bewog dieselben, kein Mittel nnversncht zu lassen. Hüls-los, von keiner Seite Unterstützung findend, wendeten sic sich an den Abgeordneten Bloch, der den Vorfall im Reichsralhe wieder vor das Forum.der Ocssentlichkcit brachte. Die Krakauer Klerikalen sahen sich dadurch veranlaßt, die Wahrheit in dieser Afsaire zu entstellen. Der ״Ezas" brachte sofort nach der Interpellation im Reichsralhe eine Notiz, in welcher mitgetheilt wurde, die Ettern der Rachel Sticglitz hätten dirsc mißhandelt, weil sic erfuhren, daß letztere den katholischen Katechismus lerne; Rachel habe in Folge der erhaltenen Schläge das elterliche Hans verlassen. Ferner be- Häuptel der ״Ezas", die Oberinnen der Klöster, in denen sich Rachel befand, hätten den Eltern derselben nie eine Zusammenkunft mit der Tochter verweigert, und der m jüdischen Vettern geschriebene Brief der Rachel an ihre Eltern sei ein Falsnm. Der Vater, Ehiel Stieglitz, begab sich in Folge dieser Notiz in die Redaktion des ״CzaS" und forderte daselbst im Sinne des £ ויו des Preßgcsetzcs die Aufnahme einer Vcrichtignng, worin er die erwähnten Mitthcilnngen als unwahr bezcichnctc und gleichzeitig sich bereit erklärte, die Authentizität des von seiner Tochter hcrrührem den, in jüdischen Vettern geschriebenen Briefes zu beweisen. Die Redaktion verweigerte die Aufnahme der Berichtigung. Man fragte den Vater, warum ihm so viel au seiner Tochter liege, die ja doch bereits getauft sei, und da alle seine Nachforschungen, sie aufzusinden, erfolglos sein werden, weil kein weltliches Gericht befugt sei, sich in kirchliche Angelegenheiten zu mischen. Herr Stieglitz erklärte, sich an den Staatsanwalt wenden zu wollen. Der ״Ezas" ignorirte trotzdem die ihm zugemuthctc Berichtigung, aber das Blatt brachte am folgenden Tage eine kurze Notiz des Inhalts, daß Herr Sticglitz behaupte, seine Tochter nicht geschlagen zu haben. Gleich darauf veröffentlichte jedoch der ״Ezas" abermals einen Bericht über die Ursache des Verschwindens der Nachel Stieglitz ans dem elterlichen Hause und deren Taufe, wobei Pater Eberhard als ganz unschuldig an diesem traurigen Vorfälle dargcstellt wird. In diesem Berichte wird auch ein merk-; würdiger Brief mitgetheilt, den angeblich die getaufte; Nachel, diesmal aus Deutschland, an ihre jüdischortho-; doxe Großmutter in Krakau gerichtet haben soll, der 1 aber sonderbarerweise nicht .in die Hände der Letztgej nannten, sondern in die des Pater Eberhard gelangte! und augenscheinlich, wie der gedachte Brief ans Paris,; singirt ist, 11m die Nachforschungen der Eltern nach dem Aufenthaltsorte ihrer Tochter auf falsche Fährte; zu lenken. Die Epistel lautet folgendermaßen: ״Thenerne Großmutter! Obgleich Du mir gewiß böse bist, drängt es mich, euch mitzntheilen, daß; ich gesund bin und mich in meiner katholischen Religion :'glücklich fühle und derselben bis zum Tode ticu zu bleiben gedenke. Theure Großmutter und theure Eltern, ich werde eurer nie vergessen. Bin ich doch euer Kind! Ich wollte schon lange an euch schreiben und zögerte . nur aus Furcht, daß es euch unangenehm sein könnte, j Ich fühle euren Schmerz und eure Bangigkeit. Mich : selbst drückt vielleicht ein größerer Schmerz. Aber die katholische Religion ist mir thcurcr als Alles. Ich lebe . mir für sic, für sie will ich alle Drangsale des Lebens ertragen und für sie sterben. Ich befinde mich in i einem sehr anständigen großen Hause (in Deutschland)